Das kleine alte Gefährt, das da jahrzehntelang in einer Garage im oberfränkischen Hiltpoltstein stand, zählte zu den letzten Exemplaren seiner Art. Ein autogeschichtliches Unikum: Die Alliierten hatten nach dem Krieg Stahl rationiert, und so verpassten seine Konstrukteure dem Fahrzeug einen Rahmen aus Holz.
Eigentlich hätte der kastanienbraune Lloyd LP 300 des Baujahrs 1952 längst ins Museum gehört; stattdessen musste er es sich gefallen lassen, Span für Span verspeist zu werden. Eine Schar von Holzwürmern hatte sich, zur täglichen Nahrungsaufnahme, in die hellbraunen Spanten des Buchenholzrahmens verbissen. Kaum noch trug der Holzaufbau die Türen, morsch ächzte er unter der Last des Dachs Würmer achten die Kulturgüter der Menschen nicht.
Dann kam Hilfe.
Liebevoll kümmert sich der Hiltpoltsteiner Arzt Burghart Vogelsang, 61, nun wieder um seinen Lloyd, wie um einen schwer leidenden Patienten. In seiner Studentenzeit hatte er ihn erworben und später, als er sich teurere Autos leisten konnte, einfach weggestellt. Vor ein paar Jahren entschloss er sich, seine kränkelnde Jugendliebe aufzupäppeln.
Der Doktor nahm den Würmern ihr täglich Brot: Der Motorhaube, den Türschwellern und den Fensterrahmen spendierte er neues, gut getrocknetes Buchenholz. Dann verkleidete er das Gerippe originalgetreu mit Sperrholzstreifen, an denen sich eine Lage Filz und der Kunstlederbezug festhalten, der sich von außen über das ganze Fahrzeug wölbt.
Wie einst, als das Wirtschaftswunder begann, heult der Zweitakter nun wieder sirenenhaft durch Franken, und gern lässt Vogelsang dafür seinen S-Klasse-Mercedes stehen. Am Volant des 49 Jahre alten Lloyd zu sitzen, das sei "wie eine Zeitreise in die Vergangenheit", schwärmt der Arzt.
Seine Leidenschaft für alte Autos teilt Vogelsang mit vielen Deutschen epidemisch hat sich die Lust an der Reanimation verrotteter Vehikel ausgebreitet. Kenner und Liebhaber schätzen die Schönheit vergangener Design-Epochen und die Fortbewegung in Fahrzeugen, in denen noch alle Macht vom Fahrer ausgeht ohne Bevormundung durch Stabilitätskontrolle, ABS und Servolenkung. "Autofahren pur" erlebt der Elektroinstallateur Uwe Kretzer, 33, aus dem rheinland-pfälzischen Kretz, wenn er mit seinem 44 Jahre alten MG A-Roadster losknattert.
Überall wird alten Autos Sympathie entgegengebracht, sogar von den Behörden. Der TÜV sei "Oldtimern gegenüber wohlwollend", hat der Bundesverband Deutscher Motorveteranen-Clubs beobachtet; da wird in den Gruben des Überwachungsvereins schon mal die Prüflampe ausgeknipst, wenn es am Unterboden zum Schwur kommt.
Auch die Werbewirtschaft setzt zunehmend auf Oldtimer. Das Wirtschaftsmagazin "Capital" lockt mit der Sport-Antiquität Cobra, Nissan wirbt mit einem Jaguar XK 120 und die Brauerei Warsteiner mit dem antiquierten VW-Käfer. "Authentizität" werde mit solchen Bildern signalisiert, sagt der Heidelberger Marktforscher Horst Nowak. Von einem "hohen Schmusefaktor" der Oldies spricht Jochen Pläcking, Chef der Düsseldorfer Werbeagentur DDB.
