DaimlerChrysler Der grüne Lack ist ab

Der Autokonzern DaimlerChrysler räumt auch an der grünen Front auf. Jahrelang gepriesene Ökoprojekte für den Fahrzeugbau und Bio-Treibstoffe müssen zukünftig ohne den Weltkonzern überleben - weil für die Kunden nachhaltige Produktion nicht so wichtig ist.

Von Sebastian Knauer


Der Umweltbeauftragte von DaimlerChrysler, Herbert Kohler, hatte schon immer eine Doppelrolle: Er ist als DaimlerChrysler-Direktor offiziell "Leiter der Vorentwicklung Fahrzeugaufbau und Antrieb" und gleichzeitig "Umweltbevollmächtigter" des Weltkonzerns. Das bedeutet ein gewisses Spannungsverhältnis, ökologische und ökonomische Überlegungen zusammenzubringen. Derzeit ist der Auto-Ingenieur auf der Überholspur, nicht der Naturschützer.

Denn DaimlerChrysler verabschiedet sich weltweit aus ursprünglich hoch gelobten Öko-Projekten. So soll die Förderung der Naturfaserfabrik Poematec im brasilianischen Belém vollständig auslaufen. Die Herstellung von Autositzen, Kopfstützen und Naturfaser-Karosserieteilen aus Kokosfasern und Latex war seit dem Umweltgipfel 1992 in Rio als besonders nachhaltiges DaimlerChrysler-Umweltprojekt verfolgt worden und über die Deutsche Entwicklungs-Bank teilweise öffentlich finanziert worden.

Von dem Faserpflanzenanbau leben derzeit rund 500 Familien im Mündungsgebiet des Amazonas - die Schulden der Fabrik von rund einer Million Dollar sollen jetzt Poematec-Mitarbeiter übernehmen, denen zuvor eine gute Rendite versprochen worden war. In Zukunft sollen noch rund "80.000 bis 90.000 Teile" von Poematec als normaler Zulieferbetrieb jährlich abgenommen werden. Und für den Maschinenpark, den jetzt möglicherweise eine holländische Baufirma für Kokosmatten-Isolierung tropischer Häuser übernimmt, habe DaimlerChrysler "großzügige" Geschenke gemacht.

Kunststoffe verdrängen Naturfasern

Nicht nur in der gefloppten brasilianischen A-Klasse hat sich aber wieder kostengünstigerer Kunststoff als Füllmaterial für die Innenausstattung durchgesetzt. Bei ähnlichen Projekten für Sisalfasern in Südafrika oder Bananenfasern von den Philippinen hat der Weltkonzern ebenfalls Verträge aufgekündigt oder will - so ein DaimlerChrysler-Sprecher - "die Logistik weiter anpassen". Auch bei der Herstellung von modernen Bio-Kraftstoffen aus Jathropa-Pflanzen in Indien steigt DaimlerChrysler aus und verhandelt mit dem Chemiekonzern BASF und der US-amerikanischen Biokraftstofffirma ADM über eine Abgabe des ebenfalls mit deutschen Entwicklungsgeldern geförderten Projektes.

Weltweit hat sich auf Grund des befristeten Engagements des Konzerns DaimlerChrysler, der zwei Testwagen quer über den indischen Kontinent schickte, das Interesse an Jathropa kräftig entwickelt – doch zukünftig ohne DaimlerChrysler-Beteiligung. Auch wenn Forschungsvorstand Thomas Weber die Bedeutung der Biokraftstoffe betont, wird auch die Beteiligung an einer deutschen Produktionsanlage in Sachsen zusammen mit dem Volkswagen-Konzern klein gehalten. Das Daimler-Forschungszentrum in Ulm für Fahrzeugteile aus nachwachsenden Rohstoffen wurde ebenfalls gestutzt.

Für Forschungsvorstand Herbert Kohler ist das "kein Ausstieg" aus dem Umweltschutz. Tatsächlich beträgt der "Forschungs- und Umweltetat" des deutsch-amerikanischen Autobauers jährlich rund 1,5 Milliarden Euro für die Weiterentwicklung verbrauchsärmerer Motoren, der Brennstoffzelle oder ressourcenschonender Produktionsprozesse. Die Öko-Projekte zu Urwald-Fasern oder Bio-Treibstoffen seien "erfolgreich angestoßen" worden und müssten sich jetzt "am Markt bewähren". "Solche Sachen müssen sich auch langfristig rechnen", sagt Kohler, der weiterhin in der Brennstoffzelle oder Biotreibstoffen ein "großes Potential" sieht. Der Konzern will weiterhin in einem jährlichen "Nachhaltigkeitsbericht" und im Rahmen einer "Global Reporting Initiative" über seine Umweltanstrengungen informieren.

Tendenz zu geschönten Öko-Berichten

Für den Präsidenten des Dessauer Umweltbundesamtes (Uba), Andreas Troge sind solche Öko-Berichte aus den Konzernen "nur glaubhaft, wenn sie vollständig sind". So hatte der US-Multi General Electric in seinem Umweltbericht die kritische Diskussion über eine bestimmte Chemikalie unterschlagen. "Die größten Banditen schreiben die schönsten Berichte", sagte Troge auf dem Stuttgarter Fachkongress Envicomm, auf dem Ende April eine neue Initiative zur Unternehmens-Berichterstattung vorgestellt wurde. 20.000 Unternehmen haben sich inzwischen der Amsterdamer Stiftung "Global Reporting Initiative" angeschlossen, davon 200 aus Deutschland.

Für den Rückzug aus den Öko-Projekten können sich die DaimlerChrysler-Manager offenbar auf eine Untersuchung zu den Kundenwünschen stützen. Nach einer internen Studie werten ihre Kunden die technische Leistungsfähigkeit und die Ausstattung höher als die Nachhaltigkeit der Produkte. Innerhalb des Bundesverbandes der Deutschen Industrie unterstützt DaimlerChrysler den Widerstand einzelner Autokonzerne gegen die europäischen Abgas-Auflagen.

Trotzdem versucht DaimlerChrysler, ein ökologisches Image zu pflegen. Noch vor kurzem sagte der Vorstandschef Dieter Zetsche: "Nachhaltigkeit ist kein abstraktes Konzept, sondern lebendiger Alltag im Unternehmen." Die neue S-Klasse enthalte immerhin 27 Bauteile mit einem Gewicht von 43 Kilogramm aus Naturmaterialen - der Wagen wiegt insgesamt rund 2500 Kilogramm. Das Modell der neuen C-Klasse hat zudem ein Umwelt-Zertifikat bekommen. Ausgestellt hat es nicht gerade eine Öko-Behörde: der TÜV-Süd.



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