Lkw-Wohnmobile Bretterbuden

Ein Traumhaus auf vier Rädern, das bietet der Brite Dean Crago. Vor Jahren hängte er seinen Lehrerjob an den Nagel. Seitdem baut er Lkw mit Liebe und Holz zu Wohnwagen um.

Will Bunce / HOUSE BOX

Ein Interview von


Manche Menschen lieben ihr Auto so sehr, dass sie es gar nicht mehr verlassen wollen. Dean Crago kennt solche Menschen. Der 33-Jährige kann ihre Wünsche und Träume so gut nachvollziehen, dass er daraus ein Geschäft gemacht hat: Vor vier Jahren gründete er die Firma "House-Box". Gemeinsam mit seinen Freunden Jake und Zack gestaltet er alte Trucks in Behausungen um, die alles bieten, was man zum Leben braucht.

Den dreien ist dabei kein Kundenwunsch zu abwegig, sei es eine mobile Kneipe, eine ausziehbare Bühne für Schausteller oder ein Gehäuse für gefährliche Schlangen.

SPIEGEL ONLINE hat mit dem Gründer von "House-Box" über die Anfänge, seine Träume und die schwierigsten Projekte gesprochen.

SPIEGEL ONLINE: Herr Crago, was für einen Truck fahren Sie?

Crago: Mein Truck ist immer noch mein erster Umbau überhaupt: Ein 1979er Bedford TK. Meine Freundin und ich haben drei Jahre darin gelebt, mittlerweile vermieten wir ihn an Familien, die ihn während der Ferien nutzen. Im Alltag fahre ich einen Reynolds Boughton RB44, ein altes Militärfahrzeug. Auch nicht gerade ein Kleinwagen, aber deutlich sparsamer als ein richtiger Truck.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben ihre berufliche Laufbahn als Lehrer begonnen, dann zum Buchhändler umgesattelt, beides eher akademische Berufe. Wie kam die Entscheidung zum radikalen Jobwechsel?

Crago: Alles begann mit jenem 1979 Bedford TK. Als ich mit den Arbeiten fertig war, habe ich gemerkt, wie viel Spaß mir das bereitet. Eine Zeit lang habe ich überlegt, ob es nicht zu riskant ist, den alten Job zu kündigen - immerhin war ich auf das Einkommen angewiesen. Doch durch den Umzug in den Truck fielen unsere monatlichen Kosten von 1000 Pfund auf 30 Pfund. Deshalb beschlossen meine Freundin und ich, es zu riskieren.

SPIEGEL ONLINE: Woher haben Sie die handwerklichen Fähigkeiten, die man für so einen Job braucht?

Crago: Das hat mich selbst etwas erstaunt. Anscheinend habe ich die Gabe, mir handwerkliches Geschick sehr schnell anzueignen - innerhalb von 18 Monaten habe ich mir alle wichtigen Kenntnisse verschafft, die man für solche Umbauten benötigt.

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Wohnmobile: Schlafen im umgebauten Pferdetransporter

SPIEGEL ONLINE: Sind die Trucks, die Sie herrichten, alle für den Straßenverkehr zugelassen?

Crago: Sie werden in Großbritannien als Wohnmobil eingestuft und sind somit für den normalen Straßenverkehr zugelassen. Es gibt festgelegte Kriterien für die Höhe und Schwere des Trucks. Diese überschreiten wir nie. Wir arbeiten außerdem daran, den Wagen so leicht wie möglich zu machen, ohne dass Ästhetik und Qualität darunter leiden. Das Holz, das wir nutzen, ist beispielsweise so fein bearbeitet, dass es nur den Anschein hat, als wäre es rustikal. In Wirklichkeit sind die Schichten nur ein paar Millimeter dick und somit sehr leicht. Im Schnitt sind die Trucks 6,5 Tonnen schwer.

SPIEGEL ONLINE: Wie teuer ist der Umbau eines Trucks?

Crago: Das ist schwer einzuschätzen, weil jedes unserer Fahrzeuge individuell nach Kundenwunsch gefertigt wird. Wir haben beispielsweise schon mal ein Gehäuse für Python-Schlangen in einem Truck untergebracht oder eine alte Trompete in einer Dusche installiert. Die Kunden bestimmen den Preis also maßgeblich selbst durch die Wahl der Teile und Materialien. Selbst vermeintlich kleine Elemente wie Türangeln oder Türgriffe können einen großen Unterschied machen: Manche kosten 80 Pfund, manche aber auch 500 Pfund. Ein ganzes Projekt kann zwischen 30.000 und 65.000 Pfund kosten.

SPIEGEL ONLINE: Beschreiben Sie doch mal ihren typischen Kunden.

Crago: Einen typischen Kunden haben wir nicht. Einige Kunden wollen raus aus der Stadt, um mit der Natur im Einklang zu sein. Andere wollen nur ihre Ausgaben senken, damit Sie beispielsweise in einem Job, den sie nicht mögen, weniger arbeiten müssen. Außerdem haben wir schon etliche Fahrzeuge für Schausteller umgebaut, die natürlich eine Menge Zeit in ihren Trucks verbringen und dementsprechend viel Wert auf Komfort legen.

SPIEGEL ONLINE: Klingt sehr gemischt.

Crago: Das hat mich ehrlich überrascht: Anfangs hatte ich angenommen, dass überwiegend junge und freiheitsliebende Menschen zu mir kommen würden, um zu reisen und sich einen Traum zu erfüllen. Ich hatte das Klischee vom Aussteiger vor Augen. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall. Mein jüngster Kunde war 19, letzte Woche hat mich eine 77-jährige Deutsche kontaktiert.

