Duft im Auto: Vom Wunderbaum zur Ozonbegasung

Düfte im Auto können erfreuen - oder ziemlich nerven. Während der Wunderbaum mit Tannenduft am Rückspiegel immer noch in ist, setzt Citroën auf Parfümzerstäuber. Doch dem Geruch verschütteter Milch beispielsweise ist so einfach nicht beizukommen.

Supernase bei Audi: Damit Leder wie Leder riecht
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Supernase bei Audi: Damit Leder wie Leder riecht

Köln/Ingolstadt - Sicherlich gibt es für die Automobilindustrie wichtigere Entwicklungsziele als einen guten Geruch. Doch weil sich die Kunden an Bord rundherum wohl fühlen und ihr neues Auto mit allen Sinnen genießen sollen, gehen die Hersteller bei der Gestaltung des Fahrzeuginneren immer öfter buchstäblich der Nase nach. Dafür beschäftigen sie oft nicht nur ein Team von Geruchsexperten und "Supernasen", sondern greifen zu künstlicher Frische im Innenraum. Wem das nicht reicht, dem bietet der Zubehörhandel allerlei Lufterfrischer. Und wer von seinem Wagen die Nase voll hat, kann störende Gerüche mit einer Spezialbehandlung neutralisieren lassen.

Am weitesten gehen die Bemühungen um den automobilen Wohlgeruch derzeit offensichtlich bei Citroën. Die Franzosen haben in ihrem neuen Mittelklassemodell C4 nach Angaben von Pressesprecher Thomas Albrecht in Köln den ersten serienmäßigen Parfümspender am Markt entwickelt. "Angesichts der zahlreichen Angebote an Tankstellen und beim Zubehörhandel haben wir auf eine große Nachfrage beim Kunden geschlossen", erklärt der Citroën-Sprecher. "Nur dass der Hersteller so etwas wahrscheinlich eleganter löst als ein Zulieferer."

Deshalb hat Citroën den Parfümspender ins Lüftungssystem eingefügt, so dass der Duft über alle Ausströmer im Wagen verteilt wird. Die Intensität kann fein dosiert werden, und für empfindliche Nasen lässt sich das System auch abstellen. Dabei haben die Kunden laut Albrecht die Wahl zwischen neun verschiedenen Duftnoten, die von einem namhaften Parfümhersteller entwickelt wurden und in Kartuschen wie die Tinte eines Druckers im Cockpit integriert werden.

Team der Supernasen

Bei Audi in Ingolstadt dagegen hält man nichts von einer Parfümierung der Neuwagen und beschäftigt nach Angaben des Unternehmens eigens ein "Nasenteam", das bei Materialauswahl und Produktion auf den Geruch der einzelnen Bauteile achtet. "Zwar kann man mit Wohlgerüchen angenehme Empfindungen noch unterstützen", sagt Ludwig Poll aus dem "Team der Supernasen".

"Doch glauben wir, dass es keinen Duft auf der Welt gibt, der allen Menschen gleich gut gefällt", ergänzt seine Kollegin Beate Dobler. Deshalb wird bei Audi nicht parfümiert. Stattdessen kontrolliert das Team die Materialauswahl mit der Nase, damit Leder auch unter widrigen Umständen nur nach Leder riecht und Kunststoffe in der Sonne nicht zu müffeln beginnen.

Während sich die Industrie - mit Ausnahme von Citroën - um ein möglichst geruchsneutrales Ambiente bemüht, macht der Zubehörhandel buchstäblich Dampf. In den einschlägigen Regalen der Tankstellen und Autohäuser finden sich deshalb verschiedene Parfümspender, Duftmittelchen und natürlich der Wunderbaum. Als Klassiker unter den Aroma-Trägern wird er nach Angaben von Lutz Langendorf vom Hersteller Böhm in Schweinfurt (Bayern) bereits seit 1952 eingesetzt. "Jedes Jahr verkauft das Unternehmen allein in Deutschland eine zweistellige Millionenzahl", so Langendorf.

Milch oder Kaffee?

Und was einmal mit Tannenduft begonnen hat, ist heute eine Palette mit 40 Duftnoten quer durch Wald und Obstgarten. Dabei war nach Angaben des Unternehmens im Jahr 2002 jede fünfte Papp-Tanne mit Vanille-Aroma getränkt, jeweils jede zehnte duftete nach "Sportfrische" oder "Neuwagen", und immerhin 8,7 Prozent der Kunden haben sich für "Grüner Apfel" entschieden.

Problematisch wird es, wenn zum Beispiel der Geruch von verschütteter Milch überdeckt werden soll. Dazu kursieren im Internet zwar zahlreiche Tipps, Tricks und Hausmittel. So schwören manche Bastler auf frisch gemahlenen Kaffee oder auf Essig. Allerdings treiben sie damit den Teufel mit dem Beelzebub aus. "Dann riecht man zwar nicht mehr die verschüttete Milch, hat dafür aber einen feines Kaffee-Aroma in der Nase", sagt ADAC-Pflegespezialist Jürgen Grieving in München. Doch ein Patentmittel hat auch der Automobilclub nicht.

Wenn tatsächlich eine Geruchsneutralisierung nötig ist, empfiehlt sich eine Fahrt zum Fachmann. Autoaufbereiter wie die Clean Company in Heilbronn haben eine spezielle Ozon-Behandlung entwickelt, die sämtliche Gerüche dauerhaft tilgt. Dafür wird das Auto nach Angaben des Unternehmens abgedichtet und für 12 bis 24 Stunden mit dem Reizgas gefüllt. In dieser Zeit werden auch an den unzugänglichsten Stellen sämtliche geruchsverursachenden Bakterien neutralisiert. Risiken und Nebenwirkungen gibt es bei diesem Verfahren für Fahrer und Fahrzeug nicht. Allerdings kostet die Behandlung zwischen 60 und 150 Euro.

Von Thomas Geiger, gms

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