Auto-Gurte Lebensretter aus haarfeinen Fäden

Für alle Autos der Welt werden pro Jahr 750.000 Kilometer Gurtband gewebt - genug, um einen Gurt einmal zum Mond und wieder zurück zu spannen. Dabei ist die Produktion ein extrem aufwendiges Verfahren und beginnt mit dünnen Kunstgarnfäden, die nur doppelt so dick wie ein Haar sind.


Herbrechtingen/Dachau - Im Falle eines Falles hängt die Sicherheit des Autofahrers buchstäblich an einem hauchdünnen Faden. Denn auch wenn Crash-absorbierende Karosseriestrukturen und Airbags die Insassen schützen, ist der Sicherheitsgurt der eigentliche Lebensretter: Er muss die Passagiere möglichst fest mit der Fahrzeugstruktur verbinden, damit alle anderen Schutzsysteme richtig wirken können. Um dies zu gewährleisten, setzen die Autohersteller auf ein Spezialgewebe, das jährlich in großen Mengen produziert wird.

Dreipunktgurt: Wichtigster Lebensretter mit langer Tradition
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Dreipunktgurt: Wichtigster Lebensretter mit langer Tradition

Weil nach Angaben von Ulrich Stahl, Geschäftsführer der Gurtweberei Stahl im schwäbischen Herbrechtingen, in jedem Neuwagen rund 15 Meter Gurtband benötigt und weltweit pro Jahr allein 50 Millionen Pkw auf die Räder gestellt werden, müssen 750.000 Kilometer Gurtband gewoben werden. Und dabei sind der Ersatzbedarf, die Lastwagen und Busse noch gar nicht mitgezählt.

Als wichtigster Lebensretter hat der Sicherheitsgurt eine lange Tradition. So wurden die ersten Systeme laut Jakob Lux, Sprecher des Zulieferers Takata Petri AG in Aschaffenburg, noch vor der stabilen Fahrgastzelle eingeführt: "Seit 1949 gibt es den Beckengurt, 1959 folgte der Dreipunktgurt, wie er in vergleichbarer Form noch heute verwendet wird." Die Anschnallquote liegt den Automobilclubs zufolge bei etwa 90 Prozent, so dass jeder Autofahrer am Tag vermutlich häufiger zum Sicherheitsgurt greift als zur Zahnbürste. Und das aus gutem Grund: Schließlich kann der Gurt nach Angaben des Zulieferers Autoliv aus Dachau Verletzungen um 60 bis 70 Prozent verringern.

30.000 Meter Filamente für einen Meter Gurt

Hergestellt werden die Gurtbänder in einer sogenannten Schmalweberei. Dort werden laut Ulrich Stahl in rasanter Geschwindigkeit pro Gurt bis zu 300 Fäden miteinander verwoben, damit daraus ein 46 bis 48 Millimeter breites und 1,2 Millimeter starkes Band entsteht. "Jeder Faden auf der Webmaschine besteht aus über 100 hauchdünnen Kunstgarnfäden aus Polyester, sogenannten Filamenten", erklärt Stahl. Diese Filamente sind 250 bis 400 Mikrometer stark und damit etwa doppelt so dick wie ein menschliches Haar.

Gurt-Produktion: Die Gurtbänder werden auf bis zu 230 Grad aufgeheizt und wieder abgekühlt
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Gurt-Produktion: Die Gurtbänder werden auf bis zu 230 Grad aufgeheizt und wieder abgekühlt

Pro laufendem Meter Gurtband werden rund 30.000 Meter Filamente verarbeitet. Für jedes Fahrzeug ergibt das eine Strecke von etwa 450 Kilometern. "Der Produktionsschritt nach dem Weben ist die Thermofixierung", sagt Stahl. Dabei werden die Gurtbänder in einem bestimmten Zeitraum unter einer definierten Spannung auf bis zu 230 Grad Celsius aufgeheizt und wieder abgekühlt. "Dabei werden die Strukturen des Gewebes so verändert, dass der Gurt eine vorbestimmte Eigenschaft erfüllt", erklärt Stahl. "In diesem Abschnitt der Produktion können wir definieren, wie weit sich das Band dehnen soll, wie weich und flexibel der Gurt wird, und wie leicht er sich aufrollen lässt."

Es folgt eine Qualitätskontrolle, bei der das Gurtband mit Laser und Lichtsensoren abgetastet wird. Danach werden die Bänder für Vordersitze auf 3,30 bis 3,50 Meter und für den Fond auf 2,50 bis 3,00 Meter zugeschnitten. "Der Sicherheitsgurt besteht allerdings aus mehr als dem reinen Gurtband", sagt Birgit Degler vom Zulieferer Autoliv in Dachau. Dazu zählen auch das Schloss und die Schlosszunge, Endbeschläge, Umlenker, Höhenversteller und der Gurtautomat. "Er rollt das Band auf, gibt es aus und hält es bei Bedarf fest", erklärt Degler.

Gurtband hält drei Polo

Dazu gibt es nach ihren Angaben heute zahlreiche Systeme wie die Gurtstraffer, die bei einem Unfall mit Hilfe einer kleinen pyrotechnischen Treibladung oder einer starken Feder locker sitzendes Gurtband einziehen und den Insassen so besser an seinen Sitz koppeln. Außerdem können in heutigen Systemen die Gurtkräfte während des Unfalls durch Gurtkraftbegrenzer mechanisch kontrolliert werden.

"Doch bevor das Gurtband und alle anderen Komponenten eingesetzt werden, muss es nach den Vorgaben der Fahrzeughersteller zahlreiche Tests bestehen", sagt Degler. Unter anderem wird dabei die Belastbarkeit geprüft. "Weil das Gurtband auch nach zehn Jahren je nach Fahrzeugmodell noch bis zu 1,5 Tonnen Zugkraft aushalten muss, werden die Bänder bei uns im Reißtest mit bis zu drei Tonnen belastet", sagt Ulrich Stahl von der Weberei Stahl. Damit sind die Gurte so stabil, dass man etwa drei VW Polo daran aufhängen könnte.

Allerdings kann der Gurt diese Aufgabe nur erfüllen, wenn er technisch in Ordnung ist. Deshalb empfehlen Experten eine regelmäßige Sichtkontrolle: "Jeder Autofahrer sollte gelegentlich schauen, ob die Ränder des Gurtbandes ausfransen oder ob der Gurt etwa beim Einklemmen in der Tür beschädigt worden ist", rät Hans Georg Marmit, Sprecher der Sachverständigenorganisation KÜS in Losheim am See.

Außerdem müsse der Gurt sofort ausgetauscht werden, wenn er sich nicht mehr automatisch aufrollt. "Wenn der Airbag ausgelöst hat, müssen Gurte mit Gurtstraffersystemen grundsätzlich ausgetauscht werden", ergänzt Marmit. Auch die Gurte auf den Rücksitzen dürfe man bei der Kontrolle nicht vergessen: "Sie sind durch den Ein- und Ausbau von Kindersitzen häufig stark beansprucht."

Von Thomas Geiger, gms



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