Volvo P 1800: Der schöne Schwede

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Volvo-Designer können nur mit dem Lineal zeichnen - dieses Image verfolgt den Autohersteller hartnäckig. Fans der Marke wissen natürlich, dass das falsch ist. Mit dem P 1800 stellten die Schweden sogar einen Sportcoupé auf die Räder, das zu den aufregendsten Autos des 20. Jahrhunderts zählt.

Volvo P 1800: Der elegante Schwede Fotos
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Es gibt sie, die Entscheidungen, die das Image eines ganzen Konzerns prägen können. Über Jahre hinaus. Der Vorstand des schwedischen Autoherstellers Volvo traf sie im Dezember 1957. Ein halbes Jahr zuvor hatte das Gremium Designer des Buckel-Volvo, Helmer Petterson, damit beauftragt, einen Gran Turismo auf die Räder zu stellen, am besten aus der Feder eines Italieners.

Petterson klemmte sich kurzerhand einige Zeichnungen seines Sohnes Pelle unter den Arm, der nach seinem Design-Studium am renommierten Pratt Institute in New York abgeschlossen und gerade beim Turiner Carosserier Pietro Frua angeheuert hatte und legte sie den Volvo-Chefs vor. Die hohen Herren waren schnell überzeugt und gaben grünes Licht. Der Countdown für eines der aufregendsten Autos des 20. Jahrhunderts lief an. Es war das P 1800 Coupé, das dieser Tage seinen fünfzigsten Geburtstag feiert.

Spätestens im Januar 1960 wussten die Volvo-Leute, dass sie einen Treffer gelandet hatten. Auf dem Brüsseler Salon und der International Auto Show in New York avancierte der Zweisitzer zum unumstrittenen Star. Von vorn erinnert er ein wenig an die Ferraris der fünfziger Jahre, ein knapp geschnittenes Dach, dessen grazile B-Säulen in ein lang gestrecktes Heck münden. Den krönenden Abschluss bilden zwei Finnen, die an die Heckflossen der älteren US-Straßenkreuzer erinnern. Der Chromschmuck unterstreicht die aufregende Silhouette und die kecken Biegungen der Stoßstangen, die schnell den Spitznamen Kuhhörner weghaben, machen den Wagen unverwechselbar.

Das Publikum musste sich allerdings noch mehr als ein Jahr gedulden, weil Volvo die komplizierte Fertigung des Coupés nicht in den Griff bekam. Am 7. Mai 1961 lief die Montage endlich an. Mangels eigener Kapazitäten hatte man nach langer Suche endlich den britischen Konzern Pressed Steel für den Karosseriebau gewonnen. Doch schon die ersten 250 Exemplare waren so miserabel gebaut, dass sie im heimischen Werk in Göteborg aufwendig nachgearbeitet werden mussten. Selbst eigens zur Qualitätssicherung der Endmontage bei Jensen Motors nach West Bromwich geschickte Ingenieure konnten kaum etwas ausrichten. Hastig wurde die Fertigung daraufhin nach Lundby verlegt. Und um den Qualitätssprung zu demonstrieren, nannte Volvo den P 1800 fortan P 1800 S. Doch unter dem Strich bleibt die Fertigung extrem aufwendig und der P 1800 entsprechend teuer.

Rustikale Technik

Doch das schreckte die Kunden zunächst nicht. Sie verfiellen schnell der besonderen Aura, die das Auto umgibt. Die ist übrigens nicht unwesentlich von dem britischen Schauspieler Roger Moore beeinflusst. Als Simon Templar ging der mit dem Sportwagen in der Krimiserie The Saint auf Verbrecherjagd, eroberte ganz nebenbei die Herzen der Frauen - und rückte den P 1800 ins beste Licht, das sich ein Werbestratege nur vorstellen kann. Der britische Sender ITC hatte 1962 nach einem passenden Auto für seinen Serienhelden gesucht und zunächst bei Jaguar nachgefragt, ob denn nicht ein E-Type in Frage käme. Die Jaguar-Leute reagierten aber so pomadig, dass man bei Volvo anrief. Eine Woche später stand ein hellweißer P 1800 am Set.

Doch die grandiose Ausstrahlung und die aufregende Formgebung konnten die rustikale Technik unter dem Blech auf die Dauer nicht vollständig überstrahlen. Tester monierten die niedrige Sitzposition und die hohe Gürtellinie, die ein Gefühl des Eingemauertseins vermittele. Nur wirklich großgewachsene Fahrer kämen damit zurecht. Auch der Motor mit seinen Stoßstangen gesteuerten Ventilen galt zu seiner Zeit schon als überholt. Hinzu kamen die hohen Bedienkräfte, die sowohl die überdies gefühllose Lenkung als auch das Kupplungspedal erforderten. Die Konkurrenten von Porsche und Alfa Romeo konnten das besser - und sie waren billiger.

Von heute aus betrachtet, ist die Kritik natürlich völlig unmaßgeblich: Im Umfeld der modernen Autos wirkt der P 1800 wie ein automobiles Kunstwerk, das über solch kleinliche Einwände erhaben zu sein scheint. Wo er auftaucht, zieht er die Betrachter in seinen Bann. Wildfremde Menschen lächeln dem Fahrer zu, Kenner linsen durch die schmalen Scheiben auf das Interieur, das im Zuge der Modellpflege zunächst die wohl gravierendste Veränderung erfahren hat. Bis zum Baujahr 1969 dominieren Chrom und üppiger Uhrenschmuck, danach der sportliche Chic der siebziger, mit schwarz unterlegten Instrumenten und Holzimitat.

