Bambus-Fahrräder Steif wie Stahl

Der Trend zum individuellen Edel-Bike treibt teils ausgefallene Blüten. Immer mehr Rahmenbauer setzen auf Bambus als Werkstoff. Nicht nur aus Öko-Gründen - sondern weil das Material fast schon unnatürlich gute Eigenschaften hat.

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Die Fahrräder von Maximilian Schay, Jonas Stolzke und Felix Habke wachsen gewissermaßen im Gebüsch. Wenn für ihre kleine Firma my Boo ein neues Bike gebaut wird, schnappt sich ein Mitarbeiter die Machete und marschiert hinter das Firmengebäude. Dort steht ein wildes, kleines Bambuswäldchen - wie fast überall in Ghana, dem Land, in dem die drei Kieler ihre Bambusräder produzieren lassen. Ein paar gezielte Schläge, schon ist der wichtigste Werkstoff für ein Fahrrad gewonnen. Etwa 80 Stunden Handarbeit später kann der Rahmen nach Deutschland verschickt werden.

Auf die Idee zu my Boo kam Schay, als ihm 2012 ein Kumpel das Handyfoto eines abenteuerlich aussehenden Bambusrads aus Kumasi, der zweitgrößten Stadt Ghanas, schickte. Solche Räder hatte der BWL-Student noch nie gesehen - sein Interesse war geweckt. Zusammen mit Stolzke recherchierte er, wo sie gebaut werden: Bei einer sozialen Initiative im kleinen Örtchen Yonso.

Etliche Gespräche und eine Ghana-Reise später kam man schließlich zusammen: Der Verkauf von serienreifen Bambusrädern in Europa könnte die richtige Strategie sein, um das Yonso-Projekt langfristig unabhängig von Spenden zu machen. Schließlich fanden die Kieler einen deutschen Investor, der sie zusätzlich noch mit Ingenieur-Know-how unterstütze. "Das war der Beginn von my Boo", erklärt Schay.

Seit 2014 können die Räder bei mehr als 50 Händlern in Europa gekauft werden. Zwischen 150 und 200 Bikes aus Ghana dürften auf europäischen Straßen unterwegs sein, schätzt Habke. Gut 2000 Euro kostet so ein Holzhobel mit der feinen, gemaserten Optik. Etwa 30 Prozent des Preises stecken im Rahmen.

Hanfseile und Epoxidharz

Inzwischen fertigen zehn festangestellte Rahmenbauer in Ghana die Räder. Für ein my Boo wird Bambus zunächst getrocknet - dann werden die Metallteile für die Gabel- und Sattelaufnahme, das Hinterrad und das Innenlager in der Rahmenlehre eingepasst - ganz aus Bambus geht es nicht. Anschließend wickeln die Rahmenbauer an den Verbindungsstellen Hanfseile um die Bambusrohre und tränken sie mit Epoxidharz. Beim Trocknen werden diese Muffen dann hart - so erhält der Rahmen seine Steifigkeit. Durch den Schliff der Muffen und die Lackierung mit Klarlack, bei der das Bambus versiegelt wird, bekommt der Rahmen seine finale Optik. So wird auch verhindert, das der Rahmen schimmelt.

Bisher bieten die drei Kieler Studenten City- und Trekkingräder an. Auch eine sportlichere Variante soll kommen und ein günstigeres Rad ab 1500 Euro. Zudem tüfteln sie an einem Konzept mit Motor. "Derzeit arbeiten wir auch an einem E-Bike und wollen das erste Modell aus Bambus im Herbst 2015 auf den Markt bringen. Das ist dann mit einem Frontmotor ausgestattet", sagt Habke. Für die Saison 2016/2017 ist ein Modell mit einem klassischen Mittelmotor geplant.

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Fotostrecke: Teuer und exotisch - Holzräder im Vergleich
Auf dem Holzweg sind inzwischen etliche kleine Fahrradhersteller. In Kleinstserien oder nur auf Maß werden Modelle aus Massivholz hergestellt - das ist zwar individuell und formschön, aber durchaus teuer. Ein Rad des Designers Marcus Wallmeyer kostet etwa 10.000 Euro. Sogar Audi bietet ein Holzrad an - das Modell "Duo" wird beim US-Rahmenbauer Renovo in Handarbeit gefertigt und ist ab 4700 Euro zu haben. Solche Preise wollen allerdings nur wenige Liebhaber zahlen.

Bambus, das eigentlich zur Familie der Gräser gehört, ist billiger und hat inzwischen das Zeug zur Serienreife. Das röhrenförmige Material ist gut geeignet für die Fahrradherstellung. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts wurden erste Fahrräder aus dem Gewächs hergestellt. Auch als Material für Felgen wurde es verwendet - sogar im Rennsport. Der US-Rahmenbauer Craig Calfee experimentiert schon länger mit dem Material.

