Orsoy - Wenn Martin Zinselmeyer über seinen Wagen spricht, dann geht es nicht um PS und Verbrauch, sondern um Gefühle und Gerüche. Er erinnert sich, wie er als Kind die mollige Wärme des Motors spürte und dabei durch das Rückfenster in den Himmel sehen konnte, wenn seine Mutter auf dem Weg zur Oma über Land fuhr und er im Kofferraum saß. Er schildert, wie sich das Kunstleder auf der Rückbank anfühlte, wenn dort an heißen Tagen die mit Sonnenmilch eingecremten Beine festklebten. Und er schwärmt davon, wie es ist, wenn man die Tür öffnet und einem die unverkennbare Duftmischung der Sitze aus Kunstleder und Rosshaar entgegenschlägt. Wohl nur ein Käfer-Liebhaber kann auf diese Weise über ein Auto sprechen.
Zinselmeyer sitzt in einem altmodischen Café in Orsoy, einer winzigen Ortschaft am Niederrhein. Drüben auf der anderen Rheinseite ist noch Ruhrgebiet. Vor der Tür parkt Zinselmeyers Käfer, fontana-grau, Baujahr 1967. Der Oldtimer glänzt wie am ersten Tag, unrestauriert und im Originalzustand.
Gemeinsam mit Jürgen Siebers alias Käfer-Jürgen, fährt er auf seiner jährlichen Nostalgie-Tour eine Ausflugsstrecke ab. Die beiden Ingenieure kennen sich seit der Uni. Die Route hatte einst im April 1960 die VW-Zeitschrift "Gute Fahrt" empfohlen. Die Beiden jedenfalls besuchen heute noch nach Möglichkeit die Hotels und Pensionen, die schon damals erwähnt wurden. "Leider müssen wir jedes Mal feststellen, dass die Zimmerpreise von ungefähr 2,50 Mark nicht kursstabil geblieben sind."
Kosenamen für die Blechkisten
Wenn die beiden unter sich sind, spricht Zinselmeyer nicht von seinem Käfer, sondern nur von Rexi. Den Namen hat er von dem ursprünglichen Kennzeichen abgeleitet: RE-X 65. Das Fahrzeug gehörte einer älteren Dame aus Zinselmeyers damaligen Nachbarschaft in Recklinghausen. Eines Tages sprach er sie an der Tankstelle an: "Wenn Sie den mal nicht mehr brauchen, dann sagen Sie Bescheid!" Ein Jahr später meldete sie sich. "Ich weiß noch, wie sie bei strahlendem Wetter aus der Garage fuhr." Zusammen absolvierten sie eine Probefahrt - wobei die alte Dame den Lenker für keinen Moment aus der Hand gab. Den Preis von 4000 Mark bezahlte Zinselmeyer von seinem ersten selbst verdienten Geld.
Jürgen Siebers aus Meschede hatte zeitweise sogar zwei alte Käfer, einen von 1963 und einen von 1968. Doch als junger Familienvater musste er beide verkaufen. "Das war grausam", erinnert er sich. Jahrelang musste er seine Leidenschaft auf den Aufbau einer Käfer-Bibliothek mit 50 Bänden und das Sammeln von Kuriosa beschränken.
Seit dieser Zeit gilt er unter Gleichgesinnten als wandelndes Lexikon. Er kann, so heißt es, mit verbundenen Augen einen Dünnholmer von einem Dickholmer unterscheiden - die Bezeichnung bezieht sich auf die Breite der Fensterstege, die je nach Modell variiert. Und natürlich kann er im Schlaf alle Unterschiede zwischen Brezelkäfer und Ovali herunterrattern. Der Name Brezel leitet sich vom zweigeteilten Heckfenster ab, der sogenannte Ovali hatte eine durchgehende Heckscheibe in Ovalform. Letztes Jahr kaufte sich Siebers wieder einen eigenen Käfer, einen 1964er in rubinrot mit Stahlschiebedach: "Die Sehnsucht war zu groß. Ich hatte beruflich viel Stress, fühlte mich ein bisschen down und brauchte einfach etwas, das mir neue Kraft geben würde."
Liebe schwer zu erklären
Immer wieder kommt es vor, dass Leute mit Kopfschütteln auf so viel Käfer-Schwärmerei reagieren. Was um alles in der Welt soll denn nun so toll daran sein? Zinselmeyer antwortet dann: "Du musst einmal einen Käfer selbst von Hand gewaschen haben. Du musst einmal die Konturen mit dem Schwamm abgefahren sein. Diese Kurven, diese Rundungen. Dann merkst du, wie wunderbar diese Form ist." Und alle Fragen erübrigen sich.
Siebers führt seine Käfer-Passion auf die Sehnsucht nach einer besseren Zeit zurück. Der Käfer symbolisiert für ihn eine "ehrliche Technik". Es gehe beim Käfer um die inneren Werte, und die seien ihm auch beim Menschen allemal wichtiger.
Der Käfer, so sagen seine Verehrer, ist ein Familienmitglied, das nur zufällig in der Garage lebt. Wenn es Zinselmeyers Rexi schlecht geht, schlägt ihm das sofort aufs Gemüt. "Eine Zeit lang lief er nicht richtig, das hat mich wahnsinnig gemacht! So ein Auto muss vom Klang her weich laufen wie eine Nähmaschine. Der darf keine Aussetzer haben, da leidet man mit. Aber das hatte er eine Zeit lang." Zinselmeyer versuchte alles, um den verzwickten Fehler zu finden, doch vergebens. "Zum Glück konnte der Defekt dann doch noch in einer Werkstatt behoben werden."
Auf ihren jährlichen Nostalgie-Fahrten bevorzugen die beiden Freunde klassische Reiseziele der fünfziger Jahre: Den Rhein und die Mosel sind sie abgefahren, einmal waren sie bis zum Großglockner, und zum 20-Jährigen soll es nach Italien gehen. Manchmal führen sie ein altes Diktiergerät mit sich, um spontane Eindrücke und Fahrgeräusche festzuhalten. An der Tankstelle müssen sie einen Bleiersatz ins Benzin gießen - da ihre Käfer als Oldtimer anerkannt sind, ist das erlaubt.
Diesmal steht der Niederrhein auf dem Programm. Zinselmeyer setzt sich ans Lenkrad, die flache Scheibe dicht vor der Nase. Siebers nimmt auf den Beifahrersitz Platz und schlägt die "Gute Fahrt" auf, um nachzuschauen, welche Etappe als nächstes dran ist. Augenblicke später ertönt das unverkennbare Rasseln des Boxer-Motors.
Von Christoph Driessen, dpa
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