VW-Prototyp von 1939 Einer kam durch

Das Automuseum Prototyp in Hamburg hat sich zum zehnten Jubiläum selbst beschenkt: mit einem Vorserienmodell des VW Käfers. Das restaurierte Auto ist das einzige erhaltene Exemplar der letzten Vorkriegsserie.

Staud Studios

Von Jürgen Pander


Der schwarze Nitro-Lack glänzt, als hätte das Auto nie einen Kratzer abbekommen. Dabei war der Wagen, Baujahr 1939, schon mehrmals beinahe schrottreif. Malträtiert durch Testfahrten, begraben unter Kriegstrümmern, verbastelt mit Ersatzteilen. In den vergangenen vier Jahren wurde der VW-Prototyp von der auf klassische VW spezialisierten Firma Grundmann in Hessisch-Oldendorf originalgetreu restauriert. Ab sofort steht er in der Sammlung des Hamburger Automuseums Prototyp. Das Timing ist perfekt, denn in diesem Jahr feiert das Haus in der HafenCity sein zehnjähriges Jubiläum.

Warum der VW-Prototyp ein buchstäblich einzigartiges Automobil ist, kann Simon Braker, der Kurator des Prototyp-Museums ausführlich erläutern. Die Kurzform geht so: Von insgesamt 14 gebauten VW-Prototypen, die 1939 gebaut wurden, ist das Auto mit der Fahrgestellnummer 1-00003 das einzige, das noch existiert. Das Auto wurde noch bei Porsche in Zuffenhausen gebaut, weil sich die Fabrikanlagen in der "Stadt des KdF-Wagens", heute Wolfsburg, noch im Bau befanden. Zudem nutzten Ferdinand Porsche und sein Sohn Ferry exakt diesen VW als Versuchsfahrzeug und testeten den Wagen zeitweise mit dem stärkeren 32-PS-Motor, der eine Dauerhöchstgeschwindigkeit von 130 km/h erlaubte.

Jetzt rasselt im Heck des Autos allerdings wieder der klassische Motor der ersten VW-Modelle, ein Boxeraggregat mit 985 Kubikzentimeter Hubraum und 23 PS Leistung, das eine Höchstgeschwindigkeit von 100 km/h ermöglicht. 662 Kilogramm wiegt das Auto, das übrigens auf der Motorhaube am Heck noch eine Art Bügelfalte trägt. Die Blechfalz verschwand bei den späteren Serienmodellen. Ebenso natürlich wie das auffällige VW-Logo, das auf dem Prototyp noch den Zahnradkranz der Deutschen Arbeitsfront und die Strahlen eines stilisierten Sonnenrads, vulgo Hakenkreuz, trägt.

Vor fünf Jahren überzeugten sie den Besitzer

Während die anderen Prototypen kurz nach Kriegsausbruch zerstört wurden, überlebte dieses Exemplar in der Knesebeckstraße in Berlin. Dort befand sich die Zentrale der Deutschen Arbeitsfront und auch die der Kraft-durch-Freude-Bewegung. Offenbar diente der Vorserien-VW als Anschauungsobjekt für kaufwillige Bürger. Nach dem Krieg jedenfalls zog man das lädierte Auto dort aus den Trümmern - und verkaufte es 1948 an einen Sammler nach Hamburg.

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VW-Prototyp von 1939: Der letzte seiner Art

In den folgenden Jahrzehnten wurde der Wagen mit zeitgenössischen VW-Käfer-Teilen ergänzt und repariert, zeitweise grau umlackiert für Werbezwecke und alterte vor sich hin. Vor fünf Jahren dann gelang es Thomas König und Oliver Schmidt, den beiden Gründern des Prototyp-Museums, den Besitzer des VW-Prototyps zum Verkauf zu überreden. "Wir haben jahrelang gebaggert, irgendwann dann sagte er Ja." Kurz darauf ging das Auto zu den Spezialisten im Weserbergland, wo es anhand historischer Fotos und alter Skizzen so originalgetreu wie möglich wieder instand gesetzt wurde. Etliche Karosserieteile mussten in Handarbeit neu herstellt werden.

Die Kosten? "Ich habe es nie zusammengerechnet", sagt Thomas König. Würde er es tun, käme wohl ein sechsstelliger Betrag heraus. Für das Museum, das besonders viele Unikate auf Porsche- und VW-Basis besitzt, hat sich das Investment jedoch gelohnt. Der VW-Prototyp von 1939 ist ein außergewöhnliches Bindeglied zwischen beiden Marken. Ein Glanzstück in schwarzem Nitro-Lack.

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insgesamt 26 Beiträge
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Tony 22.02.2018
1. Das Perfekte Auto für...
Wenn das Auto ´39 so ausgesehen hat, Respekt. Schlichte Technik und gerade dadurch auch wieder interessant, weil kein Blinkie und Piep, piep. Wäre heute auch ein richtiger Schritt mal die ganzen Funktionen, Assistenz und andere Systeme plus mögliches Autonomes Fahren mal etwas dezenter zu präsentieren, stresst auch weniger. Aber irgendwie ist das Auto gerade durch den schwarzen Lack plus Nazizeit auch irgendwie unheimlich. Eigentlich das Perfekte Auto für Darth Vader^^
Wiener Textfabrikant 22.02.2018
2.
Gaaaaanz toll, bravo. Auto mit vielen neuen Teilen in den Neuwagenzustand von 1939 gebracht und gleich die ganze Historie ausradiert. Das nenn ich dt. Wunsch-Geschichtsbewusstsein. Abgesehen davon sind (vermeintlich perfekte) Restaurationen vs. Wrack-Original- oder - Patina- Fahrzeugen langweilig. Jeder Besitzer kann natürlich machen was er will, aber als Museum hat man doch eine gewisse (!) Verantwortung. Oder anders gesagt: Neuwagenmach geht immer, aber jetzt die Kriegsschäden, div. Umbauten und Abnützung zurück bringen? Das ist unwiderruflich vorbei....
barlog 22.02.2018
3.
@1: Auch ich dachte nach dem Lesen dieses Artikels: Das ist doch das perfekte Auto für die vielen Menschen hier, die diese ganze aktuelle Elektronik verabscheuen und darüber klagen, daß die Autos heute so schwer sind. Zusätzlich findet man am KdF-Wagen auch ein sehr modernes Detail: Die miese Sicht nach hinten.
kenterziege 22.02.2018
4. Ein großes Lob an den Schöpfer der Karosserie ....
....Erwin Kommenda, der auch den Porsche 356 entwarf. Und auch ein Lob für Xaver Riemspiess, der den Motor entwarf. Dieses Auto war bezogen auf seine Zeit und den Zweck (Volksmotorisierung) Innovation pur. Zur gleichen Zeit kam der Opel Kadett. Die beiden Autos muss man vergleichen. Vom Kadett wurden ja bis zur kriegsbedingten Einstellung noch etwa 2000 Stück gebaut. Nach dem Krieg demontierten die Sowjets in Rüsselsheim die Kadett-Produktionsanlagen, so dass ein Wettbewerb zwischen den beiden Konstruktionen nicht möglich war. Toll - das dieser Prototyp wieder so original hergerichtet ist. Genau so wurden ab 1947 die Käfer unter britischer Regie gebaut. Vorher verbaute man noch mit der Käferkarosserie und der Kübelwagenplattform den "Militär"-Käfer. Die Geschichte des Volkswagens ist einzigartig.
c.PAF 22.02.2018
5.
Das Auto hatte mal gelebt. Nun ist es totrestauriert. Schade.
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