Vespa PK 80 Claudia und das goldene Biest

Für viele Menschen sind Fahrzeuge Beziehungskisten. Margret Meincken berichtet von prägenden Erlebnissen mit mobilen Klassikern. Diesmal: Warum eine junge Frau so sehr an einer goldenen Vespa hängt.

Claudia Feldmann

Er entdeckte die goldene Vespa in den Kleinanzeigen. Seine Frau brachte ihn von Bremen nach Syke, sie wollte bleiben, doch er schickte sie zum Einkaufen. Er wollte das Geschäft alleine machen.

Er zahlte, setzte sich auf den Sitz und startete den Motor. Es war seine erste Fahrt mit der goldenen Vespa, seine erste Fahrt mit einem Roller überhaupt. In der zweiten Kurve rutschte er weg und stürzte. Schrammen an den Beinen, Schrammen im goldenen Blech. Er stolperte in eine Telefonzelle, brüllte auf den Anrufbeantworter, wie seine Frau ihn in Syke hatte alleine zurücklassen können. Frustriert und durchnässt rollerte er nach Hause, bugsierte die Vespa in die Garage und würdigte sie wochenlang keines Blickes. Eigentlich wollte er sie gar nicht mehr fahren. Sie war gefährlich.

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    Oldtimerfahrer haben (fast) alle etwas gemeinsam, fand Margret Meincken bei ihrer Arbeit als Motorjournalistin heraus: Die Liebe zum alten Blech entstand schon in der Kindheit, oft geprägt durch die Eltern.

    Bei Meincken war es nicht anders. Ihre Automacke entwickelte sich noch im Mutterleib bei einer Tour mit dem Ford Bronco ihres Vaters.

    Von prägenden Erlebnissen mit der ersten motorisierten Liebe erzählt sie regelmäßig für SPIEGEL ONLINE in unserer Serie "Im Rückspiegel".

Dabei wollte er sie doch unbedingt haben, diese Vespa PK 80, Baujahr 1987, das Geburtsjahr seiner Tochter Claudia. Mit ihrem golden glänzenden Blech, Champagner, Farbcode 613, sah sie irgendwie spacig aus. Und das passte zu Horst Feldmann, der bei EADS Astrium Programme schrieb und Module entwickelte, unter anderem für den Mars-Rover "Curiosity", dessen Einsatz er gerade noch im Fernsehen mitverfolgen konnte.

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Motorroller mit Geschichte: Die verflixte, goldene Vespa

Er pflegte seine Vespa, schraubte Windschutzscheibe und Rückspiegel an, montierte einen großen Koffer auf dem Gepäckträger, in dem er Helm, Nierengurt und ein zweites Paar Handschuhe verstaute. Er besserte die Schrammen und Beulen seines Unfalls aus und überklebte sie mit der passenden Goldfolie. Und dennoch hielt er seine unschuldig glänzende Vespa für so gefährlich, dass sie die meiste Zeit in der Garage stand.

Ins Freie durfte das Biest nur, wenn der TÜV fällig war

Ins Freie durfte das Biest nur, wenn der TÜV fällig war. Dann nahm sich Horst Feldmann eine Woche Zeit, putzte und polierte, prüfte Ölstand und Reifendruck. Der Nachbar rief rüber: "Na, is' wieder so weit?". In voller Montur, mit Lederstiefeln, Nierengurt, Handschuhen, Jethelm und Pilotenbrille, startete Horst Feldmann den Motor. 5,5 PS, luftgekühlt, 77 km/h Spitze.

Für kurze Zeit wirkte der schmale, zurückhaltende Mann wie ein anderer Mensch. Seine Tochter lacht. "Er sah aus wie ein Feierabendrocker." Er fuhr langsam und vorsichtig, aber er sah nach Freiheit und Geschwindigkeit aus. Nach bestandenem TÜV verbannte er das güldene Ross wieder in die Garage. Hin und wieder ließ er die Vespa für eine halbe Stunde im Leerlauf laufen. Claudia, damals im rebellischen Teenageralter, fand das oberpeinlich.

