Vespas in Pakistan: Die Zweirad-Zeitmaschine

Von , Islamabad

Vespas in Pakistan: Zeitmaschinen zum Schnäppchenpreis Fotos
Hasnain Kazim

Pakistan ist ein Paradies für Vespa-Fans. Tausende der italienischen Zweirad-Klassiker fahren dort noch herum, gute Maschinen bekommt man schon für 1200 Euro. Ein junger Belgier hat daraus ein Geschäft gemacht - doch wegen des alltäglichen Terrors droht es zu scheitern.

Als der belgische Wirtschaftsstudent Jelle Mattelaer für seine Masterarbeit durch Pakistan reiste, entdeckte er seine Liebe zu Vespas. Egal, wohin er damals schaute, sah er Menschen auf bunt lackierten, inzwischen rostigen Rollern fahren. Kurze Zeit später war auch Mattelaer Besitzer einer Vespa, die ein halbes Jahrhundert auf pakistanischen Straßen unterwegs gewesen war, aber aussah wie neu. Es war ein Schlüsselmoment.

Mattelaer blieb länger als geplant. Im Herbst 2005 kam es in Kaschmir zu einem schweren Erdbeben, mehr als hunderttausend Menschen starben. Der damals 25-Jährige unterbrach seine Studien und half bei den Bergungsarbeiten. In dieser Zeit entwickelte er eine Zuneigung für Pakistan und beschloss, aus der Idee mit der Vespa ein Unternehmen zu machen. "Pakistan", sagt er, "ist zu meiner Heimat geworden."

Auf einer Vespa kann man alles transportieren, davon sind die Menschen in Pakistan überzeugt. Man sieht sechsköpfige Familien, Vater, Mutter, dazwischen zwei Kinder geklemmt, ein Baby auf dem Arm der Frau, ein weiteres Kind vor dem Vater stehend. Oder einen Fahrer mit zwei, drei Schafen an Bord. Oder einen Händler mit Säcken voller Waren. In Pakistan sind Vespas unzerstörbare Nutzfahrzeuge.

Zerlegt, lackiert, neuer Motor verpasst

Es sind vor allem Modelle aus den sechziger Jahren: 150 Kubikzentimeter Hubraum, ein Klassiker. Anfangs wurden sie von Piaggio in Italien gefertigt und importiert, später kamen die Roller in Einzelteilen und wurden in einem Werk in Karatschi, später in einer neuen Fabrik im pakistanischen Kaschmir montiert. In den achtziger Jahren schloss auch dieses Werk.

"Es fahren aber immer noch viele Tausend davon herum. In armen Ländern wie Pakistan wird nichts weggeschmissen", sagt Mattelaers Freund Mohammed Rais. "Man bekommt hier eine Vespa für zehntausend Rupien, ein besser erhaltenes Modell für zwölftausend." Umgerechnet sind das weniger als hundert Euro.

Der günstige Preis der alten Vespas war die Grundlage für Mettelaers Geschäftsidee. Er stellte seinen Kumpel Rais ein und begann, die alten Roller zu restaurieren. "Wir nehmen sie komplett auseinander, schleifen die alte Farbe ab, lackieren sie neu", erklärt Rais. Vom Rost zerfressene Teile würden ersetzt. "Das Blech bekommt man hier überall, andere Ersatzteile bestellen wir aus Indien." Dort fertigt Bajaj, einer der weltgrößten Motorrollerhersteller, immer noch vergleichbare Modelle.

Vier Restaurationen pro Monat

Am Ende des Restaurationsprozesses stehen Roller, von denen die Spuren von jahrzehntelangem Schwerstgebrauch beseitigt wurden. Sie sehen fast aus wie neu. Zweiräder in allen Farben, die an die Schönheit der Vergangenheit erinnern. Im Gebrauch sind sie zuverlässig, auch wenn man gelegentlich ein wenig Geduld braucht, den Motor zu starten. Es sind eben doch alte Geräte, auch wenn die Antriebe neu sind und der Tacho deshalb auf Null gestellt wurde.

