30-Meter-Reifen Forschungsobjekt Bremsspur

Die Beschleunigung zählt: Wie schnell ist ein Wagen von 0 auf 100 km/h? Viel wichtiger aber ist: In welcher Distanz ist das Auto aus Tempo 100 wieder auf 0? Die Reifen spielen eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung des so genannten 30-Meter-Autos.


30-Meter-Auto: Den extrem kurzen Bremsweg schafft der Golf nur mit aufwendiger Hightech-Ausstattung
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30-Meter-Auto: Den extrem kurzen Bremsweg schafft der Golf nur mit aufwendiger Hightech-Ausstattung

30 Meter Bremsweg, und das möglichst serienmäßig - eine große Vision der Auto- und Reifenhersteller. So wie das Drei-Liter-Auto oder der Motor ohne giftige Abgase. Denn selbst die teuersten Sportwagen von Porsche oder Ferrari kommen bei besten Bedingungen mit einer Vollbremsung frühestens nach 35 Metern zum Stehen. Mittelklassewagen benötigen bei Tempo 100 auf trockener Straße sogar mindestens 39 Meter Bremsweg. Die 30-Meter-Marke, die für mehr Sicherheit auf den Straßen sorgen würde, schien illusorisch. Doch dann gelang einem Pneu-Produzenten vor zwei Jahren das Kunststück. Die Forschungsabteilung von Continental hatte einen Golf dermaßen mit Hightech hochgerüstet, dass er bei einem Test tatsächlich den Weltrekord schaffte und mit quietschenden Reifen nach 30 Metern stehen blieb.

Neben den speziell für das Projekt "Verkürzter Anhalteweg" konstruierten Pneus war der Testwagen mit einer neu entwickelten elektrohydraulischen Bremse und einem elektronisch gesteuerten, luftgefederten Fahrwerk ausgestattet. Zusammen kitzelten die neuen Komponenten alles an Bremsleistung heraus, was derzeit technisch möglich ist. Gerade auch die Reifen sparten wertvolle Meter ein. Das Modell CTB - Concept Tire Braking - wurde mit nur wenigen Exemplaren für den anspruchsvollen Reifentest entwickelt. "Wichtig war, so viel Gummi wie möglich auf die Straße zu bringen", sagt Projektleiter Hans-Joachim Harting vom Hannoveraner Hersteller Continental. "Wir wollten einen möglichst großen Footprint auf dem Asphalt hinterlassen, also eine große Bodenaufstandsfläche erzielen." Beim Bremsen werden vor allem die Vorderräder belastet. Dabei verformt sich der Reifen, er wird breiter und presst sich durch den Druck auf die Straße. Dieser natürliche Vorgang wurde durch besondere Konstruktionsmerkmale beim CTB noch verstärkt.

So bekam der Pneu im Testlabor, frei nach Frankenstein, ein gewisses Maß an Intelligenz eingepflanzt: So genannte Seitenwand-Torsion-Sensoren machten den Reifen zum cleversten seiner Gattung. Der Gummimischung der Seitenwände wurde ein magnetisches Pulver beigemischt. Bei der Fahrt und natürlich beim Bremsvorgang gab es ständig Veränderungen der Magnetpole, aus denen sich wichtige Informationen über die einwirkenden Kräfte ablesen ließen. Die Sensoren lieferten diese Daten an den Computer, der das Anti-Blockier-System steuerte. So konnte der Bremsvorgang optimiert werden. Fast alle Hersteller forschen mittlerweile an ähnlichen "intelligenten" Reifen.

Die Gummimischung wurde zudem weicher gewählt, damit der Reifen beim Bremsen breiter auf der Straße liegt. Wie bei Coca-Cola handelt es sich beim Gummi des 30-Meter-Reifens um ein Geheimrezept, dessen Ingredienzen-Zusammensetzung nicht verraten wird. "Nur so viel: Wir hatten verschiedene Harze beigemischt", sagt Harting. "So wurde die Mischung schön klebrig und sorgte für gute Reibewerte." Auch am Profil wurde gefeilt: Ein hoher Positivanteil mit wenigen Querrillen sorgte für bestmöglichen Straßenkontakt. Das allerdings hatte auch Nachteile: Wegen der fehlenden Drainage-Wirkung lief der Reifen besonders in Kurven extrem schlecht bei Aquaplaning. Die Umlaufrillen füllten sich mit Wasser, das nicht mehr ablaufen konnte, der Reifen schwamm auf. Für den Alltagseinsatz wäre der 30-Meter-Reifen also nicht geeignet, denn gutes Bremsverhalten allein reicht nicht.



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