Günstige Oldtimer - Volvo 740/760 Der ultimative Knick

Wenig Geld, aber trotzdem Lust auf einen Oldtimer? Kein Problem - es gibt sie nämlich, die Schnäppchenschlitten. Diesmal: der Volvo 700.

Volvo

Von Haiko Prengel


Günstige Oldtimer
    Sie haben richtig Lust auf einen Oldtimer, trauen sich aber nicht, einen zu kaufen, weil Altautos in vielen Medien nur noch als Wertanlage thematisiert werden? Keine Angst, man muss nicht erfolgreich an der Börse spekuliert haben, um schönes Blech zu fahren.

    Klar, für Opas abgelegte Karren von Mercedes oder BMW sind inzwischen stolze Summen fällig, und für die meisten alten Porsches werden heute Mondpreise gezahlt. Aber zwischen all den teuren Strahlemännern, die in der Regel kaum noch bewegt werden, gibt es sie noch: die Mauerblümchen, die Exoten, die kaum jemand auf dem Schirm hat - und die entsprechend wenig kosten. Und das nicht nur in der Anschaffung, sondern auch im Unterhalt. Autos, bei denen die Ersatzteilversorgung kein Problem ist und für einen Auspuff nicht ein ganzes Monatsgehalt einkalkuliert werden muss.

Wir haben sie zusammengetragen und stellen sie in einer Serie in regelmäßigen Abständen vor.

Volvo 700 - der Schweden-Block

        Dieser Knick! Einmalig kantiges Heck am 740/760
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Dieser Knick! Einmalig kantiges Heck am 740/760

Allgemeines zum Modell: Die 700er-Serie war vor 30 Jahren das Maß der Dinge bei Volvo. Elektrische Fensterheber, Klimaanlage oder geteilte Rücksitzbank: Solche Features sind heute Standard, damals waren sie noch etwas Besonderes. 1982 präsentierte der schwedische Autohersteller zunächst die 760er Limousine als sein neues Spitzenmodell. Dann folgten ein riesiger Kombi sowie das nicht ganz so gut ausgestattete, aber baugleiche Modell 740. Ob Limousine oder Kombi: Der 740/760 war noch eckiger designed als sein berühmter Vorgänger 240/260 - und das hieß schon was, denn der war schon ein ganz grob geschnitzter Kasten.

Autos wie mit dem Lineal gezeichnet, eine Knautschzone bis zum Horizont: Kein Wunder, dass diese Fahrzeuge aus unendlich viel Blech - Verzeihung Schwedenstahl - bis heute Volvos Nimbus als Hersteller überaus sicherer und solider Autos prägen. Dabei werden sie schon lange nicht mehr in dieser Qualität gebaut.

Konzipiert wurde die 700er-Reihe insbesondere für den amerikanischen Markt. Das kann man gut an der steilen Heckscheibe der Limousine erkennen - ein Stilelement, das damals auch viele US-Straßenkreuzer auszeichnete. In Deutschland ist dagegen seit jeher der Volvo-Kombi beliebt. Mit zwei Metern Ladefläche war der 740/760 einer der größten Kombis, die man kaufen konnte. Die Limousine führte hierzulande eher ein Schattendasein - einmal abgesehen von Ost-Berlin. Zu DDR-Zeiten wurde der große Schwede von der Polit-Prominenz gefahren. Staatschef Erich Honecker orderte die Langversion eines 760 GLE für seinen exklusiven Fuhrpark. Insgesamt liefen bis 1992 über 1,2 Millionen Volvo 740 und 760 vom Band.

Warum ausgerechnet der? Ein Oldtimer, der nicht rostet? Alter Schwede! Tatsächlich gibt es Volvo 740/760, die (von der Laufleistung her) bereits zehn Mal um die Erde gefahren sind und noch kein bisschen Rost aufweisen. Nur in Schweden selbst gammeln auch 740/760, aber dort werden die Straßen im Winter ja auch gepökelt. Fans alter Opel oder Ford, ja sogar Mercedes-Fahrer werden angesichts der Korrosionsbeständigkeit vor Neid erblassen. Das Gute dabei: Der hartnäckige Schwedenstahl bei den alten Volvos ist nicht nur gegen Rost resistent, sondern bringt den Insassen auch eine Menge passive Sicherheit.