"Wir haben aus dem Bestand des geschlossenen Werks in Kaschmir mehr als hundert Motoren gekauft", sagt Mattelaer. "Das reicht für eine Zeit." Außerdem haben Rais und er Handwerker engagiert, die einst für die Montagewerke in Karatschi und Kaschmir arbeiteten, Männer, die teils seit Jahrzehnten nichts anderes machen, als Vespas zu bauen und zu reparieren.

Zehn Leute arbeiten in der Werkstatt in Islamabad, im Industriegebiet am Stadtrand der pakistanischen Hauptstadt. "Wir schaffen etwa vier Vespas pro Monat", sagt Zaffar, der Meister. Mit einem Lappen streicht er über ein rotes Modell.

Geringe Nachfrage, Probleme mit dem Zoll

Allerdings wird es immer schwieriger, Käufer für die rundüberholten Zweiräder zu finden. Eine Vespa verbraucht etwa vier Liter Benzin auf hundert Kilometer, moderne Motorräder nur etwa die Hälfte. Viele Menschen leben in Pakistan in Armut, da bleibt kein Geld für Nostalgie. "Anstatt die Vespa zu behalten, kaufen sie sich ein neues, chinesisches Motorrad", sagt Zaffar. Das gibt es schon für umgerechnet 300 Euro. Eine restaurierte Vespa mit Ledersitz kostet dagegen etwa 1200 Euro. Für einen vergleichbaren Preis bekommt man sie auch aus Werkstätten in Vietnam, für mindestens das Doppelte bis Dreifache auch von US-amerikanischen und europäischen Anbietern.

"Unsere Käufer sind vor allem Diplomaten und Entwicklungshelfer", sagt Rais. "Aber die trauen sich wegen der angespannten Sicherheitslage immer seltener, irgendwohin zu fahren." Es ist eine Folge des seit Jahren andauernden Terrors: Viele Menschen verlassen nur noch wenn nötig ihr gesichertes Wohnviertel.

"Wir exportieren zwar auch nach Europa, unsere Roller entsprechen nämlich deutschen Standards", sagt Zaffar und zeigt voller Stolz auf ein Dokument an der Wand. "Gutachten zur Erlangung der Betriebserlaubnis" steht drauf, darunter ein Stempel von einer deutschen Behörde. Aber auch der Export werde immer schwieriger, sagen die Vespa-Restaurateure. Der pakistanische Zoll macht Probleme, immer häufiger verlangen Beamte Schmiergeld. Wenn nichts gezahlt wird, bleiben die Container manchmal wochenlang im Hafen von Karatschi stecken.

"Leider lohnt sich unser Geschäft kaum noch", sagt Mattelaer, der inzwischen ein kleines Kind hat und deshalb wieder mehr Zeit in Belgien verbringt, aber regelmäßig nach Pakistan reist, auch weil er dort eine Softwarefirma gegründet hat. Wenn er nicht vor Ort ist, werden die Geschäfte in Pakistan von Rais, seinem treuen Freund, geführt. Mattelaer überlegt wegen des Nachfragerückgangs, ob er das Geschäft mit den Vespas fortführen soll. Er zögert noch, es einzustellen, immerhin verdienen zehn Angestellte ihren Lebensunterhalt durch ihn.

Aber in diesem Jahr haben sie bislang nur zwei, drei Roller verkauft. Wenn Mattelaer seine Werkstatt schließt und aufhört, den alten Rollern neues Leben einzuhauchen, sterben die Vespas in Pakistan deswegen nicht gleich aus. Aber dass ihr Ende irgendwann kommt, ist klar. Und mit Mattelaers fällt eine kleine Institution weg, die sich dieser Entwicklung entgegenstellt.

