Fahrradfahren im Winter Mit Spike-Reifen über Eis und Schnee

Fahrradreifen mit Spikes
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Fahrradreifen mit Spikes


Fahrradfahren bei Eiseskälte kann großen Spaß machen. Vorausgesetzt, man hat die richtigen Winterreifen.

Eigentlich wollte ich sie dieses Jahr eingemottet lassen. Die paar Winterwochen würde ich auch so noch schaffen, dachte ich. Aber dann purzelten die Temperaturen, und ich stieg doch in meinen Keller hinab. Da hingen sie noch, leicht verschmutzt vom letzten Jahr, aber fertig zum Einsatz: meine Winterreifen.

Ich muss gestehen, dass meine Radleidenschaft im Winter an ihre Grenzen kommt. Ich ertappe mich dann bei dem Gedanken, dass eine warme U-Bahn auch eine feine Sache sein kann. Gelegentlich gebe ich der Versuchung nach. Aber nach ein bis zwei Tagen an der Seite schlechtgelaunter Pendler mit triefenden Nasen treibt es mich dann doch wieder aufs Rad.

Zum Autor
  • Hanna Becker
    Zunächst deutete wenig auf eine andauernde Liebesaffäre hin. Die erste Begegnung mit einem Fahrrad, an die Ralf Neukirch sich erinnert, endete mit einem Sturz. Doch irgendwann wurde für den SPIEGEL-Redakteur das Radfahren von der Notwendigkeit zur Leidenschaft. Seither hält er es mit John F. Kennedy: "Nichts ist vergleichbar mit der einfachen Freude, Rad zu fahren."

    Von den schönen Momenten, aber auch den sportlichen, technischen und persönlichen Herausforderungen des Radfahrens erzählt Ralf Neukirch regelmäßig in diesem Blog.

Das Hauptproblem ist nicht die Kälte. Zum einen kann man sich dagegen schützen, auch wenn es gerade an den Füßen nicht einfach ist. Zum anderen kann man sich einreden, dass heroisches Leiden zum Radfahren dazugehört. Der französische Radprofi Gérard Saint hat sich 1957 beim Klassiker Lüttich-Bastogne-Lüttich auf die eigenen Hände gepinkelt, damit er sie in der Eiseskälte noch bewegen konnte. Den Weg durch den Berliner Tiergarten werde ich wohl gerade noch ohne derlei Maßnahmen bewältigen.

Der eigentliche Feind des Radfahrers ist die Glätte. Die großen Straßen sind meist gestreut, da ist es kein Problem. Aber die Seitenstraßen oder Radwege, also genau die Routen, auf denen man sich als Radfahrer bewegt, sind tückisch. Kleine Pfützen, die im Winter gefrieren, können sich zur tückischen Falle entwickeln.

Niedriger Reifendruck hilft

Im vergangenen Winter stürzte vor mir ein Fahrradfahrer, der auf einer solch kleinen Eisfläche bremsen musste, weil vor ihm ein Auto aus einer Nebenstraße kam und nicht am Fahrradweg, sondern erst an der Straße hielt. Das passiert immer wieder. Fahrradfahren im Winter ist gefährlich. Aber es gibt Möglichkeiten, sich zu schützen.

Eine Sofortmaßnahme ist ein niedrigerer Reifendruck. Das erhöht die Auflagefläche und verbessert die Haftung des Reifens. Aus diesem Grund sind breite Reifen im Winter ein Muss. Am besten wären Reifen mit bis zu 5 Zoll, wie sie an so genannten Fat Bikes montiert sind. Allerdings passen die nicht an normale Räder und scheiden damit für die meisten Fahrer aus.

Sinnvoll ist die Anschaffung spezieller Winterreifen, wie auch ich sie im Keller habe. Die haben eine spezielle Gummimischung für den Winter, die mehr Grip bei Kälte bieten. Allerdings muss man sich gut überlegen, wofür man die Reifen braucht. Manche Modelle wie der Conti Contact Winter haben ein Lamellenprofil, mit dem sich hervorragend auf Schnee fahren lässt. In Großstädten ist die Chance, durch frisch gefallenen Schnee zu fahren, äußert gering.

Bei Autos verboten, am Fahrrad erlaubt

Wer wie ich das ganze Jahr über fährt, für den führt kein Weg an den wirklich harten Schlappen vorbei: Den Winterreifen mit metallenen Stiften, den so genannten Spikes. Bei Autos sind sie seit Jahrzehnten verboten, am Fahrrad aber erlaubt. Die Spikes sind nicht spitz, wie der Name suggeriert, sondern haben einen abgeflachten, runden Kopf.

