Extreme Felgen Nie wieder Radkappen!

Tuning geht immer. Während die Autoindustrie darbt, blühen die Veredler - und hier besonders die Importeure extremer Leichtmetallfelgen aus den USA. Die bizarre Tuningshow "Pimp My Ride" im Musiksender MTV hat das Geschäft enorm belebt. Einziges Problem: Die US-Protzfelgen haben in der Regel keine deutsche Zulassung.

Von Stefan Anker


Budnik Raptor: Bizarre Felgen á la "Pimp My Ride"

Budnik Raptor: Bizarre Felgen á la "Pimp My Ride"

Mit den extremen Rädern ist es so ähnlich wie mit den Radarwarngeräten: Man darf sie kaufen, aber man darf sie nicht benutzen. Jedenfalls nicht so ohne weiteres. Die modischen Felgen mit irrem Design, Chromschmuck, Goldauflage oder Edelsteindekoration, die in der amerikanischen Hiphopper- und Rapper-Szene zum unverzichtbaren Autodetail gehören, finden auch hier zu Lande immer mehr Zuspruch von Leuten, die ein wirklich cooles und individuelles Auto fahren möchten. Doch ist vor der Kür auf Parkplätzen und Boulevards das Pflichtprogramm beim TÜV nötig.

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Fotostrecke: US-Protzfelgen

Grundsätzlich gilt nämlich, dass für alle Anbauteile, die nicht schon ab Werk am Auto waren, eine Allgemeine Betriebserlaubnis (ABE) vorliegen muss. Nur zur Klarstellung: Die ABE ist nicht nur eine mündliche Zusage des Felgenhändlers, sondern ein schriftliches Dokument, das man immer im Wagen dabei haben muss.

Existiert keine ABE für die Felgen, so erlischt auch die ABE für das ganze Auto. Damit bliebe man im Falle eines Unfalls zum Beispiel auf dem Schaden sitzen, keine Versicherung müsste zahlen. Und auch ohne Unfall gibt es Ärger: Fürs Fahren ohne ABE wird ein Bußgeld fällig (50 Euro, drei Punkte in Flensburg), der fragliche Umbau muss rückgängig gemacht und das wieder tugendhaft gestaltete Auto der Zulassungsbehörde vorgeführt werden. Bei schlechter Laune des Polizeimeisters, besonderer Renitenz des ertappten Fahrers oder höchster Verkehrsunsicherheit des getunten Fahrzeugs muss das Auto sogar an Ort und Stelle der Kontrolle stehen bleiben und auf den Abschleppwagen warten.

Die Verkehrssicherheit eines Autos wird nämlich sehr wohl von den Rädern beeinflusst. Ebenso wie der Reifen gehört das Rad zu den Teilen, die das Auto tragen. Daher darf die Traglast, also das maximale Gewicht, das eine Felge ohne Bruch aushält, die halbe Achslast nicht unterschreiten. Beispiel VW Golf GTI: Der 200-PS-Wagen hat bei einem zulässigen Gesamtgewicht von 1940 Kilogramm eine maximale Achslast von 1040 Kilogramm vorn und 930 Kilogramm hinten. Jedes einzelne Rad muss daher mindestens 520 Kilogramm verkraften können.

Zu diesem Thema kursieren zahlreiche anders lautende Meldungen in den Internetforen der Tuningszene. Dabei ist die Sache keineswegs kompliziert: Die Achslasten des Autos und die erlaubten Größen der Räder sind im Fahrzeugschein einzusehen (Ziffern 16, 20, 21), und für die Erteilung einer Betriebserlaubnis bracht man ein Einzelgutachten von TÜV, Dekra oder einer anderen amtlichen Prüfstelle. Und in aller Regel erhält auch das ausgefallendste Rad den amtlichen Segen, sofern die Spielregeln einhalten werden.

Gergö Zelenak, Geschäftsführer des Internet-Felgenshops "Rollin On Chrome" sagt: "99 Prozent aller Anfragen betreffen die Zulassung der Felgen - natürlich kennen wir Prüfstellen, bei denen man die Räder eingetragen bekommt." Der Prüfer will neben den korrekt montierten Rädern vor allem auch Dokumente des Hersteller sehen. Zelenak: "Viele Firmen sind sehr kooperativ und besorgen uns die Unterlagen."

Dabei spielt es keine Rolle, wo das Rad hergestellt wurde. Viele US-Firmen lassen zum Beispiel in Japan produzieren, doch natürlich werden auch dort die Räder geprüft und gekennzeichnet. Häufig ist die Traglastzahl schon ins Material der Felge eingegossen. Zelenak: "Die TÜV-Prüfer haben gerne 100 bis 200 Kilogramm Reserve." Kein Problem, da die meisten Pkw-Räder die Zahl 690 zeigen, was 690 Kilogramm Traglast entspricht. Zur Erinnerung: Für den Golf GTI wären nur 520 Kilogramm nötig. Größere Räder für SUV-Modelle oder Geländerwagen liegen in der Regel bei 890 Kilogramm Traglast.

Allerdings muss man wissen, dass die Einzelprüfung ins Geld gehen kann. Beim TÜV Berlin etwa werden 80 Euro plus der individuell berechnete Arbeitsaufwand fällig. Doch wenn die Prüfung erfolgreich war, wird alles gut. Mit dem Gutachten spricht man bei der Zulassungsstelle vor und lässt die neuen Räder in die Fahrzeugpapiere eintragen. Mit dem umgeschriebenen Fahrzeugschein und dem Gutachten im Handschuhfach ist man nun für jede Kontrolle gewappnet. Die triumphierende Bemerkung "Pimp it, man" jedoch könnte ein deutscher Polizist dennoch übel nehmen.



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