Interview mit Mercedes-Chefdesigner: "Mercedes kann nicht nur vom Design leben"

Seit 1999 ist Peter Pfeiffer Chef-Gestalter der Mercedes Car Group und verantwortlich für deren weltweiten Designaktivitäten. SPIEGEL ONLINE sprach mit dem kreativen Kopf aller Mercedes-Baureihen über Designphilosophie, Fußgängerschutz und Apple-Computer.

Mercedes-Chefdesigner Pfeiffer: "Das, was die Firma sein möchte, muss das Design ausdrücken"
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Mercedes-Chefdesigner Pfeiffer: "Das, was die Firma sein möchte, muss das Design ausdrücken"

SPIEGEL ONLINE:

Durch Gleichteile-Strategie und Modulbauweise werden Autos technisch immer ähnlicher. Wird Design jetzt zur entscheidenden Größe beim Autokauf?

Pfeiffer:Auch bei Mercedes ist das Design in den letzten Jahren immer wichtiger geworden. Es gibt da aber doch Unterschiede zu Wettbewerbern, die sich ausschließlich übers Design darstellen. Einen Alfa beispielsweise werden Sie sich bestimmt nicht wegen seiner Technik kaufen, sondern weil er einfach verdammt gut ausschaut.

SPIEGEL ONLINE: Gilt das auch für Ihre Arbeit?

Pfeiffer: Mercedes kann nicht nur vom Design leben. Ein Mercedes muss auch immer in der Technologie vorne sein. Design allein ist eine Schale, zwar eine schöne Schale, aber wir würden damit allein dem Anspruch unserer Kunden nicht gerecht. Inzwischen gehört aber auch Design zu den echten Mercedes-Qualitäten, ähnlich wie Konstruktion, Sicherheit oder Wiederverkaufwert.

SPIEGEL ONLINE: Wer ist dann wichtiger, der Designer oder der Ingenieur?

Pfeiffer: Es kann keiner ohne den anderen. Das ist ein Prozess, der von Anfang an gemeinsam begangen werden muss. Ein Designer braucht für seine Ideen unabdingbar einen kreativen Techniker, genauso wie der Techniker einen guten Designer braucht.

SPIEGEL ONLINE: Zum Beispiel?

Pfeiffer: Es gibt einige Themen, wo sich durch technische Innovationen für den Designer völlig neue Dinge aufgetan haben. Beispiel Scheinwerfer: Vor fünf, sechs Jahren waren das noch irgendwelche Umrisse mit geriffeltem Glas davor und einem Birnchen dahinter. Durch die neue Lichttechnologie sind heute Klarglas-Scheinwerfer möglich, deren Inhalt für den Designer ein wahres Freudenfeld darstellt, auf dem er kleine Kunstwerke schaffen kann. Oder unser vollversenkbares Hardtop: Da hat ein Techniker dieses Dach erfunden, das klippklapp macht und verschwindet. Das sah fürchterlich aus. Also brauchte er eine kreative Design-Mannschaft, die ihm dieses Auto quasi um das klappbare Dach herum gebaut hat. Und zwar so, dass es im offenen wie geschlossenen Zustand aussieht, als ob es nur dafür gemacht worden ist. Das war aber eine jahrelange Arbeit, wo Designer und Techniker um den Millimeter ringen mussten. Das geht nur zusammen im Team, damit am Ende ein Kompromiss herauskommt, mit dem alle zufrieden sind. Setzt sich allein der Techniker durch, dann sieht's möglicherweise nach nichts aus. Und umgekehrt funktioniert es hinterher vielleicht nicht ganz so gut.

SPIEGEL ONLINE: Wie beeinträchtigen gesetzliche Vorgaben, zum Beispiel zum Fußgängerschutz, das Design?

Pfeiffer: Fußgängerschutz ist sicher ein wichtiges Thema. Es ist aber auch nicht die erste gesetzliche Regelung, die das Autodesign entscheidend beeinflusst. Es gibt wahrscheinlich kein Produkt auf der Welt, welches so von Gesetzen bestimmt wird wie das Automobil. Das fängt an bei bestimmten einzuhaltenden Abmessungen, Radien und Sichtwinkeln bis zur Vorgabe, dass Autos einen Aufprall mit bis zu sieben km/h schadlos überstehen müssen. Und jetzt ist eben der Fußgängerschutz noch dazugekommen. Ob sinnvoll oder nicht, sei mal dahingestellt. In den USA beispielsweise gibt es das Gesetz nicht. Aber als Global Player werden wir auch diese Aufgabe bewältigen. Dafür sind wird als Profis da.

SPIEGEL ONLINE: Aber ein Designer würde doch lieber aus dem Vollen fräsen, als sich an solche Vorgaben zu halten.

Pfeiffer: Ja schon, andererseits, wenn alle Dinge immer nur vom Design-Standpunkt her gestaltet würden, wird es auch schnell langweilig. Dann fehlt die Herausforderung, die bewältigt werden muss und am Ende stolz macht, wenn der Kunde die Schwierigkeiten dem fertigen Auto überhaupt nicht ansieht. Ich kann einem Kunden, dem das Auto nicht gefällt, ja nicht erklären, es gefällt dir nicht, weil der Fußgängerschutz die Haube so hoch gesetzt hat.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie Ihre Design-Philosophie auf einen Nenner bringen? Was ist gutes Design?

Pfeiffer: Das, was die Firma sein möchte, muss das Design ausdrücken. Und ich mache Design für die Marke Mercedes-Benz. Wir haben uns schon vor langer Zeit eine Designphilosophie gegeben, die den Weg visualisieren soll, den die Firma gehen will. Das gilt gerade in einem Unternehmen, das wie Mercedes eine grandiose Historie hat - wenn Sie beispielsweise an die SL-Baureihe denken. Bei dieser Philosophie ist es wichtig, die Schritte so weit nach vorne zu gehen, dass Sie von der Vergangenheit nie eingeholt werden können. Die zu 95 Prozent in die Zukunft weisen und vielleicht zu fünf Prozent Erbe und Tradition beinhalten. So dass Sie am Ende sagen können, das war wieder ein Step, der 15 Jahre gehalten hat und diesen automobilen Unikaten ein neues Glied hinzugefügt hat.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es ein Design, Auto oder Industrie, das Sie besonders gelungen finden?

Pfeiffer: Apple-Computer. Auch den iPod-MP3-Player beispielsweise finde ich genial. Diese Reduktion auf fast nichts ist einfach faszinierend. Oder Jaguar E-Type, auch so ein Auto, an dem ich vorbeigehe und denke, wäre auch schön gewesen, wenn du den gemacht hättest.

Das Interview führte Frank Wald

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  • Datum: Samstag 09.04.2005 | 09:21 Uhr
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