Veteran Car Run Sieg über die Pferdekutschen-Lobby

Sie feiern die Befreiung des Automobils: Im viktorianischen Großbritannien musste jeder Wagen von einem Fahnenschwenker begleitet werden und durfte nur Schrittgeschwindigkeit fahren - dann wurde der Red Flag Act abgeschafft. Alljährlich feiern Fans das Ereignis.

Von Stefan Robert Weißenborn


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Oldtimer-Fahrt London–Brighton: Befreiungsschlag der Veteranen

Voller Überschwang zündeten einige Autler, wie man Autobesitzer damals noch nannte, 1896 in London eine rote Flagge an. Gefeiert wurde mit dem Feuerchen die Abschaffung des verhassten Locomotives Act - der schrieb vor, dass neben Motorwägen stets ein Fahnenschwenker herlaufen musste.

Jedes Automobil - damals handelte es sich meist um Dampfwagen - musste im viktorianischen England von solch einem Läufer begleitet werden, der zur Warnung von Pferdekutschern und Fußgängern mit einer roten Flagge wedelte. Das reduzierte die Fahrgeschwindigkeit erheblich - auf etwa 6,5 km/h.

Die Bestimmungen des auch Red Flag Act genannten Gesetzes hemmten die junge britische Autoindustrie. Doch 1896 gelang der Autolobby der Durchbruch. Unter ihrem Druck verabschiedete die Regierung eine Neuauflage, die der neudefinierten Klasse "leichter Lokomobile" die Höchstgeschwindigkeit von 14 Meilen pro Stunde einräumte. Auch durften die Autos nunmehr von einem Mann anstelle von einer dreiköpfigen Crew geführt werden.

Federführend bei der Reform dabei war der Gründer des Motor Car Club of Britain, Harry Lawson: Zur Feier des Sieges über die Pferdelobby organisierte er den London Brighton Run. 33 Automobile zelebrierten am 14. November 1896 eine Schaufahrt par excellence - von der britischen Hauptstadt bis an den Ärmelkanal.

"Im Grunde wurde damals das Kraftfahrzeugwesen von heute etabliert", sagt der Londoner Veranstaltungsmanager Roger Etcell. Er ist dafür verantwortlich, dass die Ereignisse von 1896 jährlich nachgestellt werden - beim London Brighton Veteran Car Run.

Die Veranstaltung ist das älteste, noch ausgetragene Auto-Event. An diesem Herbstsonntag (1. November) werden wieder dick eingepackte Menschen in über 500 offenen Pretiosen vom Hyde Park bis an den Ärmelkanal tuckern.

Schaudel, Thornycroft, Hotchkiss, Argyll, Rexette

Die Teilnahme ist nur Gefährten erlaubt, die vor 1905 gebaut wurden. Für das Startgeld von 150 Pfund ist man dabei, vorausgesetzt man gehört zum Autoadel und hat Zugriff auf eines der kostbaren rollenden Fossile. Sir Stirling Moss etwa: Der im September 80 Jahre alt gewordene Rennfahrer sitzt in einem noch älteren Panhard et Levassor von 1903. Nick Mason, der Schlagzeuger von Pink Floyd, wird einen Wagen der gleichen Marke steuern.

Dabei sind Veteranen weiterer Marken: Cadillac, De Dion Bouton, Oldsmobile und Renault. Oder solche, die die Welt nicht mehr kennt: Schaudel, Thornycroft, Hotchkiss, Argyll, Rexette. Als Elektroautos sind ein Cleveland, Baujahr 1900, und ein Waverley von 1903 vertreten. Dampfautos, die damals so genannten Steamer, tragen Aufschriften wie White, Milwaukee oder Stanley.

Für die 60-Meilen-Spazierfahrt in das britische Seebad werden keinen Mühen gescheut: 133 Teilnehmer kommen aus Übersee; selbst Fahrzeuge aus China, Südafrika, den USA und Australien wurden nach Britannien verfrachtet. Aus Deutschland fahren 19 Pioniere vor.

War der Run in den Gründertagen ein politischer Konvoi auf vier Rädern, ist er heute ein touristischer Event. "Wir erwarten 250.000 Zuschauer entlang der Route", sagt Etcell, dessen Arbeitgeber im Auftrag des "World Automobil Club London" 2004 die Organisation übernahm und um den Car Run ein Rahmenprogramm strickte, das die Massen lockt: Freitags kommen bei einer Auktion Oldtimer unter den Hammer, samstags locken 125 rüstige Autogreise bei einem Concours noch einmal rund 250. 000 Interessierte in die Regent Street.

Die Herausforderung besteht darin, den Stau zu umgehen

Bemerkenswert ist, dass mit den Jahren immer mehr Autos hinzu kommen. Seit 2004 ist die Zahl der Teilnehmer von gut 300 auf über 500 gestiegen. " Damit zieht die Veranstaltung rund ein Drittel aller weltweit noch existierenden Oldtimer der fraglichen Baujahre an.

Nachwuchs ist also nicht das Problem. Am Tag X besteht die Herausforderung eher darin, ein alltägliches Ärgernis zu umgehen: den Londoner Stau. Denn Straßen werden für das Spektakel bis auf eine Ausnahme am Buckingham Palace nicht gesperrt: "Wir müssen so schnell wie möglich aus London raus."

Damit das funktioniert, starten die Oldtimer im Morgengrauen. Ansonsten drohten "Probleme für die Fahrer der alten Autos, mit anhalten und wieder starten." Jährlich erreichen laut Etcell zehn Prozent der Starter ihr Ziel nicht - was angesichts des enormen Alters der Vehikel aber keine schlechte Quote ist.



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