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insgesamt 39 Beiträge
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1. V-e-s-p-a ... that's it !
susiwolf 20.05.2013
Die (abgebildete) 'italienische' Dreifarben-Vespa: Das muss nicht nur ein Italien-freundlicher-Flaggen-Kunde sein. Nein, er hat es auch mit der Schiff(f)ahrt: Steuerbord: grün Backbord: rot Dieses 'recycle'-Programm alter Vespas (Vespen ;-) hat es in sich. Welcher 'alte Vespa-Fan' kann da noch widerstehen? In den Sechzigern (noch Siebzigern): Frau/Mann hinten drauf - Kind dazwischen geklemmt - und ab ging es wer weiss wohin. Kommen die 'guten, alten Zeiten' wieder ? Natürlich mit Helm(en) ... Wieviel (heutige) Probleme mit diesem symbolischen 'Stadt- und Kurzstrecken-fahrzeug' wohl heutzutage gelöst werden könnten ?
2. Nostalgie...
kenterziege 20.05.2013
Zitat von sysopHasnain KazimPakistan ist ein Paradies für Vespa-Fans. Tausende der italienischen Zweirad-Klassiker fahren dort noch herum, gute Maschinen bekommt man schon für 120 Euro. Ein junger Belgier hat daraus ein Geschäft gemacht - doch wegen des alltäglichen Terrors droht es zu scheitern. http://www.spiegel.de/auto/fahrkultur/vespas-in-pakistan-zweites-leben-fuer-die-zweitakt-klassiker-a-895433.html
Da erwischt einen die Nostalgie pur! Ich hatte als Student 1961 eine GS mit 10 PS. Mit der bin ich ohne den erforderlichen Führerschein 1 durch halb Skandinavien gefahren. Den Polizisten dort hätte im Zweifel der Führerschein mit Klasse 3 genügt! Motto: Wer ein Auto fahren kann, kommt auch mit einer Vespa zurecht. Nur die deutschen Behörden nicht. Problematisch an der Vespa sind Bowdenzüge und Bremsen! Auch die Aufhängung der Hinterachs-Antriebs-Schwinge in Gummi-Silent-Blöcken ist nicht dauerhaft. Aber das Motörchen schnurrte zig-Tausende von km mitmeiner schönen Fahne unverbrannten Zweitaktmotor-Gemisches! Insofern: Bitte nur ein paar von den Dingern importieren!
3. Ist doch in den
papayu 20.05.2013
ueberall das Gleiche. Ueberall faehrt Schrott herum. Hier gibt es die Jeepneys, dann die Owners- aus alten Autoteilen zusammengebaute Autos, die Faehren sind ausgemusterte aus China, Japan. Hier ist eben die Hektik noch nicht angekommen. Man hat Zeit. Oldtimer aus Japan- meine Mizzi ist 17 Jahre alt Mitsubishi Galant, sieht immer noch wie neu aus. Taxis gibt es hier nicht, sondern nur Tricycles (15ccm) mit Seitenwagen. Spottbillig fuer 10 km nicht mal 1 Euro!! Hier auf den Philippinen und drumherum wird man die Wirtschaftspleite der EU unbeschadet ueberleben. Bei der letzten Taifunkatastrophe stand der Ministerpraesident mittendrin und verteilte Notrationen. Derselbe wollte sich letztes Jahr einen Porsche gegen einen BMW tauschen, ging nicht, das VOLK war dagegen!!! Mir geht es hier glaenzend als Rentner, habe nette Nachbarn und eine Riesenfamilie die mir anfangs auf die Spruenge geholfen hat. Sonnenkolektoren gibs hier auch, brauch ich nicht, ein Ventilator tuts auch. Ein wunderschoenes Land mit Superbadestraenden und sehr huebschen Maedchen und alle sprechen englisch, meine Enkelin 5 auch, lernt sie schon in der Vorschule. Nicht zu vergessen, hier gibt es keine Ampeln und keine Verkehrsschilder. Ich glaube, hier gibt es nicht mal einen Verkehrsminister.
4. Vespas in Cambodia
josppp 20.05.2013
Wenn es in Pakistan nicht mehr so laeuft mit den Vespas, dann mach doch eine Filiale in Phnom Penh/Cambodia. Hier ist ein richtiges Vespa-Paradies. Es gibt davon viele, und es gibt noch viel mehr Auslaender(NGO-Leute, usw.) die Vespas suchen. Der uebliche Preis ist um tausend Dollar fuer ein schoenes Stueck. Ausserdem ist Cambodia sicherer und friedlicher als Pakistan.
5.
thanks-top-info 20.05.2013
ein interessanter Bericht, wirklich toll zu sehen, welche Niechen es gibt um Ideen zu verwirklichen. Chinesische Ware/ künstlich niedriger Preis hat schon manchen Markt zerstört
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