Warentransport in China Heldenhafte Hochstapler

Noch ein Kistchen, noch eins und noch... oooh, jetzt wackelt's! Faszinierend, wie viele Gegenstände Fahrradfahrer und Lastenträger in China auf ihre Vehikel stapeln können. Der französische Fotograf Alain Delorme hat den Helden der Arbeit jetzt ein grandioses fotografisches Denkmal gesetzt.

Von Andrea Jonischkies

Alain Delorme

In den Straßen von Shanghai ist ein Fahrer mit seiner Ladung unterwegs. So steil nach oben ragt die Fracht aus Hunderten bunter Kartons, das ein entgegenkommender Arbeiter besorgt nach oben schaut, ob das sperrige Gefährt sich nicht vielleicht in den Stromleitungen über ihm verfangen könnte. Der Mann beugt sich weit nach vorn. Er muss ordentlich in die Pedale treten, um den Koloss zu bewegen.

In einem anderen Bild steht ein Mann vor seiner Skulptur aus kunstvoll zusammengesetzten Bürostühlen. Neben ihm stehen weiße Quader, es könnten Gasthermen sein. Er schaut direkt in die Kamera, als wolle er von uns wissen, wie und wo er die neuen Stücke unterbringen solle.

Aberwitzige Ladungen dieser Größenordnung gibt es in unserer Rubrik Fernverkehr öfter zu sehen, allerdings nicht in dieser exquisiten Farbigkeit und Qualität. Sie stammen von dem französischen Fotokünstler Alain Delorme, der mit seiner Bilderserie "Totems" die Lademeister zum Kunst- und Ausstellungsgegenstand macht. Für ihn symbolisieren die Wolkenkratzer, die im Hintergrund zu sehen sind, das moderne China. So hoch hinaus wie auf den Fotos Pappe, Reifen, Bürostühle und Blumen gestapelt werden, scheint es, hätte der im Land allgegenwärtige Drang nach oben besonders die Transport-Arbeiter erfasst.

"Ich habe die Bilder 'Totems' genannt, wegen ihrer enormen Höhe", erläutert der Künstler gegenüber SPIEGEL ONLINE. "Die Stapel wirken wie ein Echo der Wolkenkratzer im Hintergrund und sie illustrieren die Verherrlichung der Gegenstände, die recht oft "Made in China" sind."

Alles eine Frage des Gleichgewichts

Als Betrachter fragt man sich unwillkürlich, wie wohl diese enorme Höhe zustande gekommen ist, wie viele andere daran mitgebaut und ob sie dazu eine Leiter benutzt haben. Gleichzeitig wundert man sich, dass eine so große Ladung, die ja auch ein Gewicht hat, das Gefährt nicht nach hinten kippen lässt.

Mit Fragen wie diesen steckt man eigentlich schon mitten drin im Bild. Der Künstler hat sein Ziel erreicht. Weitere Details fallen ins Auge, wie eine Wäscheleine, die an einer Ampel angebracht ist. Die wahnwitzigen Lasten sind eigentlich nicht zu übersehen, und doch werden sie von den anderen Passanten in den Bildern augenscheinlich kaum registriert. Manche der Fußgänger scheinen wie nachträglich in die Szene gesetzt - als Blickfänger, wegen ihres blauer Arbeitsoveralls, quietschgelber Schutzhelme oder eines pinkfarbenen Schirms.

Den Anstoß zu seiner Bilderserie erhielt der Fotograf 2009 während seines ersten Aufenthaltes in Shanghai. "Keiner der Arbeiter hat für mich posiert", erzählt der Fotograf. In den Fotos steckt ein enormer Retuschieraufwand. "Ich habe Tausende von Bildern gemacht und später alles rekonstruiert, indem ich stets das gleiche Standardverfahren angewendet habe: der Lastenträger und sein Stapel im Vordergrund, während die schwindelerregende Höhe der Ladung mit den modernen Gebäuden im Hintergrund korrespondiert."

