Radel verpflichtet

Radel verpflichtet Mein härtester Gegner: ich

Schlapper Mann (aber nicht Ralf Neukirch)
Uppercut / Getty Images

Schlapper Mann (aber nicht Ralf Neukirch)


Zwischen Frust und Vorfreude liegt zu Beginn der Radsaison ein schmaler Grat. Ganz wichtig: die richtige Vorbereitung. Wie ich mein eigener Trainer wurde - und mich dann selbst feuerte.

Der Frühling ist für passionierte Radfahrer wie mich eine schöne Zeit. Die Bäume grünen, die Vögel zwitschern und man kann endlich wieder länger als eine halbe Stunde auf dem Rad sitzen, ohne dass die Zehen absterben. Der Frühling ist leider auch die Zeit, in der sich das im Winter angesammelte Konditionsdefizit brutal bemerkbar macht.

Die anderen in meiner Rennradgruppe machten schon im April einen fitten Eindruck. Ich war nach 30 Kilometern am Ende, musste aber so tun, als hätte ich einen Heidenspaß. Mich retteten die fünf Minuten, die wir am Schwielowsee auf die Fähre warteten und ich meine wenigen Kräfte wieder sammeln konnte. Etwas musste sich ändern.

Zum Autor
  • Hanna Becker
    Zunächst deutete wenig auf eine andauernde Liebesaffäre hin. Die erste Begegnung mit einem Fahrrad, an die Ralf Neukirch sich erinnert, endete mit einem Sturz. Doch irgendwann wurde für den SPIEGEL-Redakteur das Radfahren von der Notwendigkeit zur Leidenschaft. Seither hält er es mit John F. Kennedy: "Nichts ist vergleichbar mit der einfachen Freude, Rad zu fahren."

    Von den schönen Momenten, aber auch den sportlichen, technischen und persönlichen Herausforderungen des Radfahrens erzählt Ralf Neukirch regelmäßig in diesem Blog.

Nach Durchsicht etlicher Websites und Trainingsbroschüren wusste ich: Von den zehn schlimmsten Trainingsirrtümern hatte ich in der Vergangenheit stets zwischen sieben und neun begangen, je nach Liste. Ich nahm mir unter anderem zu viel vor, ich fuhr zu schnell an, ich fuhr zu langsam weiter, mein Training steigerte sich nicht von Woche zu Woche, kurz gesagt: Ich hatte keinen Plan. Nur gegen eine Trainingssünde war ich immun; es passiert mir nie, dass ich die Kalorienaufnahme nach dem Winter zu schnell reduziere.

Ich fasste also einen Entschluss und entschied mich für eine alte Trainingsmethode, die gerade wieder sehr in Mode ist: Das Intervalltraining. Damit baut man Fett ab und Kondition auf, in Rekordzeit. So steht es im Internet, also wird es schon stimmen. Mein Plan: Eine halbe Stunde Intervalltraining sollten fünf Stunden Planlos-Radeln - wie ich es bis dahin praktizierte - ersetzen.

Aufgeben? Niemals! Na ja, jedefalls nicht sofort.

Beim Intervalltraining geht es darum, kurze Phasen hoher Belastung mit kleinen Erholungspausen zu kombinieren. Wie stark und lange man belastet, dafür gibt es keine einheitlichen Empfehlungen. Ich entschied mich für einen Rhythmus aus drei Minuten Belastung und zwei Minuten Pause. Anfangs vier Durchgänge, man soll es ja nicht gleich übertreiben, dachte ich.

An einem schönen Sonntagmorgen stand ich am Fuße des Karlsbergs im Grunewald. Es geht dort hinauf bis auf 78,5 Meter. Ich hatte mir den Berg ausgesucht, um mich maximal zu fordern. Ich holte Luft, startete die Stoppuhr und raste los. Meine Schenkel fingen sofort an zu brennen.

