Youngtimer-Kult "Ein Rock 'n' Roller fährt keinen Neuwagen"

Ford Granada und Ford Capri, Porsche 924, Mercedes W123: Im vergangenen Jahrzehnt erlebten Fahrzeuge, die Ende der Sechziger und Anfang der Siebziger gebaut wurden, eine Renaissance. Für Youngtimer-Fans geht es um das, was ihrer Meinung heute nur noch selten gebaut wird: Schöne Autos.


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Youngtimer-Kult: Die Karren eines Hypes
Goldene alte Zeit: Heutzutage kann man bei einem defekten Neuwagen den Schaden nur selten selbst beheben. Oft ist ein Besuch in einer Vertragswerkstatt des Herstellers nötig, denn nur die verfügt über das nötige Spezialwerkzeug.

Das war früher anders. Bei älteren Autos lassen sich viele Reparaturen von jedem halbwegs talentierten Hobbyschrauber durchführen: Getriebe- und Motorenwechsel, Vergasereinstellung und Ausbesserungsarbeiten an der Elektrik sind kaum ein Problem. Mit dem Aufkommen von immer komplexeren elektronischen Bauteilen und Assistenzsystemen war damit Schluss.

Das ist einer der Gründe für die Popularität der sogenannten Youngtimer. Eine wachsende Zahl von Autofahrern begeisterte sich im vergangenen Jahrzehnt für die meist zwischen 20 und 30 Jahre alten Vehikel - eine gesetzliche Definition gibt es für diese Gattung nicht. Für den Boom ist freilich nicht allein die im Vergleich zu heutigen Fahrzeugen simple Technik verantwortlich. Für Helge Thomsen, Youngtimer-Fan und Chefredakteur des Szeneblattes "Motoraver", sind diese Autos auch wegen der charakteristischen Optik interessant - er mag die Ecken und Kanten. "Aktuelle Modelle sind mir zu rund gelutscht und nicht individuell genug. Für mich ist das Fahren eines Youngtimers Ausdruck eines besonderen Lebensstils."

Anders sein als die Masse

Zwar sind die Konventionen nicht so strikt wie zum Beispiel in der Hot-Rod-Szene, in der Tattoos und Rockabilly-Look eine wichtige Rolle spielen. Doch auch einige Youngtimer-Fans möchten sich nach Thomsens Ansicht von der Masse abheben - und das gipfelt eben in der Wahl des Fahrzeugs. Hört man den Motoraver, erinnert man sich schnell an die Protestattitüde früherer Jahrzehnte. "Wer den Rock' n 'Roll verstanden hat, fährt jedenfalls keinen Neuwagen", behauptet Thomsen.

Oliver Borgmann, Mitgründer des Youngtimer-Clubs Creme 21, erklärt, warum diese Fahrzeuge Anfang des vergangenen Jahrzehnts so populär wurden. Die Generation der geburtenstarken Jahrgänge der Sechziger und Siebziger war zu Beginn der 2000er beruflich etabliert. "Sahen die damals 30- bis 40-Jährigen ein Auto, in denen sie mit ihren Eltern unterwegs waren, weckte das natürlich Emotionen. Und sie waren wirtschaftlich in der Lage, sich einen solchen Wagen zu kaufen", so Borgmann. Immer häufiger rollten deshalb Modelle wie Mercedes Strich-Acht, Ford Taunus, Ford Granada oder Opel Rekord über die Straßen.

Vom Studenten bis zum Millionär

Auch wenn die Szene nicht mehr ganz so groß ist wie früher, ist der Kern noch immer aktiv. Creme 21 zum Beispiel richtet seit 2001 eine Rallye für entsprechende Fahrzeuge aus. Bei der Ausgabe 2009 gingen rund 130 Autos an den Start.

Creme 21 steht für einen anderen Lebensstil. Benannt nach der gleichnamigen Handcreme, geht es den Oldenburgern eher um die Unbeschwertheit der Schlagergeneration als um Revolution und Protest.