Ein kleiner Traum von Freiheit, vom Erwachsensein

Dennoch träumte sie immer davon, selbst darauf zu fahren. Sie erinnert sich: "Als Kind war sie für mich ein Spielzeug, ein goldenes Raumschiff. Später war sie ein kleiner Traum von Freiheit, vom Erwachsensein".

Sie ist die einzige Tochter der Feldmanns. Ein glückliches Einzelkind war sie nicht. Als sie zwölf war, begannen die Probleme zwischen den Eltern, als sie 20 war und gerade eine Ausbildung zur Mediengestalterin begonnen hatte, warf ihr Vater sie raus. Er war überzeugt davon, sie zerstörte seine Ehe. Ein halbes Jahr nach ihrem Auszug trennten sich die Eltern.

Horst Feldmann suchte Halt, suchte neue Freunde, und am liebsten hätte er auch ein richtiges Motorrad gehabt, nicht nur eine goldene Vespa in der Garage, die so störrisch war, und gefährlich obendrein. Er färbte sich die Haare schwarz, stopfte seine Levis 501 in wadenhohe Rockerstiefel, in denen er nicht richtig laufen konnte, und besuchte die Hardrock-Nächte im legendären Aladin in Bremen. Dort stand er dann, im "Dröhn", wie es die Bremer nennen, zwischen all den echten Rockern, und weil der schräge Vogel so verloren wirkte, freundeten sie sich mit ihm an. "Gerne hätte er mit den Jungs mehr Zeit gehabt", sagt seine Tochter, "er wäre gerne einer von ihnen gewesen".

Plötzlich versagten die Muskeln

Doch dafür blieb nicht mehr viel Zeit. Im Herbst 2013 musste er den Haushalt seiner verstorbenen Schwester auflösen. Er ließ Kartons fallen, stolperte die Treppe herunter, weil die Muskeln versagten. Wenige Monate später kam die Diagnose: Horst Feldmann litt an ALS, einer nicht heilbaren Erkrankung des motorischen Nervensystems.

Die Krankheit kam in Schüben, schnell und unerbittlich. Während sich die halbe Welt Eiswasser über den Kopf kippte und mit der "Ice Bucket Challenge" Aufmerksamkeit für die ALS erweckte, kam Horst Feldmann in ein Pflegeheim, kurze Zeit später wurde er auf eine Palliativstation verlegt. Im November 2014 verfolgte er dort die zweite Erkundungsfahrt des Mars-Rover "Curiosity" im Fernsehen mit. "Er platzte vor Stolz, weil er ein Modul für den Greifarm mitentwickelt hatte", sagt Claudia.

Der Wunsch, dem Tod noch einmal davonzufahren

Sie kündigte ihren Job, erledigte Besorgungen, kümmerte sich um ihren Vater. Ab Januar 2015 war er im Hospiz, saß Tag und Nacht in einem Rollstuhl, den er mit einem Joystick steuern konnte. Er wollte kein Bett, wollte nicht liegen wie ein kranker Mann. Er wollte mobil bleiben, wenigstens ein bisschen, so, als könnte er dem Tod noch einmal davonfahren. Vielleicht dachte er noch einmal an seine goldene Vespa, an die Fahrten zum TÜV, mit Lederstiefeln, Nierengurt und Pilotenbrille, an Freiheit und Geschwindigkeit.

Seine Tochter übernachtete im Hospiz, sprach mit ihm, auch wenn er nichts mehr erwidern konnte. Wenn sie den Raum verließ, sagte sie ihm stets, wohin sie ginge und wann sie wiederkäme. Claudia kämpft mit den Tränen. "Ich weiß noch, es war der 25. Januar, Sonntagabend, Tatortzeit. Ich war noch 'ne Stunde mit ihm allein, hab' mir alles von der Seele geredet. Dann ging ich zur Tür und sagte nur 'Tschüss, Papa'". Zehn Minuten später war er tot. Horst Feldmann wurde 69 Jahre alt. Seine Freunde aus dem Aladin kamen zur Beerdigung.

Das goldene Biest endlich zähmen

Claudia Feldmann, 30, lebt heute gemeinsam mit ihrem Verlobten auf einem großen Grundstück in Helvesiek zwischen Hamburg und Bremen. Die goldene Vespa ihres Vaters kauert in einer großen Scheune, zwischen einem Opel Rekord C Coupé, einer Ford-Taunus-Limousine und einem alten IHC McCormick. Der Roller springt sofort an und knattert eine Erinnerung nach der anderen in die frische Sommerluft.

