Waffenverschrottung Der Panzerknacker

500 Panzer hat er auf dem Hof stehen, außerdem reichlich Kanonen und Raketenteile - Peter Koch ist der Abrüster der Republik. Er verschrottet, was die Kriegsmaschinerie nicht mehr braucht. Besuch beim Abwracker.


Rockensußra liegt mitten im Nirgendwo. Der kleine Ort im Norden Thüringens ist umgeben von Wiesen, weiten Feldern, sanft geschwungenen Hügeln - und Hunderten von Panzern, Kanonen und Raketenteilen.

Hier ist das Reich von Peter Koch, einem international anerkannten Verschrotter von Kriegswaffen.

Rund 500 Marder-Schützenpanzer der Bundeswehr lagern zurzeit auf dem Hof seines Unternehmens, der Battle Tank Dismantling GmbH Koch (BTD). Nach der Wiedervereinigung brauchte Deutschland zügig ein Demilitarisierungszentrum. Schließlich hatte sich die Bundesrepublik 1990 mit 21 Staaten der Nato und des Warschauer Pakts verpflichtet, ihre Kriegswaffenbestände zu reduzieren. Mit dem Vertrag über die Konventionellen Streitkräfte in Europa (KSE) regeln die Mitgliedstaaten unter anderem die Anzahl der Kriegsgeräte, die jedes Land besitzen darf.

Koch, damals 37, sah seine Chance: Er verpfändete Haus und Grund und nahm einen Kredit auf, "den selbst meine Enkel nie werden ablösen können". Dann begann er, Kriegswaffen zu demilitarisieren. Das heißt: Kochs Männer zerlegten Panzer, Kanonen und Kriegsgeräte nach einem von den KSE-Staaten genau festgelegtem Schema so in ihre Einzelteile, dass niemand sie je wieder zusammensetzen kann. Seitdem sind 17 Jahre vergangen, und Koch hat 14.000 Kriegswaffen im Auftrag der Bundeswehr vernichtet.

Koloss mit bis zu 500 Litern Flüssigkeit

"Wir sind die Panzerknacker von Rockensußra", sagt der 54-Jährige stolz und blickt dem knatternden Bergepanzer hinterher, dem ein Soldat mit roter Farbe "Kalle" auf die Karosse gepinselt hat. "Kalle" ist der Abschleppwagen der BTD. Er zieht die Panzer zur Schlachtbank.

Heute wuchtet er einen Marder, einen Schützenpanzer, von der Waage in die Werkhalle zum selbsternannten Ölscheich. Der Mitarbeiter Kochs lässt das Schlachtross in der Halle einen Tag lang zur Ader. 300 bis 500 Liter Altöl, Diesel und Kühlflüssigkeit fließen dann aus dem tonnenschweren Koloss über Schläuche in Fässer und Tanks. Danach wird er ausgeweidet.

Panzerknacken ist ein schmutziger Job. Die Hightech-Kampfgeräte werden in Handarbeit zerlegt. Das kostet Kraft. Drei Männer stehen an diesem Vormittag in dem Marder. In den von Öl verschmierten schwarzen Händen halten sie armlange Rohrschlüssel. Sie schrauben blind, unterhalten sich oder blicken scheinbar gedankenlos ins Nichts. Koch gefällt, was er sieht. "Sie können jeden meiner 35 Mitarbeiter nachts wecken und sagen: baue Triebwerk oder Kühlung aus. Ich garantiere ihnen, sie beginnen sofort an der richtigen Stelle zu schrauben", schwärmt er.

Kanonenrohr zu Edelmesser

Sigmar Eichholz würde dann sein Schweißgerät zünden. Eichholz ist der Mann am Brenner. Er zerlegt Turm und Panzerrohr bei der BTD, am liebsten unter freiem Himmel. "Das Panzerrohr liefert den schönsten Schrott am Panzer, das ist ganz hochwertiger Stahl", erklärt Koch. Die einst meterlangen Rohre hat er für einen Messerhersteller in Süddeutschland reserviert. Der fertigt daraus besonders schöne Schneidwerkzeuge, das Stück für 400 Euro.

Zwei bis drei Tage brauchen die Männer je nach Modell, um einen Panzer zu zerlegen. Zwei Drittel des Schrottes werden geschreddert, eingeschmolzen und wiederverwertet. Ein Drittel der Teile, wie zum Beispiel die Armaturen, geht zurück an den Hersteller.

Um die Zukunft seines Unternehmens macht sich der Geschäftsführer keine Sorgen. Die BTD hat Arbeit für die kommenden fünf Jahre. Rockensußra gilt in Militärkreisen international als Markenzeichen für Know-how und Sicherheit bei der Kriegsgerät-Demilitarisierung.

Satelliten überwachen jede Bewegung

Vor sechs Monaten wurde Kochs Arbeit mit dem Gütesiegel "Verifikationsstandort" geadelt. Bis dahin durfte er maximal 300 Panzer auf seinem Gelände lagern. Heute kann er unbegrenzt Kriegswaffen aufnehmen und verarbeiten. Das ist einmalig in Europa. Sämtliche KSE-Staaten haben diesem Schritt zugestimmt.

"Die Grundlage für diese Entscheidung war Vertrauen", sagt Koch. "Und Kontrolle." Rund 25 Satelliten überwachen das Gelände. Ihn stört das nicht. Das gehört zu seinem Alltag. Jeden zweiten Tag überprüft eine Behörde für Verteidigung, Finanz- und Wirtschaftsministerium die Arbeit seiner Männer und das Kriegswaffenhandbuch.

Bevor es morgens losgeht, meldet er dem Bund, welche Panzer heute bewegt werden. Jedes Fahrzeug steht auf dem Gelände in einem genau definierten Raster. "Wenn sich hier ein Panzer bewegt, ohne dass es angekündigt wurde, ist das Gelände binnen 20 Minuten von Feldjägern abgesperrt", erklärt er.

"Ein Brigadegeneral hatte Tränen in den Augen"

Koch sieht seinen Job als Beitrag zum Weltfrieden. Seine Firmenanteile hat er mittlerweile an die Scholz AG verkauft, einen Stahl- und Metallschrottentsorger. Überhaupt hat sich sein Leben verändert. Er ist geschieden und sechs Tage pro Woche für die BTD auf Achse. Mit neuen Bekanntschaften tut er sich schwer. "Wenn ich sage, was ich mache, fragen mich viele, ob ich den Waffenhändler Karlheinz Schreiber kenne", erklärt er.

Auch in den Depots der Bundeswehr ist er nicht gern gesehen. Ihn wundert das nicht. Schließlich wird nach seinem Besuch der Standort geschlossen. "Ein Brigadegeneral aus Österreich hatte Tränen in den Augen, als wir seine Panzer abholten", sagt Koch. Als kleines Trostpflaster schenkte er dem General das Modell des letzten Jaguars, eines Jagdpanzers.

"Aber stellen Sie sich vor, die Marder, die sie hier sehen, wären noch im Einsatz", sagt Koch und zeigt auf das Heer von grün-braun-gefleckten Kriegskarossen. "Das wäre doch schrecklich. Ich kann meiner Enkelin wenigstens guten Gewissens sagen, heute habe ich für dich wieder einen Panzer zerstört. Wer kann das schon?"



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