Selten angebotener Klassiker

Unter dem Blech tat sich im Laufe der Jahre weit mehr. Der Motor erstarkte von ursprünglich 90 auf bis zu 120 PS, eine elektronische Einspritzanlage von Bosch half, die strengen Abgasvorschriften auf dem wichtigsten Absatzmarkt in den USA zu erfüllen. Was die Bremsen betrifft, spielte der Volvo von Anfang an vorne mit. Während Porsche noch mit Trommeln rundum verzögerte, verfügte der Schwede schon über Scheiben an der Vorderachse und einen Bremskraftverstärker. Später kamen auch Scheiben an der Hinterachse hinzu und ein echtes Zwei-Kreis-System, wie es heute noch Standard ist.

Zum neuerlichen Paukenschlag holt der damalige Volvo-Chefdesigner Jan Wilsgaard 1971 aus. Er orientierte sich an den gerade in England und den USA angesagten Shooting Breaks, Sportwagen mit Kombiheck, die die obligatorische Golfausrüstung aufnehmen können. Mit leichtem Strich zeichnet er ein langgezogenes Dach über den P 1800 und damit das Ganze nicht so massiv wirkt, entscheidet er sich für eine großzügige Verglasung. Die Heckklappe muss gleich ganz ohne verstärkenden Rahmen auskommen. Der P1800 ES erschien im August und verlieh der Modellreihe, die inzwischen etwas aus der Mode gekommen war, für weitere zwei Jahre neuen Glanz. Am 22. Juni 1972 rollte der letzte P 1800 ES vom Band. Insgesamt hatte Volvo bis dahin 39.414 Exemplare der P-1800-Reihe produziert.

Noch heute gilt der in Deutschland unter dem Namen Schneewittchensarg bekannte Sportkombi für viele Fans als der gelungenste Wurf von Volvo. Puristen wenden sich hingegen eher dem Coupé zu. Reue entwickeln die Eigner nur in den seltensten Fällen. Von den gut erhaltenen Exemplaren sind nur wenige auf dem Markt. "Manchmal steht ein Auto zum Verkauf, dessen Besitzer gestorben ist", erklärt Fritz Schöbel, der den größten Interessenverband von P-1800-Besitzern vertritt. Aus seiner Sicht sind die 1800er nicht nur wunderschön, sondern auch vernünftig. "Eine schlecht gemachte Karosserie ist der einzige Grund, weshalb man vom Kauf eines P 1800 wirklich Abstand nehmen sollte", erklärt er. "Wenn dann noch Lenkgetriebe, Overdrive und D-Jetronik in Ordnung sind, und man sie ordentlich behandelt, hat man einen alltagstauglichen Klassiker, der sehr günstig im Unterhalt ist."

Seine Zuverlässigkeit hat der P 1800 ohnehin schon lange unter Beweis gestellt. Dem Amerikaner Irvin Gordon aus East Patchogue im US-Bundesstaat New York verhalf er damit sogar zu einem Eintrag ins Guinness-Buch. Der Lehrer hatte sich 1966 einen knallroten P 1800 S zugelegt und damit bis 1998 mehr als 2,7 Millionen Meilen zurückgelegt - er versichert, dass er dabei ohne irgendwelche nennenswerten Reparaturen ausgekommen ist.

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insgesamt 4 Beiträge
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1. P1800
Illya_Kuryakin 09.05.2011
Früher war nicht alles besser. Aber vieles war schöner! Und Volvos hatten die Antriebsachse noch dort wo sie hingehört: hinten... Und der P1800ES (Schneewitchensarg) gefällt mir als Shooting Break wirklich besser als das Coupé. (Wobei das Coupé schon sehr gelungen ist.)
2. Solche Fotos hat ein solches Auto nicht verdient.
andrelei 09.05.2011
Hätte man für den Artikel nicht ein paar schöne Fotos machen können? Die Perspektiven sind bis auf das erste Foto alle erbärmlich und das Kennzeichen hätte man auch ein wenig professioneller retouchieren können.
3. na dann....
robertusk 09.05.2011
Zitat von andreleiHätte man für den Artikel nicht ein paar schöne Fotos machen können? Die Perspektiven sind bis auf das erste Foto alle erbärmlich und das Kennzeichen hätte man auch ein wenig professioneller retouchieren können.
....reichen Sie doch welche von Ihren wunderschönen P 1800 Fotos ein....SIE NÖRGLER! Wenn man sich sich über das Retouchieren eines Kennzeichens aufregt....mein lieber Schieber....was wollten Sie uns denn eigentlich mitteilen?
4. .
andrelei 22.05.2011
Dass das eines der schönsten Autos ist, die es überhaupt gibt und es definitiv wert wäre, ein wenig mehr in Szene gesetzt zu werden. Von meinem Auto gibt es auch keine tollen Fotos. Das liegt aber daran, dass es ein einfacher Skoda Octavia ist und nicht wert, da nen Aufwand für zu betreiben.
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