Nie gemachte Motorsportfotos Fantastisch gelöst

Es gab mal eine Zeit, da wurde noch nicht jeder Augenblick bildlich festgehalten. Viele spektakuläre Motorsportmomente waren deshalb bislang nicht dokumentiert. Ein Bildband holt das nun nach. Paradox? Sehen Sie selbst.

Unique & Limited Gallery

Von Jürgen Pander


Selbstverständlich existiert kein Originalfoto aus jener Nacht auf den 3. Juni 1934. Ein Bild von den damaligen Ereignissen am Nürburgring kann man sich aber dennoch machen: Auf den Seiten acht und neun eines dickleibigen Buches mit dem Untertitel "Ein Bildband nie gemachter Rennsportfotos". Zu sehen ist dort das Fahrerlager, in den Boxen von Mercedes brennt noch Licht, davor wird eifrig gearbeitet. Man erkennt einen Mechaniker, der die Karosserie eines Rennwagens blank schleift. Die Szenerie zeigt sozusagen die Geburt der Silberpfeile, zumindest so, wie sie eine hübsche Legende darstellt.

Die besagt nämlich, dass die damals nagelneuen Mercedes-Rennwagen W25 vor dem Eifelrennen 1934 für die neue 750-Kilogramm-Rennklasse um ein Kilo zu schwer waren, weshalb Mercedes-Rennleiter Alfred Neubauer in der Nacht vor dem Rennen die weiße Farbe von den Karosserien schmirgeln ließ. Zum Start am Sonntag rollten dann zwei exakt 750 Kilogramm schwere Rennwagen mit blanker, silbrig glänzender Aluminiumkarosserie. Und weil der eine davon, gesteuert von Manfred von Brauchitsch, als erster über die Ziellinie jagte, jubelte die Presse über den "Silberpfeil". Der Rennsport hatte einen neuen Mythos.

Genau so muss es gewesen sein: Die Geburt des Silberpfeils
Unique & Limited Gallery

Genau so muss es gewesen sein: Die Geburt des Silberpfeils

Der Bildband "When Motor Racing was bloody dangerous" liefert jetzt die Bilder zu diesem und zahlreichen anderen Motorsport-Legenden nach. Auf die Idee kamen Jan Rambousek und Petr Milerski, die ursprünglich eine Werbeagentur in Prag betrieben. Irgendwann begannen sie, alte Fotografien mit Hightech-Computergrafik zu frisieren. Bald landeten die beiden beim Rennsport als beherrschendem Thema, und schließlich setzten sie sich in den Kopf, legendäre Szenen, von denen jedoch kein Foto existierte, so akribisch und originalgetreu wie möglich bildlich darzustellen.

Ein Bild, komponiert aus Dutzenden von Einzelaufnahmen

Den Boxenstopp der Rennfahrerin Elisabeth Junek auf Bugatti 35B bei der Targa Florio 1928 zum Beispiel; den Start des Grand Prix von Tripolis am 12. Mai 1935; den überraschenden zweiten Platz des Amateur-Rennfahrers Jean Guichet in einem Ferrari GTO in Le Mans 1962. Insgesamt sind es 21 besondere Vollgas-Momente, jeweils begleitet von einer Geschichte des Motorsport-Experten Bart Lenaerts und zeitgenössischen Aufnahmen sowie etliche Fotografien und Grafiken zur Entstehungsgeschichte der Hightech-Bildkompositionen.

Fotostrecke

13  Bilder
Motorsport-Bildband: Bilder im Konjunktiv

Denn Rambousek und Milerski pixelten die spektakulären "Fake Views" nicht einfach am Computer zusammen, sondern sie arbeiteten auch mit Statisten in der passenden Kleidung, mit den richtigen Requisiten und teils sogar an den Originalschauplätzen, um die Menschen auf den Fotos so realistisch wie möglich darstellen zu können. Die Autos entstanden als 3D-Modelle am Computer. Zunächst als glatte Karosserien, dann kamen mit jedem Arbeitsschritt mehr und mehr Details hinzu, bis hin zu Kratzern und Steinschlagdellen. Schließlich die Reflexionen, Spiegelungen, Schattenwürfe oder Gischtstreifen - je nach Motiv, Lichtverhältnissen und Wetterlage.

"Ich wage, es Kunst zu nennen"

Ist das nun Fotografie? Digitale Malerei? Hightech-Bildkomposition? "Unser Ziel ist es nicht, einfach klassische Fotografien zu reproduzieren oder so zu tun, als wären sie damals so aufgenommen worden, wenn man die richtigen Kameras gehabt hätte", sagt Isabell Mayrhofer von Prager Kollektiv"Unique & Limited", das sich um Rambousek und Milerski gefunden und diese neue Art der Bildherstellung perfektioniert hat. Mayrhofer: "Ich wage, es Kunst zu nennen. Aber es ist noch keine definierte Kunstform - so neu ist es."

