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22. Februar 2013, 09:57 Uhr

Bowlus Road Chief

Diesen Hänger liebt man länger

Der Bowlus Road Chief hat alles, was ein aufregendes Fahrzeug braucht: unwiderstehliches Design, avantgardistische Technik und einen weltberühmten Erfinder. Dabei ist er nur ein Wohnwagen. Fast 80 Jahre lang war die Marke verschwunden - nun ist sie wieder zum Leben erwacht.

Kunstwerke hängen gewöhnlich an Wänden, nicht an der Anhängerkupplung. Der Bowlus Road Chief ist eine Ausnahme: Er ist ein Wohnwagen, und im Vergleich zu herkömmlichen Modellen wirkt er wie ein Bauhaus von Gropius neben einem langweiligen Reihenhäuschen.

Für den Software-Entwickler und Unternehmer John Long war Road Chief zunächst so etwas wie ein Accessoire für seine Oldtimer-Sammlung. "Er passte einfach hervorragend zu dem 1947er Tatra 87, mit dem meine Frau und ich viel gereist sind", sagt er. Besonders fasziniert war er aber vom modernen Design des Caravans, von dessen leichtem Gewicht und der aerodynamischen Form. "Der Road Chief war in den Dreißigern schon innovativer als die Wohnwagen von heute", findet er.

Hawley Bowlus, Erfinder und Namensgeber dieses Alu-Trailers, war ein genialer Konstrukteur. Den größten Ruhm erntete er nicht für einen Wohnwagen, sondern für die Entwicklung der Spirit of St. Louis - jenem Flugzeug, mit dem Charles Lindbergh 1927 den Atlantik überquerte.

Mit seinem Verständnis für aerodynamisches Design war der Ingenieur seiner Zeit voraus. Leider fiel die Markteinführung des Road Chief in eine denkbar ungünstige Epoche: während der Großen Depression geriet Bowlus in Geldnöte, 1936 ging er bankrott.

Einer seiner ehemaligen Mitarbeiter übernahm die Firma und bewies mehr unternehmerisches Geschick: Aus dem Road Chief entwickelte er später den legendären Airstream, ebenfalls ein Wohnwagen mit dem Status einer Designikone. Anfangs bestand der einzige Unterschied zwischen den beiden Modellen noch in der der Platzierung der Türe, später geriet die ganze Form des Airstream runder.

Unterwegs kam die Geschäftsidee

Vor seinem Konkurs hatte Bowlus nur 80 Exemplare des Road Chief gebaut, weniger als zwei Dutzend sind heute noch übrig. Eines davon ist in den Händen von John Long. Der Kanadier hat sich allerdings nicht damit zufriedengegeben, einen Wohnwagen von 1935 zu erwerben: Vor ein paar Jahren sicherte er sich auch noch die Markenrechte. Und jetzt hat er dem Bowlus Road Chief neues Leben eingehaucht.

2010 unternahmen John Long und seine Frau einen schicksalhaften Ausflug durch die USA. "Zuerst besuchten wir mit dem Road Chief eine Ausstellung für Oldtimer-Wohnwagen, wo uns die Menschen die Türe eingerannt haben", erzählt er. Anschließend trafen sie sich mit ihren beiden erwachsenen Kindern auf dem Musikfestival und der Entwicklerkonferenz South by Southwest in Austin, Texas. "Wir unterhielten uns über große amerikanische Marken, die im Laufe der Zeit untergegangen sind", erinnert Long sich. Dabei fassten sie einen Entschluss: "Der Bowlus Road Chief sollte sein Comeback erleben."

Die Grundsätze des Projekts waren von vornherein klar: Am Design des Glanzmobils wird nichts geändert, aber die Ausstattung auf den neuesten Stand gebracht.

Stilvoll eingeengt

Das Ergebnis ist eine Aluminiumhülle in der Form eines Flugzeugrumpfs, 7,20 Meter lang und 2,16 hoch, getragen von zwei mittig platzierten Rädern - und so glänzend, dass sich die Außenwelt darin spiegelt. Mit 900 Kilo Leergewicht ist er vergleichsweise leicht. "Meine Frau ist zwar zierlich und nur 1,50 Meter groß", sagt Long, "aber sie kann den Road Chief problemlos an ein Auto anhängen."

Der Innenraum wirkt wie die Schrumpfversion einer Design-Ferienwohnung in einem teuren Schweizer Skiort: Ledersofa und -sitze, ein Tisch für zwei, Bettwäsche aus Leinen auf einer großen Latexmatratze, die Wände und Türen mit Birkenholz ausgekleidet. Dazu ein Badezimmerchen mit Teakholzboden, inklusive Dusche und WC. Und eine Küchenzeile aus Aluminium mit Spüle, Herdplatten und Mikrowelle.

Das Interieur wird von LED-Lampen erleuchtet, sechs Deckenventilatoren und eine Klimaanlage sorgen für angenehme Temperaturen, in der Wand ist eine Ladestationen "für Laptops, Tablets und Telefone" eingerichtet und mit einem tragbaren 120-Watt-Solarpanel kann grüner Strom produziert werden. Jedes Detail des Road Chief erscheint wie ein Gegenentwurf zum muffigen Image eines normalen Wohnwagens.

So viel Stil hat natürlich seinen Preis: Der Road Chief bietet die Annehmlichkeiten einer kleinen Eigentumswohnung und ist mit 100.000 Dollar auch ungefähr so teuer. Für die stolze Summe verspricht John Long aber zwei kostenlose Zugaben: Einen schicken Schriftzug nach Wahl auf der Radabdeckung - und "viele lächelnde Gesichter anderer Autofahrer".

cst

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