"Das ist kein Lärm, das ist Musik - wie in der Oper"
Die Zahl der Altvehikel in Deutschland steigt sprunghaft. 1995 registrierte das Flensburger Kraftfahrtbundesamt rund 90 000 zugelassene Autos, die 30 Jahre und älter waren. Bis zum Beginn dieses Jahres stieg die Zahl auf über 150 000. Hat eine Karosse das kritische Lebensalter von 30 Jahren erreicht, darf es mit dem "H"-Kennzeichen für "historische Fahrzeuge" betrieben werden, und der Fiskus begnügt sich mit einem jährlichen Pauschalsteuersatz von 375 Mark.
Ihr Hobby pflegen die Auto-Freaks nicht gern im Stillen, sie schätzen den Diskurs mit Gleichgesinnten. In Hunderten von Clubs wie den Darmstädter "Heckflossenfreunden" debattieren sie beispielsweise darüber, ob das "Fieberthermometer", die länglich flach zuckende Säule im Tacho der Mercedes-Baureihe W 111 (Baujahr 1959 ff.), als schwerer Fauxpas der Ingenieure zu gelten habe oder nicht. Und im Internet (www.leichenwagen.de) verneinen die Fans ausgedienter Bestattungsfahrzeuge geduldig die stets aufs Neue gestellte Frage: "Riecht das nicht komisch?"
Immer mehr gut verdienende Handwerker, Ärzte und Rechtsanwälte legen 20 000 Mark für einen alten Alfa oder 40 000 Mark für einen betagten Porsche 911 hin und investieren dasselbe noch mal in die Generalüberholung. Steinreiche Industrielle imponieren sich und anderen, weil sie den Markt der rund 400 000 Mark teuren, noch unrestaurierten Mercedes Flügeltürer und Roadster vom Typ 300 SL praktisch leer gekauft und sie noch einmal für den gleichen Betrag quasi zum Neufahrzeug haben erblühen lassen.
So darf sich ein inzwischen saturierter Herrenausstatter darüber freuen, einen winzigen Teil seines Vermögens in Autos investiert zu haben. Allmorgendlich kann er sich am Anblick seiner zwölf SL erfreuen und daran, dass deren Wert von derzeit gut zehn Millionen Mark jedes Jahr noch um fünf bis acht Prozent steigt.
Der mögliche Spekulationsgewinn aber steht für wahre Oldtimer-Freunde nicht an der Spitze in der Hierarchie ihrer Motive. Manch einen, wie den Kaufmann Winfried Jeandrée, 51, aus dem rheinland-pfälzischen Altenahr, trieben Jugenderinnerungen zum Oldtimer-Kauf. Mit dem Hinweis "Ich hab mit dem doch immer beim Kartenspielen im Autoquartett gewonnen" begründet Jeandrée, warum er 60 000 Mark für sein rotes Jaguar E Cabriolet ausgegeben und weitere 40 000 Mark in die Restaurierung gesteckt hat.
Das Altwagen-Hobby ist eine klassische Männerdomäne, und offenbar erlaubt es vielen Beteiligten, einen Teil der Sinnlichkeit auszuleben, die sie sonst unterdrücken.
Fritz B. Busch, Grandseigneur der deutschen Autokritik und eifriger Sammler rollenden Kulturguts, schätzt Oldies, weil deren Technik unter dem Blechkleid nicht verschwindet, sondern durch das Design betont wird "so wie ein schöner Frauenkörper in einem hautengen Kleid zur Geltung kommt, das hinreißend gekonnt geschneidert ist".
Für Gerhard Merkel, Anzeigenchef des Fachblatts "Motor Klassik", ist das akustische Erlebnis, mit seinem Alfa Romeo Spider Fastback des Baujahrs 1977 durch einen Tunnel zu fahren, "ein Fest für die Sinne". Was er dabei in tiefer Frequenz wahrnimmt, komme einem Opernbesuch gleich: "Das ist kein Lärm, das ist Musik."
Weiter: "Formen wie ein Frauenkörper" - Teil 2
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