Ob nun Kunst oder nicht, ein Bildband voller Fotos, die nie gemacht wurden, ist auf jeden Fall ein herrliches Oxymoron. Und ein großer Augenschmaus.

Bart Lenaerts: "When Motor Racing was bloody dangerous, Ein Bildband nie gemachter Rennsportfotos, 252 Seiten, 164 Computergrafiken, 29 Farbfotos, 112 s/w Fotos, Delius Klasing Verlag, 59,90 Euro.



insgesamt 24 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
varlex 27.06.2017
1. Kunst?!
Selbstverständlich ist dies Kunst. Die Bilder sind nicht nur hervorragend gelungen, sie verknüpfen auch Stilmittel der analogen mit der digitalen Welt. Hervorragende Arbeit.
freudentanz 27.06.2017
2. Kunst ?
Kunst liegt im Auge des Betrachters. Persönlich sehe ich diese Form von digitalen Möglichkeiten eher kritisch. Inzwischen bin ich so genervt von diesem gephotoshoppten Krams das ich mir keine neuen Kinofilme mehr anschaue wo der Computer eine tragende Rolle im Film einnimmt. Genauso geht es mir bei diesen "gekünstelten" Fotografien. Sei es mit diesen Hybridkameras oder sowas. Ich sehe durchaus die handwerklichen Vorbereitungen, Ideen die investiert werden müssen aber schlußendlich hat jemand nur auf eine ENTER-Taste gedrückt. Diese Bilder haben nichts magisches, nichts ergreifendes, nichts spannendes. Sie sind eine Art Comiczeichnungen. Wie schon gesagt: Kunst liegt im Auge des Betrachters
RobMcKenna 27.06.2017
3.
Von der Idee her finde ich das schon originell, allerdings ist mir die Anmutung der fertigen Bilder deutlich zu künstlich.
varlex 27.06.2017
4.
Zitat von freudentanzKunst liegt im Auge des Betrachters. Persönlich sehe ich diese Form von digitalen Möglichkeiten eher kritisch. Inzwischen bin ich so genervt von diesem gephotoshoppten Krams das ich mir keine neuen Kinofilme mehr anschaue wo der Computer eine tragende Rolle im Film einnimmt. Genauso geht es mir bei diesen "gekünstelten" Fotografien. Sei es mit diesen Hybridkameras oder sowas. Ich sehe durchaus die handwerklichen Vorbereitungen, Ideen die investiert werden müssen aber schlußendlich hat jemand nur auf eine ENTER-Taste gedrückt. Diese Bilder haben nichts magisches, nichts ergreifendes, nichts spannendes. Sie sind eine Art Comiczeichnungen. Wie schon gesagt: Kunst liegt im Auge des Betrachters
Das stimmt so nicht. Kunst ist Kreativität gepaart mit Handwerk, bei dem etwas entworfen wird, was keine praktische Funktionalität hat. Und unterschätze hier nicht das handwerkliche Können, einfach nur "Enter" drücken ist es jedenfalls nicht. Jetzt mal davon ab, das diese Jungs ja auch real fotografiert haben und dies dann in die digitale Kunst eingebettet haben. Insofern ist dies Kunst. Allerdings muss einen ja nicht jede Kunst gefallen, da bin ich bei dir. Ich verstehe auch nicht, warum alle die Mona Lisa so toll finden...
Bueckstueck 27.06.2017
5.
Zitat von freudentanzKunst liegt im Auge des Betrachters. Persönlich sehe ich diese Form von digitalen Möglichkeiten eher kritisch. Inzwischen bin ich so genervt von diesem gephotoshoppten Krams das ich mir keine neuen Kinofilme mehr anschaue wo der Computer eine tragende Rolle im Film einnimmt. Genauso geht es mir bei diesen "gekünstelten" Fotografien. Sei es mit diesen Hybridkameras oder sowas. Ich sehe durchaus die handwerklichen Vorbereitungen, Ideen die investiert werden müssen aber schlußendlich hat jemand nur auf eine ENTER-Taste gedrückt. Diese Bilder haben nichts magisches, nichts ergreifendes, nichts spannendes. Sie sind eine Art Comiczeichnungen. Wie schon gesagt: Kunst liegt im Auge des Betrachters
Du hast offenbar nicht verstanden weshalb diese fotorealistischen Fotokompositionen gemacht wurden: Weil es keine Originalfotos von diesen Szenen gibt, nur Erzählungen. Wie sonst hätte man die Magie dieser Momente darstellen sollen? Mit echten Autos (die man nicht bekommt) vor einem Hintergrund der seit mehr als 50 Jahren nicht mehr existert?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.