VW Scirocco II Alter Styler

Darauf muss man erstmal kommen: Einen Scirocco, Baujahr 1990, als Transportwagen zu nutzen. Stylistin Linda Ehrl hat mit ihrem Coupé gute Erfahrungen gemacht - auch wenn dabei einiges zu Bruch ging.

Julia Grossi

Von Kai Kolwitz


"Einem Auto muss man ansehen, dass es benutzt wird", sagt Linda Ehrl und blickt auf das dunkelblaue Coupé: ein VW Scirocco, zweite Generation, GT-Version, Baujahr 1990. Eines der späten Exemplare der Baureihe. Hier ein Kratzer, dort eine Delle. Und dann sind da noch die Macken im Innenraum - zum Beispiel der eingerissene Dachhimmel. Sie verraten viel über den Beruf seiner Besitzerin.

Der Job von Ehrl hat es mit sich gebracht, dass sie schon Kevin Costners Kleiderschrank durchwühlte oder Stars wie Til Schweiger oder Moritz Bleibtreu in die passenden Klamotten steckte. Linda Ehrl ist Stylistin. Die 36-Jährige gestaltet Messestände und die Sets für Fotoproduktionen. Da muss ab und zu mal eine komplette Deko für ein Shooting in den Kofferraum passen, bis das Auto überquillt vor Möbeln oder Pflanzen.

Ein Kombi kommt für sie aber nicht in Frage. "Wenn man die Rückbank umlegt, dann ist der Scirocco unheimlich geräumig", sagt die 36-Jährige. "Aber gleichzeitig ist er auch kompakt, das ist gut, weil ich oft irgendwo mal kurz ranfahren und etwas abholen muss."

Ein Coupé für den Alltag

Genau solche Bedürfnisse hatten die VW-Konstrukteure auch befriedigen wollen, als sie den Scirocco entwickelten: Gefragt war ein Coupé, das sportlich wirken sollte und dadurch Ford Capri oder Opel Manta Konkurrenz machen konnte. Gleichzeitig sollte der Wagen aber auch absolut alltagstauglich sein. Das hieß Stauraum; Platz für fünf Personen - und die genügsame Technik des Schwestermodells VW Golf.

Dieses Konzept funktioniert immer noch. Werkstätten können den Scirocco für wenig Geld auf der Straße halten. Und wer sich im Innenraum des Coupés umsieht, erkennt sofort die Verwandtschaft zum kompakten Wolfsburger Millionenseller: Das Lenkrad stammt ebenso aus dem Golf wie diverse Hebel und Bedienelemente. Fahrspaß? Na klar! Weil der Scirocco nur knapp eine Tonne auf die Waage bringt, kommt man mit dem 1,8-Liter-Motor mit 95 PS ziemlich zügig voran.

Anerkennende Sprüche auf der Laderampe

Knapp 300.000 Mal wurde die zweite Scirocco-Generation zwischen 1981 und 1992 gebaut, inzwischen sieht man sie nur noch selten. Seinerzeit waren die Verkaufszahlen des Coupés hinter den Erwartungen zurückgeblieben, mit Preisen deutlich jenseits der 20.000 Mark war der Wagen vielen zu teuer. Linda Ehrl hat rund 2000 Euro für ihn ausgegeben - und sie erlebt vor allem positive Reaktionen: "Beim Tanken kommen immer wieder Leute auf mich zu und sagen 'So einen hatte ich auch mal'. Und auf der Messe an der Laderampe gibt es anerkennende Sprüche von den Messebauern. Vor allem dann, wenn wir mit vier Frauen da angefahren kommen."

Seit vier Jahren fährt die Stylistin ihr dunkelblaues Coupé, neben dem kaputten Dachhimmel hat auch der Innenspiegel einen großen Sprung - der stammt von einer langen Holzplatte, die unbedingt in den Wagen passen musste. Auch eine neue Fensterkurbel sucht die Besitzerin derzeit, die alte ist unter den Händen eines Mitfahrers abgebrochen.

Der Traumwagen ist ein anderer

In Ehrls automobiler Karriere kamen schon ein Käfer vor, ein Volvo Kombi, ein alter Seat und ein Fiat Uno. Begonnen hatte alles mit einem Mercedes-Coupé der Baureihe W123. Ist der Scirocco nun ihr Traumwagen? Nicht ganz. Der absolute Favorit von Ehrl wäre ein alter Porsche, in altweiß. "Wenn Geld keine Rolle spielen würde."

"Aber ich bin auch nicht auf Glamour aus beim Fahren, ich mag Understatement", meint die Coupé-Pilotin. "Mein Auto darf ruhig Schrammen haben und ein bisschen kaputt sein. Auch wenn mich die Sache mit dem Innenspiegel echt nervt."

Ein Porträt über Linda Ehrl ist ebenfalls bei "Freunde von Freunden" erschienen. Den Text finden Sie hier.

Freunde von Autos
  • Luke Abiol
    SPIEGEL ONLINE stellt Männer und Frauen mit ganz besonderen "Beziehungskisten" vor - Menschen, die mit ihrem Auto ein größeres Ziel im Blick haben als nur den Weg von A nach B. Sie sind "Freunde von Autos". In Kooperation mit dem internationalen Interviewmagazin "Freunde von Freunden" zeigen wir Porträts zeitgenössischer Autokultur.



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