Damit pflügt man über alles hinweg, was sich im Winter in den Weg stellen mag: Frischer Schnee, Schneematsch, festgefahrener Schnee, überfrorene Nässe, blankes Eis. Meine Reifen, ein Paar Schwalbe Marathon Winter, habe ich mir vor ein paar Jahren für mein damaliges Reisefahrrad gekauft. Auf Empfehlung meines Fahrradhändlers habe ich die Reifen auf dem zugefrorenen See in unserer Nachbarschaft ausprobiert. Perfekt! Beschleunigen, Bremsen, Kurven, alles kein Problem.

Vor dem Kauf sollte man allerdings ein paar Dinge bedenken: Reifen mit Spikes bauen höher auf als normale Reifen. Man muss darauf achten, dass genug Platz zwischen Reifendecke und Schutzblech ist. Spikesreifen müssen zudem eingefahren werden, am besten auf normaler Fahrbahn. Dann werden die Stifte fest in ihre Halterungen gedrückt und fallen im Ernstfall nicht heraus. Weil man trotzdem anfangs ein paar Spikes verlieren wird, empfiehlt sich die Anschaffung eines Ersatzsets nebst Montagewerkzeug. Das kostet nicht viel.

Zwei Nachteile gibt es

Außerdem sollte man überlegen, auf welchen Strecken man die Reifen braucht. Mountainbike-Fahrer können aus einer breiten Palette gespickter Winterreifen wählen, die aber nur im Gelände sinnvoll sind. Für Stadtfahrer sind vor allem zwei Modelle interessant: Der Schwalbe Marathon Winter und der Schwalbe Winter. Letzterer ist eine abgespeckte Version des Marathon Winter, mit nur zwei Reihen Spikes in der Mitte der Lauffläche. Der Marathon ist vierreihig bestückt.

Ich habe mir damals den Marathon gekauft, weil ich dachte, je mehr Spikes, desto besser. Heute würde ich die einfachere Version wählen. Die ist billiger, leichter und reicht völlig aus, wenn man nicht gerade extreme Kurvenlagen ausprobieren will. Dafür ist der Sommer ohnehin die bessere Jahreszeit.

Zwei Nachteile der Spikesreifen sollen nicht verschwiegen werden: Sie sind deutlich langsamer als normale Reifen. Das wird nur zum Teil dadurch ausgeglichen, dass man auch durch knifflige Passagen furchtlos fahren kann. Und sie sind laut, vor allem auf Asphalt. Man muss darauf gefasst sein, dass sich die Leute nach einem umdrehen, wenn man an ihnen vorbeifährt. Man kann das Geräusch reduzieren, wenn man die Reifen fest aufpumpt. Aber dann sind sie weniger griffig.

Mit anderen Worten: Spikes sind super, wenn es glatt ist. Sie nerven, wenn der Straßenzustand normal ist. Leider kann sich das von Tag zu Tag ändern. Aber kein normaler Mensch wechselt dann jedes Mal die Reifen.

Extra-Fahrrad für den Winter

Es gibt nur eine rundum befriedigende Lösung: Man braucht für den Winter zwei Räder.

Das ist weniger absurd, als es klingt. Viele Menschen haben noch ein altes Rad im Keller oder der Garage, dass sie nicht mehr fahren. Für ein paar Wochen im Winter reicht das in der Regel völlig aus. Hauptsache, die Bremsen funktionieren. Auf eine Gangschaltung kann man zur Not verzichten und Schweinwerfer sowie Rücklicht kann man anklemmen.

Es kann sich sogar lohnen, ein billiges Gebrauchtrad zu kaufen. Mehr als 50 Euro braucht man nicht auszugeben. Ein Winterrad hat überdies den Vorteil, dass man sein gutes Fahrrad schonen kann. Das Salz auf den Straßen frisst auf Dauer die Kette oder sogar den Rahmen kaputt.

Weil meine alten Winterreifen 26 Zoll groß sind, ich aber nur noch 28-Zoll-Räder habe, werde ich mir das alte Rad meines Sohnes fit machen, das zu Hause vor sich hin rostet. Dann kommen Spikes drauf, und ich fahre, wenn das Wetter mitspielt, eine Runde auf den See. Radfahren im Winter kann wirklich Spaß machen.



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26 Leserkommentare
rainerwäscher 17.02.2018
immer_unterwegs 17.02.2018
mpakw4 17.02.2018
donamiko 17.02.2018
nadir 17.02.2018
spon-41d-frm9 17.02.2018
anselm_ansichtsbuch 17.02.2018
dichris 17.02.2018
grossmutter 17.02.2018
HH1960 17.02.2018
jing&jang 17.02.2018
xc6lx45 17.02.2018
monoman 17.02.2018
rob_blanco 17.02.2018
Arpegator 17.02.2018
Steve B 17.02.2018
heb78 17.02.2018
leicameter 17.02.2018
Stäffelesrutscher 17.02.2018
fhm 17.02.2018
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Rexel 26/6 18.02.2018
mul 18.02.2018
P-Schrauber 18.02.2018
stroberg 18.02.2018
jmaltzan 20.02.2018

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