An den unterschiedlichen Geschmäckern der Motoraver und Creme-21-Mitglieder erkennt man auch, dass der Youngtimer-Enthusiasmus in nahezu allen gesellschaftlichen Schichten verbreitet ist. "Den klassischen Youngtimer-Fan kann man kaum beschreiben. Die gesellschaftliche Bandbreite geht vom Studenten bis zum Millionär", sagt Oliver Borgmann.

Feuer vernichtete notwendige Ersatzteile

Als Youngtimer-Fan muss man kein ausgesprochener Schrauber sein. Zwar sind handwerkliche Fähigkeiten und ein technisches Grundverständnis nützlich, doch sowohl bei den Motoravern als auch bei Creme 21 findet man eigentlich immer einen hilfsbereiten Kollegen, der mit Schraubenschlüssel und Expertise zur Seite steht. Die Ersatzteilversorgung variiert je nach Hersteller. Porsche und Mercedes gelten bei den Experten als vorbildlich, während Opel eher ein Problemkandidat ist. Auch bei Ford ist die Lage schwierig. Der Grund ist einer der größten Industriebrände Deutschlands. Ein Feuer im Kölner Zentrallager des Herstellers vernichtete 1977 zahlreiche Bauteile und verursachte einen Engpass in der Versorgung.

