US-japanischer Kultwagen Sakrileg im Motorraum

Sushi mit Ketchup? Das ist schlimm. Noch schlimmer ist es für Puristen, wenn japanische Motoren in Musclecars verpflanzt werden, in uramerikanische Kultautos. Ralf Becker hat es getan - die Fangemeinde ist zutiefst verstört.

Von Jürgen Pander


Der Kenner spricht von Engine Swap. Damit ist jene Operation der Motorverpflanzung gemeint, die in der Autoszene als größte anzunehmende Umbaumaßnahme gilt. Normalerweise funktioniert eine Motorentransplantation nach dem Prinzip der Sortenreinheit. In einen kleinen, alten Opel Kadett darf durchaus ein fetter Motor aus einem alten Opel Diplomat gequetscht werden; betagte Ami-Schlitten dürfen mit V8-Aggregaten bestückt werden. Aber Karosserie und Antrieb sollten, bitte schön, zumindest aus einer Markenfamilie stammen.

"Warum?", fragt Ralf Becker. Der Hamburger Autofan und Betreiber der Internetpräsenz Chromjuwelen pfeift auf Originalität, er bekennt sich zur Kreativität - und zwar quer durch die Autokulturen. Er nennt das "Hot Rodding 2.0". Und damit niemand sagen kann, so etwas gehe doch in der Realität gar nicht, hat er ein solches Projekt jetzt durchgezogen. Selbst der TÜV gab seinen Segen, und nun fährt Becker mit einem mattschwarzen Pontiac Le Mans aus dem Jahre 1972 durch die Gegend, in dessen Motorraum ein Aggregat aus einem Toyota Supra von 1991 ballert. US-Altmetall kombiniert mit Japan-Hightech - in den einschlägigen Foren tobt seit Bekanntwerden dieser Operation ein Glaubenskrieg.

"Das ist einfach falsch", tadelt ein US-Muscelcar-Fan beispielsweise, und ein anderer befürchtet, die Ost-West-Connection werde "die Autogötter erzürnen". Es gibt aber auch Verständnis in der Szene. "Der Pontiac Le Mans mit dem originalen Sechszylinder-Reihenmotor war so zuverlässig wie ein Sack Nüsse", erläutert ein Autonarr. Und ein anderer schreibt in seinem Blog: "Genial, bislang haben wir unsere V8-Motoren in kleine Importmodelle gequetscht, jetzt kommen Importmotoren in amerikanisches Alteisen. Ich mag das."

Statt dreier Kabel jetzt Hightech-Elektronik

Becker mag es ebenfalls, auch wenn es ihn Nerven, Zeit und eine Stange Geld gekostet hat. Rund 500 Arbeitsstunden mussten bei der Firma West Coast Resto in der Nähe von Itzehoe investiert werden, um den Ami-Schlitten mit Automatikgetriebe und Wählhebel am Lenkrad in ein Auto mit Sechsgang-Schaltgetriebe umzubauen. Dazu musste erst einmal ein Kupplungspedal eingebaut und dann in aufwendiger Arbeit der Tunnel gespreizt werden, damit das Räderwerk überhaupt untergebracht werden konnte. Und wo früher ein 4,2-Liter-Sixbanger (so heißen Sechszylinder im Jargon der Szene) mit kaum mehr als 100 PS nach alter Väter Sitte rumorte, faucht jetzt ein Drei-Liter-Sechszylinder, der locker um die 240 PS mobilisiert. Der neue Motor katapultierte das Musclecar schlagartig in eine neue Autoära.

"Der Pontiac Le Mans hatte drei Kabel, das war's an Elektrik", beschreibt Becker die Essenz der Renovierung. "Der Supra-Motor läuft computergesteuert, und die Progammierung der Steuergeräte war das eigentliche Problem des Engine Swap." Glücklicherweise passte das japanische Aggregat ziemlich problemlos in die Höhle, in der vorher das General-Motors-Trumm hauste. Der Toyota-Motor stammt vom Schrott und wurde mit speziellen Schmiedekolben und Schmiedepleueln, einem stärkeren Turbolader, einem Intercooler sowie einer neuen Auspuffanlage inklusive Katalysator fit gemacht. Auch Fahrwerksteile mussten komplett neu konstruiert und hergestellt werden. Dazu erhielt die Fuhre bissige Scheibenbremsen aus einem Chevrolet Camaro.

Im Fond leckt es noch ein wenig - eine Lappalie

Der Le Supra, wie Becker sein exzeptionelles Coupé nennt, fährt zwar schon ganz ordentlich, doch stehen noch diverse Kleinarbeiten an. Der Motor muss noch besser eingestellt werden, an der Karosserie gibt es noch etliche Macken, eine neue Frontscheibe soll bündig in den Rahmen eingepasst werden und auch die Heckverglasung ist noch nicht optimal. "Da leckt das Auto ein bisschen", sagt Becker. Doch nach einem Großeingriff wie ihn der Pontiac hinter sich hat sind das nur Lapalien.

Was mit dem Auto in Zukunft passiert, ist noch nicht so ganz klar. "Zirka 50.000 Euro", sagt Becker, wenn man ihn nach dem ungefähren Wert des Wagen befragt. Wobei sich diese Summe nur dem erschließt, der um die Exklusivität eines derartigen Umbaus weiß. Weltweit, so heißt es in der Szene, gebe es maximal eine Handvoll alter Kultautos, die einen solchen transkontinentalen Techniktransfer hinter sich haben. Darunter, so hört man, soll auch ein Nissan mit Ferrari-Motor sein. Ralf Becker denkt übrigens auch schon über das nächste Projekt nach. "Warum nicht einen 50er Chevy auf Hybridantrieb umrüsten?", fragt er. Ja, warum eigentlich nicht.



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