SPIEGEL ONLINE: Wie sieht ein normaler Arbeitstag bei Ihnen aus?

Crago: Keiner ist wie der andere. Und wenn es so wäre, würde ich mir vermutlich einen neuen Job suchen. Das Einzige, was immer gleich ist, sind die großen Mengen Kaffee, die wir jeden Tag trinken.

SPIEGEL ONLINE: Sie klingen zufrieden.

Crago: Ich habe in der Kindheit natürlich nicht davon geträumt, Truck-Designer zu werden. Ich habe auch die Jobs davor gerne gemacht. Aber nichts von dem, was ich vorher gemacht habe, hat sich so gut angefühlt, wie das, was ich jetzt tue. Ich kann kreativ sein und es ist extrem befriedigend, fremden Menschen das Leben durch die eigene Arbeit angenehmer zu machen.

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insgesamt 26 Beiträge
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Seite 1
Jobuch 20.06.2017
1. Man fragt sich nur
ob man mit den Dingern unter Umständen auch noch fahren kann. Einmal Holperstrecke oder Haarnadelkurve und die Schublädchen und Bücher verteilen sich auf dem Boden, denn eine Sicherung sehe ich nirgends. Aber vielleicht denke ich einfach zu kleingeistig. Wenn der Teekessel als Projektil durch die Gegend schießt, ist er nachher "natürlich patiniert", weil verdellert.
Papazaca 20.06.2017
2. Sympathisch, skurril, praktisch?
Die Idee gefällt mir, erinnert an "Small Houses", also an sehr kleine Häuser, auf das wesentliche reduziert. Wobei ich auch nicht weiss, ob das auch im fahrenden Zustand funktioniert. Die naturorientierte Gemütlichkeit der Innenausstattung ist nicht so mein Fall - aber das macht es trotzdem sympathisch. Sicher eine weitere Facette zum "Anders leben", ähnlich den Baumhäusern. Nur, ist das zeitlich begrenzter Ausbruch aus einem ansonsten "Normal-Leben" oder eine umfassende Alternative? Egal, es regt an, das vielleicht zu polierte Leben zu hinterfragen und vielleicht mal ganz anderes zu machen, muß ja nicht unbedingt ein Truck von Herrn Cargo sein ....
Layer_8 20.06.2017
3.
Zitat von Jobuchob man mit den Dingern unter Umständen auch noch fahren kann. Einmal Holperstrecke oder Haarnadelkurve und die Schublädchen und Bücher verteilen sich auf dem Boden, denn eine Sicherung sehe ich nirgends. Aber vielleicht denke ich einfach zu kleingeistig. Wenn der Teekessel als Projektil durch die Gegend schießt, ist er nachher "natürlich patiniert", weil verdellert.
Nee, man muss die Sachen beim fahren in Kisten verstauen und diese sichern. Hab so ein Fahrzeug schon mal in Indien gesehen. Umgebauter Benz-Unimog. Der kommt überall durch. War da drin zu einem "Sundowner" eingeladen und befand, dass mir so ein Auto auch gefallen würde. Kosten Unimog plus Umbau waren ca. 500,000 Euro, hat der Engländer mir gesagt.
Wofgang 20.06.2017
4.
Zitat von Jobuchob man mit den Dingern unter Umständen auch noch fahren kann. Einmal Holperstrecke oder Haarnadelkurve und die Schublädchen und Bücher verteilen sich auf dem Boden, denn eine Sicherung sehe ich nirgends. Aber vielleicht denke ich einfach zu kleingeistig. Wenn der Teekessel als Projektil durch die Gegend schießt, ist er nachher "natürlich patiniert", weil verdellert.
Ja, absolut - zu kleingeistig. Zum ersten steht der TK auf dem Bild offensichtlich schon länger, dann finden sich eben Bücher etc. auf den Regalen und der Teekessel steht auf dem Herd, andererseits kommt es ihm und seinen Kunden auf das Holz und die Individualität an. Wer praktische Lösungen sucht findet diese beim Standard Wohnmobilhersteller seines Vertrauens, für mich zum Beispiel Niesmann und Bishoff, nachdem ich die Individualität eines Eigenbaus 15 Jahre genossen habe.
2cv 20.06.2017
5. Leben...
....möchte man in so einem Truck für ein paar Tage sicherlich, über längere Zeit sind aber durch Alltagstücken dem deutlich Grenzen gesetzt (es sei denn, man gönnt sich eine Auszeit und verzichtet auf ganz schön viel). Wer es schafft, für 30 Pfund / 50 Euro pro Monat Kosten für zumindest Frischwasser, Abwasser, Strom, Heizung, Müll, Stellplatzgebühren etc. zu organisieren: hmmh. Da hat er sich einiges schöngerechnet oder anderweitig Sponsoren gehabt. Von Dusche, Waschmaschine, Bügelbrett etc. ist auch nichts zu sehen. Für mich sieht das eher nach fahrbarem Gartenhäuschen aus. Und für die meisten Deutschen ist das gewichtstechnisch bzw. führerscheinklassen-bezogen eh nicht realisierbar, mal vom TÜV ganz abgesehen. Im Moment findet auch eine Diskussion in der deutschen Oldtimer- und Gesetzgeber-Szene darüber statt, ob solche 2017er-Umbauten auf einem historischen Fahrgestell überhaupt als historische Fahrzeuge einstufbar sind.
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