Bugatti Veyron "Da hebt die Kiste ab"

Er wird das schnellste jemals für den Straßenverkehr zugelassene Auto. Im Herbst soll der Bugatti EB 16.4 Veyron nach etlichen Verzögerungen ausgeliefert werden: 1001 PS stark, über 400 km/h schnell und etwa 1,2 Millionen Euro teuer. Alles an dem Supersportwagen ist exklusiv, sogar die Reifen.


Bugatti EB 16.4 Veyron: Das schnellste und teuerste jemals für den Straßenverkehr zugelassene Auto

Bugatti EB 16.4 Veyron: Das schnellste und teuerste jemals für den Straßenverkehr zugelassene Auto

Geschichten, die mit der Zahl 1001 zu tun haben, handeln meist von fliegenden Teppichen, Wunderlampen oder verschlossenen Schatzhöhlen. Auch ein Auto, das in einer Stunde mehr als 400 Kilometer zurücklegen kann, klingt wie ein Wunderwagen aus einem modernen Märchen. Der Bugatti EB 16.4 Veyron aber ist ein durchaus reales Projekt aus dem Hause Volkswagen. Und doch umweht den Supersportwagen ein Hauch von Mystik. Wohl auch deshalb haben sich seine Schöpfer entschieden, ihm einen magischen Antrieb von exakt 1001 PS zu schenken.

Der Bugatti Veyron wird der schnellste und exklusivste Sportwagen, der je über eine Autobahn gefahren ist. Ab Herbst soll es so weit sein, in einer limitierten Auflage von 300 Exemplaren wird das teuerste Serienauto der Welt für rund 1,2 Millionen Euro pro Stück an PS-begeisterte Milliardäre geliefert. Das Monocoque, die einteilige Karosserie aus Carbon, baut der italienische Chassi-Spezialist Dallara, das technische Innenleben des Spitzensportlers wird vom VW-Stammwerk in Wolfsburg geliefert, in Molsheim im Elsass erfolgt die Endmontage. Und damit bei den Scheichs und allen anderen Kunden auch echtes Fahrvergnügen aufkommt, mussten für das neueste Modell der wiederbelebten Sportwagenmarke spezielle Reifen entwickelt werden. Die baut der französische Hersteller Michelin, der als Lieferant für die meisten Formel-1-Teams Erfahrungen mit hohen Geschwindigkeiten hat.



Puzzlearbeit: Monocoque aus Italien, Technik aus Wolfsburg, Montage im Elsass  Heckansicht: Der Spoiler hält den Kurs   Noblesse: Die Interieurentwürfe sind schlicht und edel  

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Denn bei einer angepeilten Spitzengeschwindigkeit von 406 km/h muss der Reifen tatsächlich Kräfte wegstecken, die sonst nur bei Formel-1-Rennen auftreten. Gleichzeitig aber müssen die Bugatti-Reifen straßentauglich sein. Ein vertrackter Kompromiss, den die Pneu-Ingenieure in fast fünfjähriger Entwicklungszeit zu bewältigen hatten. Die Reifen von Michael Schumacher - übrigens vom Konkurrenten Bridgestone - und seinen Formel-1-Kollegen haben ein reines Längsrillenprofil und sind darauf ausgelegt, unter Rennbedingungen und bei trockenem Asphalt die Spur zu halten. Fällt nur ein Tropfen Regen, eiern die Boliden wie besoffene Nilpferde durch die Kurven.

Deswegen bekommen die Reifen für den Bugatti mehr Profil - wenn auch nicht wirklich ein markantes. Die Tiefe der Rillen liegt bei etwa vier Millimetern, üblich sind bei normalen Autoreifen mindestens sechs. Auch der Bugatti ist, schon wegen der enorm breiten Reifen, für trockenes Wetter gemacht. "Bei Aquaplaning hat der Reifen nicht viele Reserven", beschreibt Michelins Cheftechniker Helge Hoffmann die mangelnde Regentauglichkeit des Highspeed-Pneus. "Bei der 400-km/h-Technologie gehen wir von trockenen Straßenverhältnissen aus. Bei Nässe geht der Grip verloren, da hebt die Kiste ab."

Dass der Bugatti Veyron überhaupt mal an den Start geht, vom Abheben ganz zu schweigen, musste lange bezweifelt werden. Die Geschichte des straßentauglichen Rennwagens begann 1998, als Volkswagen die Namensrechte der edlen Automobilmarke kaufte. Zwei Jahre später präsentierte Bugatti die Studie Veyron, und seither gilt das Highspeed-Projekt als Superlativ auf Rädern. Doch trotz zahlloser Messepräsentationen und immer wahnwitziger Gerüchte über die Motorenleistung passierte nichts - der Veyron war so real wie ein fliegender Teppich auf dem Frankfurter Flughafen.

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Doch mit der Berufung des neuen Bugatti-Chefs Thomas Bscher, einem ehemaligen Privatbanker, kam Bewegung in das stillstehende Highspeed-Unternehmen. Unter der Leitung des ebenfalls neu geholten Cheftechnikers Wolfgang Schreiber nahm das Team von 80 Ingenieuren Fahrt auf. Jetzt soll das Auto, dessen 16-Zylinder-Motor mit acht Liter Hubraum und vier Turboladern tatsächlich 1001 PS erzeugen soll, im Herbst fertig sein - komme, was da wolle.

Derzeit wird noch fleißig Feintuning betrieben, wie zu hören ist. Und zu hören ist nicht viel, seit Bugatti-Chef Bscher eine umfassende Nachrichtensperre verhängt hat. "Es gibt noch einiges zu optimieren", weiß aber ein Insider. Am Auto und auch an den Reifen. Denn die müssen einiges aushalten. In knapp zehn Sekunden soll das 1,6 Tonnen schwere Gefährt zum Beispiel von 400 auf 0 km/h zum Stehen kommen. Wie schnell es von 0 auf 100 km/h ist, ist noch nicht bekannt. "Das Beschleunigungserlebnis ist beeindruckender als bei einem startenden Jet", sagte Bugattis Entwicklungschef Wolfgang Schreiber allerdings noch vor dem Schweigegelübde. Wer tatsächlich den Kavalierstart probt oder eine Vollbremsung hinlegt, muss hinterher einen Boxenstopp einlegen: Dann ist nämlich ein neuer Satz Reifen fällig. Und der kann bis zu 4000 Euro kosten, genaue Preise stehen noch nicht fest.

Überhaupt redet man nicht gern über Geld, wenn es ums Prestige geht. Die immensen Entwicklungskosten des ehrgeizigen PS-Projekts machen dem ansonsten nicht gerade auf Rosen gebetteten VW-Konzern offenbar nichts. Volkswagen wolle mit dem Bugatti Veyron seine "technische Kompetenz" beweisen, betont Volkswagen-Chef Bernd Pischetsrieder. "Andere nutzen dazu die Formel 1, aber uns kostet dies Bugatti-Projekt insgesamt nicht mehr, als andere Konzerne allein für eine einzige Formel-1-Saison ausgeben."



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