Ich hatte einen viel zu hohen Gang eingelegt, aber ich ignorierte den Schmerz und trat weiter. Es geht ja darum, die Grenzen auszutesten. Nach gefühlten zwei Minuten guckte ich auf die Uhr: Ich war genau 13 Sekunden unterwegs.

Es stellte sich heraus, dass das Anfahren am Berg nicht der beste Einstieg in das Intervalltraining war. Aber beim ersten Intervall aufgeben? Niemals. Hinter mir hörte ich das Knacken einer Schaltung, dann zog ein Rennradfahrer in moderatem Tempo an mir vorbei. Ich hängte mich an sein Hinterrad, aber nach zwei Minuten konnte ich nicht mehr. Wo steht geschrieben, dass ein Intervall drei Minuten haben muss?

Die Pause dauerte etwas länger als vorgesehen. Die zweite Belastungsphase ging ich ruhiger an als die erste, und alles war gut, bis ich kurz vor Ende der drei Minuten auf den Tacho schaute: 19 km/h, noch langsamer als mein übliches Tempo. Die Sache musste sich noch einpendeln.

Sollte ich den alten Mofa-Trick anwenden?

Beim dritten Aufstieg lief es besser, ich trat zwar am Anschlag, konnte aber zwei Rennradfahrer hinter mir auf Abstand halten. Dann stellte sich ein Problem, über das ich nicht nachgedacht hatte: Die drei Minuten waren zu Ende, ich war es auch, der Anstieg war es aber nicht. Sollte ich anhalten und meine Hintermänner grinsend vorbeiziehen lassen? Das würde mich nerven. Ich hätte Ihnen erklären können, dass ich gerade ein hochintensives Intervalltraining absolviere. Auch peinlich. An der Schaltung herumfummeln, um technische Probleme zu simulieren, so wie früher auf dem Mofa, wenn mich ein Mädchen mit Fahrrad überholt hat? Ich entschied mich für die pragmatische Variante, stieg ab und ignorierte die beiden mannhaft.

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Was ist der Plan?

Wie bereiten Sie sich auf die Radsaison vor?

Den letzten Durchgang ging ich cleverer an. Ich ließ ein älteres Ehepaar auf ihren Falträdern vorfahren, um es dann zu überholen. Leider verringerte sich der Abstand zwischen uns nicht. Ich hatte doch mehr Körner gelassen als gedacht.

Sagen wir es so: Das Intervalltraining und ich, wir müssen noch zueinander finden. Am Wochenende drauf probierte ich es noch einmal. Als ich nach Hause kam, fragt meine Frau: "Wie siehst du denn aus?" Als ich meine heroischen Tarten beschrieb, sagte sie: "Ich dachte, du fährst, weil es Spaß macht."

Sie hat recht. Künftig fahre ich wieder ohne Plan. Wobei ich zufällig auf einen Artikel in der "New York Times" gestoßen bin, wonach ein Training mit Intervallen von 10, 20 und 30 Sekunden Großes bewirken soll. Das klingt gut. Vielleicht steige ich doch noch mal ein.

Nächstes Jahr, wenn der Frühling kommt.



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28 Leserkommentare
camino2010 20.05.2017
Ehrmantraut 20.05.2017
MatthiasPetersbach 20.05.2017
womo88 20.05.2017
vogelskipper 20.05.2017
womo88 20.05.2017
sikasuu 20.05.2017
schlaueralsschlau 20.05.2017
jimbofeider 20.05.2017
womo88 20.05.2017
Papazaca 20.05.2017
qoderrat 20.05.2017
hr.schnackermüller 20.05.2017
mi.müller 20.05.2017
xysvenxy 20.05.2017
raynec 20.05.2017
lupo62 20.05.2017
stefan211 20.05.2017
alsi 20.05.2017
frageniemals 21.05.2017
herm16 21.05.2017
paraibu 21.05.2017
duckjibe 21.05.2017
alex_ne 21.05.2017
dimaco 21.05.2017
baghira1 21.05.2017
rennflosse 22.05.2017
MatthiasPetersbach 23.05.2017

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