Der 740/760 hat aber noch andere Qualitäten: Auch fast ein Vierteljahrhundert nach Produktionsende ist der Wagen absolut alltagstauglich. Der Kombi mit seiner gewaltigen Ladefläche ist der ideale Wagen für die Familie mit Kindern. Noch cooler ist aber eigentlich die in Deutschland eher verschmähte Limousine, ein Geheimtipp für Individualisten.

Immer herein: Der Kombi hatte familienkompatibles Fassungsvermögen
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Immer herein: Der Kombi hatte familienkompatibles Fassungsvermögen

Sie haben moderne Autos satt, diese charakterlosen Stromlinien-Streber ohne Ecken und Kanten? Wer wie der Volvo 740/760 die Front eines Schneepflugs hat, pfeift auf den Windkanal. "Ziegelstein" wurde Edel-Schwede in den Achtzigern genannt, die Amerikaner sprachen vom "Swedish Brick". Das war aber keineswegs abwertend, sondern eher als Kompliment gemeint: Der Wagen sieht eben so aus, wie ein Schulkind ein Auto malen würde: simple Linien wie ein Schuhkarton, klare Kante.

Verfügbarkeit: Der Oldie-Boom hat längst auch die jüngeren Volvo-Modelle erreicht. Sie sind beliebte Klassiker mit großer Alltagstauglichkeit. Doch während gut erhaltene 240/260 beinahe ausgestorben sind, ist das Angebot an 700ern vergleichsweise üppig, auch dank der Rostvorsorge. Häufiger trifft man allerdings auf Autos mit Wartungsstau. Der lässt sich - im Gegensatz zu vielen anderen Oldtimern - aber mit relativ wenig Aufwand und kleinem Budget beheben. Selbst eine längere Reparaturliste muss kein Hindernis sein: "Beim 740/760 bekommt man die meisten Dinge vergleichsweise günstig wieder hin", sagt Olaf Maronde, der seit fast 30 Jahren auf alte Volvo spezialisiert ist.

Ersatzteilversorgung: Wer einen 740/760 fährt, muss sich um Ersatzteile keine Sorgen machen. Volvo hat noch (fast) alles auf Lager. Bis die Bestellung eintrifft, kann es aber ein paar Tage dauern. Darüber hinaus bietet der freie Markt eine große Auswahl an neuen und gebrauchten Teilen, etliche Händler haben sich auf Ersatzteile skandinavischer Automarken spezialisiert. Wer ein bisschen Talent und Platz zum Schrauben hat, kann die meisten Arbeiten auch selbst erledigen.

Ersatzteilpreise (beispielhaft):

  • Satz Bremsscheiben vorn: ca. 100 Euro
  • Satz Bremsbeläge vorn: ca. 45 Euro
  • Tür vorn: gebraucht ca. 100 Euro
  • Lichtmaschine: gebraucht ca. 80 Euro

Schwachstellen: Auch der Volvo 740/760 ist kein Wunderauto. Aber die Schwachstellen sind überschaubar. So quittiert der Tacho häufig seinen Dienst. Die Suche nach Ersatz kann sich hier in die Länge ziehen, eine gute Alternative ist die Tachoreparatur durch eine Fachwerkstatt. Einfacher ist es, eine gebrauchte Servolenkung aufzutreiben (120 Euro), wenn die alte zu schwergängig geworden ist. Und auch wenn die Karosse sehr rostbeständig ist: Der Auspuff gammelt alle drei, vier Jahre durch. Eine komplette Abgasanlage ab Kat gibt es aber zum Spottpreis von 150 Euro.

Nicht so geile Motorisierungen: V6-Euromotor sowie der Turbodiesel von VW
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Nicht so geile Motorisierungen: V6-Euromotor sowie der Turbodiesel von VW

Die Technik gilt als äußerst robust, Laufleistungen von einer halben Million Kilometern und mehr sind gerade beim 740 nicht ungewöhnlich. Im Basismodell werkeln die soliden Volvo-Vierzylinder mit 113 oder 145 PS (Turbo-Version). Einen weniger guten Ruf haben die Motoren im 760: Der V6-Euromotor, der auch in Renault und Citroen verbaut wurde, gilt als empfindlich. Das Gleiche wird 760 mit einem Turbodiesel aus dem Hause Volkswagen nachgesagt.

Preis: Fahrbereite Volvo 740/760 gibt es ab 500 Euro aufwärts. Dann muss man allerdings noch ein paar Groschen investieren, damit auch die Prüfer bei TÜV, Dekra und Co. glücklich sind. Autos mit gültiger HU-Plakette im Zustand zwei bis drei sind bereits ab 1500 Euro zu haben. So viel Auto für so wenig Geld muss man erst einmal finden.