Eine Nation im Aufbruch

In der zeitgenössischen Fotokunst ist Nachbearbeitung kein Tabubruch mehr. Die digitale Retusche ist Stilmittel und hilft, das Thema stärker herauszuarbeiten. Zusätzlich eingefügte Elemente vergrößern die ohnehin schon voluminöse Ladung, und farbliche Verfremdungseffekte entrücken die Szenerien ins Phantastische und Traumhafte. "Ich hatte den Eindruck, dass China hin und her schwankt zwischen der glanzvollen Modernität seiner Architektur und der Einfachheit eines großen Teils seiner Bevölkerung in den Straßen. Die enormen Ladungen auf den Transportgefährten erschienen mir beide Phänomene perfekt zu veranschaulichen."

Die glatte Oberfläche und die strahlenden Farben der Fotos erinnern an Werbung oder an Bildchen mit Hindugöttern, Süßigkeiten oder Spielzeug. Der putzige Eindruck täuscht. Die Schattenseite dieser Welt bleibt ausgeblendet. Unsichtbar bleiben die sozialen Zwänge, unter denen diese Menschen oft leben, die geringen Löhne und die fehlende soziale Absicherung. Man muss schon genau hinsehen.

Dann fallen inmitten der schönen Farbschattierungen im Hintergrund auch riesige Wohnpaläste mit winzigen Fenstern ins Auge, die - Bienenstöcken oder Termitenbauten gleich - ihrerseits Schwadronen emsiger Arbeiter beherbergen mögen. In etlichen Gegenden von Nah- und Fernost ist ein spezieller altrosa Fassadenanstrich allgegenwärtig. Ob die Bewohner ihren Alltag dadurch als weniger trist erleben, bleibt fraglich.


Alain Delorme "Totems" - Ausstellung 15. Januar bis 19. Februar 2011, Le Bon Marché, Passerelle de l'appartement de mode, rue de Babylone, 75007 Paris

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insgesamt 46 Beiträge
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Seite 1
glaubblosnix 15.01.2011
1. Gegen diese...
... Könner würde jeder Wettkandidat bei Wetten das blass aussehen.
duschinabuschi, 15.01.2011
2. Photoshop
Zitat von glaubblosnix... Könner würde jeder Wettkandidat bei Wetten das blass aussehen.
Ach quatsch. Das ist doch ein Fake.
Ottokar 15.01.2011
3. Na und
das ist doch ganz normal. Es wird nur gefährlich, meine ich, wenn eine Famlie mit fünf Personen auf einem Moped zur Weltausstellung fährt. Übrigens, Bild 5 zeigt keine Gastherme sonder einen Wasserspender für kaltes und heisses Wasser. Die gibt es in jedem Haushalt und Büro.
founder 15.01.2011
4. Sind ältere Photos
Lastenfahrräder sind schon sehr wenige in China, sind alle ersetzt worden durch 3 rädrige Elektroroller (http://auto.pege.org/2010-china/3-rad-vorne.htm). Die meisten Verkaufsstände auf den Straßen sind 3 Rad Elektroroller (http://auto.pege.org/2010-china/verkaufsstand.htm9) Einen hochgestapelten Handkarren (http://auto.pege.org/2010-china/sperrmuell.htm) habe ich aber auch in meiner Photosammlung
baninchenrenner 15.01.2011
5. Photoshop-Disaster 2.0
Klar darf jede künstlerisch gemeinte Übung ihren Weg auf SPIEGEL Online finden, nur das Ressort "AUTO" finde ich falsch gewählt. Und es gibt bereits schon so viele echte Fotos von tatsächlichen, turmhohen Wagenladungen zumeist auf asiatischen Wegen und mit den drolligsten Vehikeln transportiert, dass ich mich frage, warum mit diesen artifiziell kitschigen Photoshop-Kompositionen noch eins drauf gesetzt werden musste. Übertreibungen, die die ohnehin schon grotesken Realitäten noch einmal strapazieren müssen, haben jetzt ... äh ... welchen Grund? Die serienhafte immergleiche Wiederholung der Straßenszene mit a) unglaubwürdig überhäuftem Gefährt, b) Fußgänger-Figuren, c) Mäuerchen oder Zaun, d) Hintergrund wirkt ab Bild 2 langweilig, albern und anstrengend. Eben beliebig austauschbar. Hat man eines gesehen, kennt man alle anderen. Ach so, originell! Wusste ich jetzt nicht.
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