Webvideo "Micro Mayhem!": Kurz, klein und gemein

Von Christoph Stockburger

Webvideo "Micro Mayhem!": Verfolgungsjagd mit Fingerspitzengefühl Fotos
Stoopid Buddy Stoodios

Eine Vollgas-Verfolgungsjagd, jede Menge Explosionen, spektakuläre Karambolagen: Das Webvideo "Micro Mayhem!" ist ganz großes Kino - dabei sind die Hauptdarsteller so klein wie ein Popcorn.

Das Video dauert nur kurz, aber es ist vollgepackt mit atemloser Action. Ein Muscle Car rast einem Betonmischer hinterher, vom Start weg wird jede Menge Blut vergossen, aus allen Rohren geballert und mit Raketen geschossen. Häuser fliegen in die Luft, Autos springen von Brücken, sämtliche Grenzen der Straßenverkehrsordnung und des guten Geschmacks werden überschritten. Kurz gesagt: Wir werden Zeugen einer Verfolgungsjagd erster Güte.

Der Clou an dem Clip: Weder Schauspieler noch Stuntleute mussten ihr Leben aufs Spiel setzen, und ein Hirsch, der gleich zu Beginn in Stücke gerissen wird, ist auch nicht echt. Die Hauptdarsteller in dem Video, also die Fahrzeuge, sind in Wirklichkeit kleiner als ein Daumen. Es handelt sich um simples Plastikspielzeug, nicht mehr wert als ein paar Dollar. Aber hinter der Produktion steckt eine aufwendige Stop-Motion-Technik - und ein Filmstudio voller Hollywoodstars.

"Micro Mayhem!" heißt der Kurzfilm, was soviel bedeutet wie Riesenchaos im Miniformat. Der Titel hat sich aufgedrängt, denn wie die Regisseure des Clips, Eric Towner und John Harvatine IV, SPIEGEL ONLINE erzählen, hat sie ihr altes Kinderspielzeug zu dem Werk inspiriert.

"Ich bin zu Hause auf eine Schachtel voller Micro Machines gestoßen", sagt Towner, "und daraufhin haben wir beschlossen, ein Video mit Autos in den Hauptrollen zu produzieren". Micro Machines sind winzige Modellautos - genau die Art Spielzeug, die Kinder wie Schätze in ihren Hosentaschen hüten und die Erwachsenen in den Fußsohlen steckenbleibt, wenn sie unachtsam durch die Wohnung laufen.

"Wir wollten schon immer etwas ganz Kleines so filmen, dass es überlebensgroß wirkt", sagt Harvatine. Ganz im Stile Hollywoods, das in direkter Nachbarschaft zu seinem Arbeitsplatz liegt. In der Stadt Burbank, die an Los Angeles grenzt, befinden sich die Stoopid Buddy Stoodios. Harvatine und Towner gehören zu den Gründern des Unternehmens. Einer ihrer Partner ist Seth Green, der in Blockbustern wie "Austin Powers" und "The Italien Job" mitspielte oder in der TV-Serie "Buffy" zu sehen war.

Die Stoopid Buddys haben sich auf Animationsfilme spezialisiert. Ihre Kunst besteht darin, aus Plastik, Knet oder Gummi Figuren zu erschaffen und ihnen Leben einzuhauchen. Was die liebvolle Verschrobenheit der Charaktere und die Professionalität des Handwerks betrifft, sind die Werke am ehesten mit der legendären "Muppet Show" vergleichbar.

Die Produktionen aus den Stoopid Buddy Stoodios laufen im Cartoon Network und auf Nickelodeon, für die Serie "Robot Chicken" haben die Gründer den renommierten Emmy-Award eingeheimst. Und eine besondere Ehre wurde ihnen auch schon zuteil: die Filmer durften einen sogenannten Couch Gag für den Vorspann der Serie "Die Simpsons" beisteuern.

Die Filmer brauchen Geduld - und eine Pinzette

"Micro Mayhem!" entstand als ein Freizeitprojekt, sagen Harvatine und Towner. Normalerweise hätte die Arbeit an dem kurzen Filmchen ihren Schätzungen nach einen Monat gedauert, aber weil sie es nicht eilig hatten, ließen sich die beiden zwei Jahre Zeit. "Wir Stop-Motion-Filmer sind geduldige Leute", meint Towner.