Anlaufstellen im Internet

skandix.de Ersatzteile-Spezialist für skandinavische Automarken

skanimport.com Ersatzteile-Spezialist

segel.net/maronde Volvo-Experte Olaf Maronde

alter-schwede.de Volvo-IG und -Forum

Weitere, fast schon frech günstige Fuhren finden Sie in den vorangegangenen Folgen der Serie:

insgesamt 77 Beiträge
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Seite 1
Alternator 24.04.2016
1. Und schwups…
…ging der Preis für die 7er Volvos um 10% hoch, weil Investoren-Spasten gesehene haben, das Leute, die was wissen, den für einen Oldtimer halten. Es fehlt übrigens die wirkliche Achillesferse der 7er-Volvos im Artikel. Da die letzten EIgner dieser Autos meist auf der Suche nach billigen Arbeitspferden waren, wurde auch nur das absolut Nötigste in die Autos investiert. So haben manche "Sparfüchse" beim Hinterhofschrauber ihrer Wahl die Bremsscheiben lieber per Drehbank vom Grat, der die ehemalige Dicke der Scheibe markierte, befreien lassen, auch wenn die Scheiben so weit unterhalb der Verschleißgrenze gefahren wurden. Bei abgenutzten Belägen kann es so dazu kommen, dass die Bremskolben so weit ausfahren müssen, dass die Reichweite der Manschetten an den Bremszangen überschritten wird, und sie einreißen. Daraufhin werden die Bremskolben in der Zange festrosten, die Bremsen werden hängen, und eine wirklich teure Reparatur steht an. Das hatte ich bei den beiden 740ern, die ich besessen habe. Was auch nicht erwähnt wurde, sind die von der Decke fallenden Himmel, die sich von dem erodierenden PU-Schaum, der sie die ersten 3 Jahrzehnte dort gehalten hat, lösen. Dennoch sind diese Autos sehr angenehme, schöne, solide, praktische Gefährte mit grundsolider Technik. Auch die 3 Liter V6 sind sehr robuste Motoren, wenn man nicht eben lediglich gefühlte Experten an ihnen arbeiten lässt. Auch sie halten hundertausende Kilometer, wenn man nicht den Nicki Lauda im Tank hat.
kenterziege 24.04.2016
2. Schöne Serie über die 70er und 80er..
Volvo das Auto aus dem Olof-Palme-Land für die SPD-wählenden Studienräte. Was für eine Zeit. Kann sich heute ein Lehrer noch einen neuen Volvo S90 leisten? Vielleicht nur über die zauberhaft niedrige Leasingrate. Na gut - bei der Bonität von Beamten mag es klappen. Unvergessen die Werbung für Volvo mit der werdenden jungen Mutter hinter den Gardienen am Fenster die dem Erzeuger hinterher blickt und zu sich selbst und ihren Embryo sagt: "Gut dass er Volvo fährt!" Volvo - Das war die Betonung von Sicherheit von vorn bis hinten. Darin saßen leider auch die Leute, die vehement für eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf Autobahnen waren. Für mich als eingefleischtem BMW-Fahrer ein Anschlag auf die Freiheit. Volvo ja - dann aber doch eher den mit dem Buckel oder den Amazon. Der mit dem Käsehobeldesign hat schon zu viel Plastik. Trotzdem: Schöner Bericht und schöne Serie. Jetzt mit dem beginnenden Frühling wird man sie alle wieder auf der Straße sehen!
was-zum-teufel... 24.04.2016
3. Endlich!!!
Mal ein Bericht über ein lohnenswertes Modell, nicht über irgendwelche Gurken. Der besprochene Volvo ist der letzte "echte" Volvo. Naja, vielleicht der 850 noch.
gsa 24.04.2016
4. Hier wird nicht gepökelt
Hier in Schweden wird eigentlich nur in Stadtnähe gesalzen, der überwiegende Rest ist salzfrei. Die übriggebliebenen 740 werden hier überwiegend von der Jeunesse auf dem Lande umgestylt und verheizt. Der V6 wurde übrigens nicht in Citroen, sondern in Peugeot eingebaut.
f_eu 24.04.2016
5.
Autos mit der Übersichtlichkeit dieses Kombis werden heute leider nicht mehr gebaut. ""Der V6-Euromotor, der auch in Renault und Citroen verbaut wurde, gilt als empfindlich."" Das ist falsch. Das war schlicht und einfach ein Schrottmotor.
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