Aber während die ersten Modelle noch nach Hobbykeller aussahen, bieten inzwischen einige Hersteller auch optisch ansprechende Serienmodelle an. Neben my Boo vertreibt auch die Firma Bambooride aus Österreich oder Zuribikes aus München Modelle aus dem schnell wachsenden Rohstoff. Genau wie die Kieler bezieht Zuribikes seine Rahmen aus Afrika - aus Sambia. Und beim Berliner Tüftlerprojekt "Berlin Bamboo Bike" sehen die Bikes zwar rustikal aus - dafür bieten die TU-Studenten sie zum Selberbauen für jedermann an. Alle Firmen argumentieren zudem mit Nachhaltigkeit und Umweltschutz. Bei my Boo wird unter anderem mit jedem Fahrradkauf ein Schulstipendium über 55 Dollar in Ghana unterstützt. Diese Summe reicht aus, damit ein Kind ein Jahr lang zur Schule gehen kann.

"Faserverbundwerkstoff mit beachtlichen Festigkeitskennwerten"

Marcus Schröder von EFBE-Prüftechnik hat die Fahrräder in seinem Labor getestet. Inzwischen kann Bambus mit klassischen Konstruktionen aus Aluminium und Stahl mithalten. "Die Rahmen sind hinsichtlich ihrer Festigkeit und Stabilität konventionellen Industrieprodukten durchaus ebenbürtig", sagt der Ingenieur. Zwar weisen die Rahmen nicht die Steifigkeit auf, die etwa ein Spitzenmodell aus Carbon im Radrennsport auszeichnen. Aber dafür sei das Material ideal, wenn es um Elastizität und den Fahrkomfort etwa bei City- oder Trekkingrädern geht, so Schröder.

Auch Eric Groß vom Institut für Zuverlässigkeitstechnik an der Technischen Universität Hamburg-Harburg bestätigt: "Die Hersteller hochwertiger Fahrräder, die entsprechende Tests durchführen lassen, beherrschen ihr Handwerk."

Dennoch stößt my Boo auf Misstrauen. Die Radbranche ist konservativ - neue Marken und ungewöhnliche Ideen haben es schwer. Wenn dann auch noch ein neuer und exotischer Werkstoff wie Bambus verbaut wird, erst recht. Einen großen Teil der Arbeit verbringen die Kieler derzeit damit, durch Deutschland zu fahren und neue Vertriebspartner zu suchen, die sich ihr Produkt in den Laden stellen wollen. "Es kommt immer noch vor, dass Händler skeptisch gegenüber unseren Bambusfahrrädern sind. Aber sobald sie unsere Bikes dann Probe fahren, sind sie sofort vom direkten, steifen und doch komfortablen Fahrgefühl überzeugt", sagt er.

Auch Prüfingenieur Schröder weiß um die Vorteile des faserigen Materials. Er sieht bei Bambus in der Struktur sogar Parallelen zum Hightech-Material Carbon. "Bambus ist letzten Endes ein Faserverbundwerkstoff mit beachtlichen Festigkeitswerten", sagt er.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Textes wurde Bambus als Holz bezeichnet. Tatsächlich gehört es aber zu den Gräsern.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Seite 1
butterbrot67 23.06.2015
1. Nachhaltig ok
Ok, das ist vielleicht einigermassen nachhaltig und schafft Arbeit in Afrika aber sorry, niemand, der noch ganz bei Trost ist, zahlt 2000 Euro und mehr für ein Rad, das ohne Federung und andere gewichtstreibende Komponenten mindestens 14kg wiegt. Dann lieber ein leichteres Rad für weniger Geld und den Rest meines Lebens nur noch Fair-Trade-Kaffee.
dirk.saremba2013 23.06.2015
2. Auf dem Hozweg
Toller Artikel. Doch Bambus ist kein Baum und kein Holz. Es gehört zu den Gräsern.
oliiiiwero 23.06.2015
3.
Und mit was für Löhnen werden die Rahmenbauer aus Ghana und Sambia bezahlt? Die werden wohl mit "örtlich üblicher Bezahlung abgespeist.
Bueckstueck 23.06.2015
4. Steif oder nicht steif?
Der Vergleich im Titel mit Stahl Bikes in Bezug auf Steifkeit ist etwas unglücklich gewählt, auch wenn es unterm Strich wohl zutrifft. Stahl ist von den drei üblichen Werkstoffen der flexibelste, weil die Rohrquerschnitte und Wandstärken durch die hohe Festigkeit und des hohen Gewichts entsprechen kleiner ausfallen können und sollen, als etwa bei Aluminium, das schon verdammt steif ist wenn die Wandstärken und Querschnitte nicht an Coladosen erinnern. Diese Flexibilität ist - wie ja an einer Stelle im Artikel erwähnt wird - wie auch bei Bambus im Sinne des Komforts gewünscht. Ein passenderer Titel wäre vielleicht gewesen "Robust/Fest/Ideal wie Stahl" oder sowas in der Art. :)
Hesekiel 23.06.2015
5.
Wieder eins dieser Accessoires, die man am Prenzlauer Berg oder aehnlichem Territorium unbedingt haben muss, um nicht aus der erlauchten Runde der fair-trade-bio-soja-latte-Trinker ausgeschlossen zu werden. Nachhaltig, aus Afrika importiert und dazu noch Kinder vor Ort unterstuetzt, mehr gut geht ja garnicht.. Fuer den normalen (aka boese konsumorientierten) potentiellen Radkaeufer erschliesst sich dagegen nicht, warum man fertige Bambusrahmen nun unbedingt aus Sambia importieren muss, um dann fuer 2k ein Rad draus zu wurschteln.
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