Ohne Geduld lässt sich diese Art von Dreharbeit wohl auch nicht bewältigen: "Micro Mayhem!" besteht aus mehr als 1700 einzelnen Einstellungen. Jede Einstellung erfordert Handarbeit, manchmal werden die Figuren nur um wenige Millimeter verschoben. Weil die Protagonisten in diesem Film so klein sind, benötigten Harvatine und Towner für einige Szenen eine Pinzette, um die Autos in die gewünschte Position zu bringen. So stocherten sie sich voran, bis der Clip im Kasten war.

Die in jeder Hinsicht kleinteilige Arbeit brachte aber noch weitere Herausforderungen mit sich. "Um die richtige Perspektive hinzubekommen, musste die Kameraeinstellung für einige Szenen so niedrig wie möglich sein", sagt Towner. Ansonsten hätten die Autos so mickrig gewirkt, wie sie in Wirklichkeit auch sind.

Die Filmer lösten das Problem, indem sie kleine Webcams so weit zerlegten, bis außer ein paar kurzen Käbelchen und den Platinen nichts mehr übrig blieb. "Unser Team hat die Einzelteile dann auf einen selbstgebastelten Minikran modelliert, mit dem wir die Kamera steuern konnten", erzählt Harvatine

"Mehr davon!"

Im Abspann des Videos wird die Apparatur gezeigt, und es ist gut zu beobachten, mit welchem Fingerspitzengefühl die Animationsfilmer arbeiten - wie Insektenforscher halten sie die zerbrechlichen Teilchen in den Händen und drapieren sie auf eine Landschaft, wie man sie von Märklin-Eisenbahnen kennt.

Towner und Harvatine sind stolz auf ihr kleines Meisterwerk: "Unsere Vorbilder waren natürlich legendäre Verfolgungsjagden aus Filmen wie 'Bullitt' oder 'Duell'", sagt Towner, "deshalb haben wir 'Micro Mayhem!' auch den körnigen Look dieser Klassiker aus den Siebzigern verpasst". Das Video war die erste Produktion ihres Studios, in der Autos die Hauptrolle spielten - aber es soll nicht die letzte bleiben: "Wir wollen mehr solcher Clips drehen", kündigt Harvatine an. Die Zuschauer dürfen sich also schon auf die nächste kleine Gemeinheit aus Burbank gefasst machen.

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insgesamt 7 Beiträge
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1. Nicht ganz
duanehanson 03.06.2013
Zitat von sysop"Micro Mayhem!" besteht aus mehr als 1700 einzelnen Einstellungen.[/url]
Der Film besteht aus 1700 einzelnen Bildern, genannt Frames. Einstellungen dürften es maximal fünfzig sein.
2. So aber auch nicht
SteamKain 03.06.2013
Zitat von duanehansonDer Film besteht aus 1700 einzelnen Bildern, genannt Frames. Einstellungen dürften es maximal fünfzig sein.
Was ausgedrückt werden sollte, ist, dass für jedes Bild die einzelnen Elemente per Hand neu angeordnet werden mussten. Deswegen kann man durchaus von "Einstellungen" sprechen.
3.
Marvel Master 03.06.2013
Man muss schon sagen, ein beeindruckender Film. An einem Nachmittag das mal nicht eben gedreht. Ich denke ein paar Wochen gehen da bestimmt schon bei drauf. Bin gespannt auf weitere Videos. ;-) VG Marvel
4. Kleine dumme Jungs...
sonorian 03.06.2013
...denen mal wieder nix Besseres als eine endlose Gewaltorgie einfällt. Eastwood läßt grüßen, ruin my day. Mit diesem Aufwand hätte man natürlich auch etwas Tolles wie „5 Mètres 80“ produzieren können, das machen z.B. die Franzosen. Aber da es so ganz ohne Effekte auskommt, verstehen die Jänkies es nicht. Solche Produktionen sind halt euroäpisch, und (nur?) für’s dortige Publikum. Schade, daß Herr Stockburger diese US-amerikanische Monströsität auch noch so begeistert beschreiben muß. Hoffentlich wird er nicht eines Tages von einem durchgedrehten Hobby-Stuntfahrer, der sich von solcherlei Machwerken animieren ließ, gehirscht!
5.
user_0815 03.06.2013
Man muss es nicht auf Vimeo gucken. Hier der entsprechende Youtube Link. http://www.youtube.com/watch?v=iDVGdeYqRxM
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