Airbag-Jubiläum: Knall auf Unfall

Ende des Jahres 1980, also vor ziemlich exakt 25 Jahren, lief bei Mercedes in Sindelfingen das erste Serienauto mit Airbag vom Montageband. Es war ein Wagen vom Typ S-Klasse, und mit ihm begann die Erfolgsgeschichte des Luftsacks im Auto.

Die Geschichte des Airbags ist erstaunlich und überraschend - und sie beginnt bereits im Jahre 1953, als der Deutsche Walter Linderer und der Amerikaner John W. Hendrik "einen aufblasbaren Behälter in zusammengefaltetem Zustand, der sich im Falle der Gefahr automatisch aufbläst" zum Patent anmeldeten. Klasse Idee, doch fehlte zu dieser Zeit die Technik, um sie auch alltagstauglich umzusetzen. Jahrelang blieb der Einfall unbeachtet, bis in den sechziger Jahren die Unfallzahlen derart drastisch stiegen, dass über alle möglichen Insassen-Schutzsysteme nachgedacht wurde. So tauchte auch der Airbag wieder im Alltag der Autoentwickler auf.

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25 Jahre Airbag: Ein Luftsack macht Karriere

Bei Mercedes geschah dies 1967. Damals starteten die Stuttgarter erste Versuche mit explosivem Material. Einer der Entwickler, der Pyrotechnik-Fachmann Helmut Patzelt, erinnert sich: "Wir haben uns der Raketentechnik bedient. Nur dass wir das austretende Gas aufgefangen haben, und zwar in einem Luftsack." Es schien, als hätten die Mercedes-Leute gerade noch rechtzeitig mit der Airbag-Entwicklung begonnen. Denn in den USA wurde damals angesichts dramatischer Unfallzahlen ein Gesetzespaket verabschiedet, das ein automatisches Insassenschutzsystem für jedes Auto vorschrieb. Der damalige US-Präsident Lyndon B. Johnson erklärte: "Wir werden in Zukunft keine unsicheren Autos mehr akzeptieren."

Mehr als 2500 Kollisionen mit Schlitten

Die Forderungen gingen so weit, dass die neu gegründete Verkehrssicherheitsbehörde der USA den Fahrer-Airbag für alle Neufahrzeuge ab dem 1. Januar 1973 verbindlich forderte. Prompt meldeten sich die Skeptiker. Der Luftsack werde mehr Menschen umbringen als retten, hieß es. Die US-Behörden verschoben daher den Airbag-Pflichttermin um drei Jahre auf 1976. Doch dann änderte sich alles schlagartig, denn nach einem tödlichen Unfall auf Grund eines Airbags in den USA im Jahr 1974 war die Idee am Ende. Der Airbag galt als unmöglich zu entwickeln.

25 Jahre Airbag: Harter Aufprall - weiche Landung im Luftkissen

25 Jahre Airbag: Harter Aufprall - weiche Landung im Luftkissen

"Wir hatten das riesige Potenzial des Luftkissens erkannt. Diesen Trumpf gaben wir nicht aus der Hand", kommentiert Guntram Huber, damals Direktor für Entwicklung der Pkw-Aufbauten bei Mercedes, die Entscheidung des Stuttgarter Autobauers, trotz der gegenteiligen Stimmung in Amerika an der Entwicklung des neuen Sicherheitssystems festzuhalten. Insgesamt 250 Crashtests mit kompletten Fahrzeugen sowie rund 2500 Kollisionen mit so genannten Schlitten waren nötig, um die Auslösesensorik, den Gasgenerator, das Luftsackgewebe und die Unterbringung der neuen Technik im Lenkrad bis zur Serienreife zu entwickeln. Außerdem legten rund 600 Versuchsautos insgesamt mehr als sieben Millionen Kilometer zurück, um die unbedingte Sicherheit des Systems zu überprüfen.

Bisweilen wandten die Mercedes-Leute merkwürdige Methoden an. So war beispielsweise bekannt, dass der Knall beim Auslösen des Airbags über der Schmerzgrenze lag, jedoch nur zehn Millisekunden lang zu hören war. Welchen Effekt mochte das auf das Trommelfell haben? Um dies herauszufinden, installierten die Techniker einen Käfig mit 15 Kanarienvögeln in einem Testwagen, im dem kurz darauf ein Airbag explodierte. Weder der Knall, noch der Luftdruck, noch die Gasemissionen beeindruckten die Vögel nennenswert. Alle überlebten den Test ausgesprochen munter, berichten Mercedes-Mitarbeiter.

Airbag rettete in den USA mehr als 14.200 Menschen das Leben

Nachdem Mercedes Ende 1980 den ersten Fahrerairbag in einem Serienfahrzeug eingebaut hatte, schritt die Entwicklung zügig voran. Der Beifahrer-Airbag wurde 1988 eingeführt, der Seiten-Airbag Mitte der neunziger Jahre. Seit Herbst 1992 waren sämtliche Mercedes-Modelle ab Werk mit einem Airbag ausgerüstet (1994 ging der Beifahrer-Airbag in Serie), und in den USA wurde der schützende Luftsack doch noch zur vorschriftsmäßigen Ausstattung, und zwar im September 1993. Die Unfallforschung in Amerika hat übrigens errechnet, dass der Airbag alleine in den USA bislang mehr als 14.200 Menschen das Leben gerettet hat.

Die Entwicklung des Airbags ist noch nicht abgeschlossen. In Zukunft, so die Vision der Ingenieure, sollen Radaraugen am Fahrzeug einen voraussichtlichen Unfall möglichst exakt schon im Voraus erfassen, damit die Luftpolster im richtigen Tempo und mit der nötigen Füllmenge aufgeblasen werden können. Ein ähnlicher Effekt wird schon heute durch adaptive Airbags erzielt, die sich, je nach Schwere der Kollision, zweistufig entfalten können. Ein weiteres Entwicklungsziel ist die Individualisierung der Airbags. Das heißt, die Luftkissen entfalten sich je nach Gewicht, Größe oder Geschlecht des zu schützenden Insassen unterschiedlich. Es sieht so aus, als bliebe die Entwicklung des Airbags erstaunlich und überraschend.

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