Oldie-Wohnmobil aus Amerika "Der Vixen und ich, wir sind zusammengewachsen"

Claus Reissig

Die TÜV-Zulassung meines ungewöhnlichen Wohnmobils Vixen 21TD war schon ein Abenteuer, doch jetzt kommt die wahre Bewährungsprobe: Der Härtetest als Wohnmobil - bei einer 2000-Kilometer-Reise.

Vier Monate habe ich auf diesen Moment hingearbeitet: das erste Mal die Schränke füllen, die Mountainbikes einladen - und auf Tour gehen. Wir wollen mit dem Vixen in die Berge, eine Woche haben wir Zeit, über 2000 Kilometer soll mein silbernes Traumauto am Ende fahren.

Ein bisschen nervös bin ich schon: Die Probefahrt einige Tage vor der Abfahrt ging gerade einmal über 100 Kilometer, nicht eben viel für einen Oldtimer. Ich frage mich, ob die drei Jahrzehnte alte Technik wohl problemlos durchhält. Aber warum eigentlich nicht? Der Vixen ist immerhin nur 100.000 Kilometer gelaufen, der Austauschmotor hat gerade mal 30.000 Kilometer auf der Uhr.

Mit dem Silberpfeil auf der Autobahn

Hinter den Elbbrücken geht es auf die A7 Richtung Süden, ich nehme den Vixen zum ersten Mal richtig wahr. Selten habe ich mich in einem Auto so fremd gefühlt, so anders, so ungewöhnlich ist er. Ich empfinde eine nie gekannte Distanz zu dem Verkehr um uns herum. Der Motor im Heck ist unter der dicken Matratze des Doppelbetts fast nicht zu hören, hinter der breiten Windschutzscheibe sitzen meine Partnerin und ich wie im Panoramakino - und so weit auseinander wie in einem ausgewachsenen Lkw. Leise säuselt der Wind an der Fahrertür.

Auf der Suche nach der richtigen Reisegeschwindigkeit
Claus Reissig

Auf der Suche nach der richtigen Reisegeschwindigkeit

In meinem Kopf spuken die von den Konstrukteuren versprochenen 100 Meilen pro Stunde Reisegeschwindigkeit herum. Wie schnell soll man mit diesem Auto fahren? 150 km/h steht als Höchstgeschwindigkeit im Fahrzeugschein, das will ich nicht ausprobieren. Zumal die Skala im Tacho bei 85 Meilen, beziehungsweise 140 Stundenkilometern, endet.

Die linke Spur fühlt sich jedenfalls falsch an zwischen den dicht auffahrenden schwarzen Kombis, das hier ist die deutsche Autobahn und kein entspannter amerikanischer Highway. Also runter vom Gas, das passt nicht zu dem Auto. Ich entscheide mich für gemütliches Cruisen, auch wenn der dicke BMW-Diesel im Heck zu mehr imstande ist. Das perfekte Tempo liegt für mich zwischen 100 und 120 Stundenkilometern, locker überhole ich die meisten anderen Wohnmobile.

In Mitteldeutschland regnet es und ich ändere das Ziel: Oberstdorf im Allgäu statt Oberhof in Thüringen, 850 statt 400 Kilometer stehen uns nun bevor. Aber was soll's? Dafür habe ich das Auto schließlich gekauft. In Bayern rollen wir nach 800 gefahrenen Kilometern das erste Mal auf eine Tankstelle. Knapp zehn Liter Verbrauch ergibt die Rechnung, so wie ich es erhofft hatte. Später sollen wir mit knapp mehr als neun Litern auskommen.

Die letzten Kilometer geht es über die Landstraße, die mit dem breiten Vixen plötzlich sehr schmal wirkt. An Steigungen will der Turbodiesel bei Laune gehalten werden, das bedeutet, dass ich ihn auf mindestens 2500 Umdrehungen halte. Mit einem Auge habe ich den Drehzahlmesser im Blick, mit dem anderen den Tacho mit seinen zwei Skalen für Kilometer und Meilen. Bei den Gangwechseln brauche ich Zeit, da fehlt die gewohnte Präzision.

Schließlich stehen wir auf dem Campingplatz, mit Blick auf die Alpen. Auf Knopfdruck fährt der Pneumatikzylinder neben dem Kühlschrank mit leisem Summen das ganze Dach auf einer Seite nach oben. Die Plexiglasfester im nun offenen Spalt klappen sich automatisch aus, wir verriegeln die kleinen Dreiecksfenster an den Seiten. Das Auto wirkt wie eine helle Kathedrale mit Stehhöhe von vorn bis hinten.

Panoramablick auf Knopfdruck
Claus Reissig

Panoramablick auf Knopfdruck

Während Marty McFly in seiner Zeitmaschine nur fuhr, wohnen wir in unsrer auch noch. Im Vixen herrscht die in Erinnerungen unbeschwerte Zeit der Achtziger, der Wagen ist weitgehend original erhalten. Graue Polster, Kunststoffverkleidungen, leichte Möbel, diese Sachlichkeit ist es, die mich schon beim Kauf faszinierte. Es gibt weder blinkende Digitalanzeigen noch USB-Stecker, nicht einmal eine Uhr haben die Konstrukteure dem Auto mitgegeben. Stattdessen stehen jetzt alle Zeiger der Instrumentensammlung im Armaturenbrett auf null, als würde der Vixen schlafen.

Und dann ist plötzlich die Batterie leer

Durch das aufgeklappte Dach habe ich einen freien Blick auf den nächsten Berggipfel. Über eine einfache Mechanik klappe ich den Sitz auf der Beifahrerseite mit zwei Handgriffen gegen die Fahrtrichtung, sodass vier Sitzplätze am Tisch entstehen. Das ganze Auto verändert sich in Sekunden.

1986 war der Vixen ein luxuriöses Auto. Die Technik ist gut gepflegt, das Auto war regelmäßig in der Werkstatt. Warmwasser, Heizung, Kocher oder der Kühlschrank und die Klimaanlage funktionieren. Es gibt allerdings keine Gasanlage, den zweiflammigen Spirituskocher müssen wir auf Druck pumpen, vorwärmen und schließlich anzünden.

Als Konstruktionsfehler erweisen sich die vorderen Leselampen: Sie werden über die Starterbatterie gespeist statt über die Bordbatterie. Als wir nach fünf Tagen auf dem Campingplatz starten wollen, ist sie leer. Zum Glück hat der niederländische Nachbar ein Ladegerät und kommt mit der ganzen Familie zum Fotografieren. Daran gewöhnen wir uns langsam, denn wo wir hinkommen, ist das Auto der Star. Nach einer Woche war gefühlt der halbe Campingplatz bei uns zu Besuch.

Die Heimfahrt lassen wir entspannter angehen. Ein modernes, normales Wohnmobil ist für mich nach dieser Reise ferner denn je. Der Vixen ist kein beliebiger, perfekter Camper. Ich finde ihn cool, er hat Schwächen, und er entschleunigt. Der Vixen und ich, wir sind zusammengewachsen. Kaum zu glauben, dass ich ihn vor fünf Monaten das erste Mal in den USA gesehen habe.



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