Claudia hat genau so viel Respekt vor der Vespa wie ihr Vater. Sie will ein paar Runden drehen, setzt sich auf den Sitz, startet den Motor. Es ist ihre erste Fahrt mit der goldenen Vespa, ihre erste Fahrt mit einem Roller überhaupt. Sie rutscht, stürzt, wie der Papa, nur Schrammen hat sie keine. Claudia gibt nicht so schnell auf. Kommendes Jahr will sie ihren Motorradführerschein machen und das goldene Biest endlich zähmen.

Sie haben auch ergreifende Erinnerungen an ein bestimmtes Motorrad oder Auto? Dann schreiben Sie uns unter spon.auto@spiegel.de.



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Seite 1
ge1234 20.10.2018
1. Nun....
... ob golden oder nicht, eine Vespa ist einfach cool, ob 50er, 125er oder 200er! Die 80er Vespa dummerweise allerdings nicht! Ich habe selber noch eine 200er Cosa, Bj. 1996, mit der ich im Sommer immer zum See fahre. Eines Tages stand neben mir an der Ampel ein Cabrio mit zwei älteren Damen. Eine davon zeigte auf meine Vespa und meinte, Ihr Motorrad stinkt nach Abgasen! Ich erwiderte: Meine Vespa stinkt nicht, dass ist der Duft von Sonne,Sommer und Meer, das ist Italien!
P-Schrauber 20.10.2018
2.
Die PX Reihe mag ich auch sehr gerne bin eine 200'er mal gefahren. Die 80'er waren der deutsche Sonderweg mit dem 1b Führerschein, im europäischen Ausland fuhren damals alle 125'er. Wir hatten stattdessen das Kleinkraftrad 50cc ohne Limits, das waren ziemlich heiße Kisten. Man wollte sicherer Fahrzeuge und Limitierungen. Daher dann die 80'er 80cc Hubraum und 80km/h. Damals ab 16. Das waren noch Zeiten wo die Jugend ihr Territorium mit dem Kraftrad erforschte. Um den Vater trauere ich mit er hat wohl im Grunde immer etwas Angst gehabt beim Zweiradfahren wollte aber eigentlich sich als coole Socke darstellen daher das Outfit und die Farbe ... Ich hätte ihm einen längeren Lebensabend gewünscht.
ericstrip 20.10.2018
3. Einige unerfüllte Träume...
...nehmen wir wohl alle mit ins Grab. Ein schöner Text. Und es ist schön, daß die Tochter an ihren Vater denkt. Dazu muß sie die Vespa eigentlich ja auch nur anschauen.
noschfred 20.10.2018
4.
Ich hatte eine 125PX, Bj. 1992 und habe mich ebenfalls bei der Jungfernfahrt auf die Seite gelegt. Der Ärger darüber hielt nur ein paar Tage an. Die Schrammen habe ich nur übergespritzt und bin dann über 10 Jahre bei Wind und Wetter (nur nicht bei Glatteis) damit zur Arbeit gefahren. Hinter der großen Frontscheibe blieb man auch mit einfacher Regenkleidung halbwegs trocken. Nach ca. 60000 km habe ich die Maschine mit einem Kolbenfresser dann abgemeldet. Meine Frau wollte, dass wir uns einen Zweitwagen anschaffen. Nachdem ich den Zossen abgemeldet hatte, bekam ich für 10 Jahre die Steuern zurück erstattet weil man festgestellt hatte, dass die 125er eigentlich steuerfrei war. Für mich war die Vespa ein treues Arbeitstier, das mir viel Geld gespart hat.
schofseggel 21.10.2018
5. was bedeutet ITALIA?
Spagetti & Chianti oder zum Beispiel eine 150ger VESPA mit Handschaltung 4 Gänge und Kickstarter ca 90 hkm und den unverkennbaren Sound. Jede Ausfahrt ein Genuss. Und die Blicke der Fußgänger und Autofahrer. Da weiß man das man eines der weltweiten Kultobjekte fährt.
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