Der Kauf eines Youngtimers sollte für Durchschnittsverdiener kein besonders großes Problem sein. Während die klassischen Oldtimer wie Mercedes 300 SL und Porsche 356 meist zu sechsstelligen Preisen verkauft werden, gibt es einen Mercedes W123 in gutem Zustand schon ab rund 6000 Euro. Solche Autos eignen sich meist hervorragend für alltägliche Fahrten und sie sind einfach schöne Fahrzeuge - mit Ecken und Kanten.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Seite 1
ozlemon 12.01.2010
1. old ist nicht gleich young..
für alles, die sich vielleich nicht ganz so gut auskennen.. oldtimer: 30 jahre, youngtimer 20 jahre mindestalter. während man mit dem youngtimer (bj ab jetzt ab 1990!)zumeist problemlos noch eine grüne umweltplakette bekommt, ist das mit den oldies etwas diffiziler. dafür kann mit einem h-kennzeichen überall fahren, allerdings mit begrenzter laufleistung. das h-kennzeichen beschreibt einen zustand von mindestens 3 (guter, alltagstauglicher zustand),original oder zumindest halbwegs original restauriert. ein youngtimer kann eine kostenspielige sache bei der versicherung werden, da es modelle wie z.b. den golf 2/3, bmw e-serie, gibt, die gerade von fahranfängern gerne genutzt und auch getunt werden, und dann regelmäßig auf dem land vor die bäume gesetzt werden. also vorher checken, auch die steuer... die in dem artikel abgebildeten fahrzeuge erfüllen eigentlich mittlerweile fast alle den oldtimerstatus, und das /8 coupé ist ein echter oldtimer-leckerbissen, der in diesem zustand weit über 6000 euro liegen dürfte... teile gibts aber nach wie vor massig, auch für ford. für die 60er jahre modell ist es etwas eng, aber nicht aufgrund des werksbrandes. aber macht schon spaß, garage übrigens ein absolutes muss, und im winter sollte man sich schon 3x überlegen ob man die fahrzeuge bewegt.. weniger wegen der startprobleme bei kälte (betrifft eher die 60er) mehr wegen des salzes, dass gerne im frühjahr seine spuren an schwellern und radkästen und chrom zeigt... und ne batterie sollte man schon selbst wechseln können ;-)
Boandlgraber 12.01.2010
2.
Jeder der so ein Fossil am Leben erhält blockiert den Absatz eines Neuwages ab oberen Ende der Kette... Deswegen geben sich die Marionetten im Bundestag alle erdenkliche Mühe, diese Autos aus dem Verkehr zu ziehen. Man muss eine Menge Duldsamkeit mitbringen, denn als Youngtimer bekommen sie kein H-Kennzeichen und sind ergo abnorm teuer bei der KFZ-Steuer (2L-Benziner ohne G-Kat: 507 Euro, 2L-Diesel ohne Abgasreinigung: 750 Euro) und bekommen - alle, die noch keinen G-Kat haben - keine (grüne) Plakette. Spätestens 2012 sind die aus allen Umweltzonen verbannt, aus vielen jetzt schon. Wer's dann nicht zum H-Kennzeichen geschafft hat, hat einen schönen Haufen Blech für einen Ausflug aufs Land. Und dass man neue Autos nicht (selbst) reparieren könnte liegt natürlich nicht in der Technik begründet: Das bisschen Steuerungstechnnik und Digitalelektronik in einem aktuellen Neuwagen ist Lehrstoff der 90er. Der CAN-Bus ist ein elektrischer Dinosaurier, die Kerne der Microcontroller sind zum Teil über 20 Jahre alt. Das liegt einfach daran, dass der Outdoor-Einsatz in einem Auto mehr Evaluierung braucht und dass die Entwicklungskosten für neue Chip-Generationen immer sprunghaft ansteigen, weil ja die gesamte Entwicklung entsprechend ausgerüstet werden muss. Deswegen bleiben Autohersteller natürlich so lange es geht bei einer Plattform. Jedes Notebook der letzten 15 Jahre könnte bei diesen Autos spielend die Diagnose durchführen. Dabei ist noch gar nicht ausdiskutiert, welcher Schnick-Schnack denn wirklich nötig ist... Ich bin ja zum Beispiel gegen Airbags, weil sie die darwinsche Selektion auf der Straße aushebeln. Und automatische Getriebe sind Opium für Autofahrer - sie schalten das Denken und damit die Aufmerksamkeit aus. Das wird noch was mit den Elektro-Autos... ;) Die Hersteller sitzen aber auf den Protokollen und veröffentlichen nichts. Die Vertragswerkstätten werden dazu genötigt, die Infrastruktur zu kaufen; einige Hersteller haben angefangen, die Daten zu verschlüsseln. Genauso wie die Hersteller immer mehr unsinniges Spezialwerkzeug erfinden. Dieses System dient ausschließlich dazu, freie Werkstätten zu ver/behindern - letztendlich Wettbewerb auszuschalten. Bei Software sind viele schon lange nicht dazu bereit, das zu akzeptieren; Nutzer würden sich auch beschweren, wenn sie ihre Bücher ausschließlich dort kaufen könnten, wo sie die Brille erstanden haben... Aber die Politik, die schon bei Schulkindern umstandslos den totalen Wettbewerb einfordert, lässt die Auto-Mafia gewähren. Klar - irgendwo muss man ja arbeiten, wenn man aus dem Bundestag wieder draußen ist...
sinnentleert 12.01.2010
3. Umwelt
Ein Artikel, der den Zeitgeist trifft. Zu ergänzen wäre die positive Umweltbilanz der Young- und Oldtimer. Der Mehrausstoß an Schadstoffen und der Mehrverbrauch stehen in keinem Verhältnis zum benötigten Energieaufwand für die Produktion neuer Fahrzeuge.
lemming51 12.01.2010
4. ##
Wie auch immer: die heutigen Wagen haben keinen Stil und nichts Bemerkenswertes an Formgebung an sich, da kann man die "Youngster" wirklich verstehen. Jede Kalesche sieht irgendwie gleich aus.
faustjucken_de 12.01.2010
5. wenn man die knappe Kasse zur Weltsicht stilisiert...
ein Auto muss für mich nur eines sein: billig! Und zwar im Kauf, im Verbrauch und im Unterhalt. Aussehen interessiert mich NULL. Aussehen beim Auto ist Tinnef. Dafür gebe ich nichts aus.
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