Hightech-Auto für Senioren: Blutzuckertest am Lenkrad

Das Auto fährt selbsttätig vor, testet Blutdruck und Gehirnströme – und dann darf der Senior starten. Science-Fiction? Für Claus-Frenz Claussen liegt die Verwirklichung seines Auto-Cyberno-Mobils in greifbarer Nähe. Wenn nur Datenschützer und Hersteller mitspielen würden.

Bad Kissingen - Zum Blutzuckermessen muss man in die Apotheke, Gehirnströme kann nur ein Arzt ermitteln, und um sein Gewicht festzustellen, steigt man auf eine Waage. Für all das könnte künftig aber auch eine Autofahrt reichen, wenn es nach der Vision von Claus-Frenz Claussen geht. Der in Bad Kissingen lebende Professor und Künstler entwickelt derzeit ein Auto, das Fahrzeug- mit Medizintechnik verbinden soll. Auto-Cyberno-Mobil (ACYMO) nennt der 67-Jährige das Gefährt oder "Mobilitäts- und Gesundheitskapsel".

Hintergrund ist die stark zunehmende Zahl älterer Menschen hinter dem Steuer. So sagt die Shell-Studie voraus, dass bis 2020 die Zahl der Senioren, die ein Auto besitzen, in Deutschland auf 15,2 Millionen steigen wird. Gegenüber dem Jahr 2000 wäre das ein Anstieg von 80 Prozent. Claussen sitzt seit 1994 im Repräsentationsausschuss des Automobilclubs von Deutschland (AvD), wo seit einigen Jahren auch über verpflichtende Gesundheitstests für ältere Fahrer diskutiert wird. "Davon halte ich gar nichts", betont Claussen.

Seine Vorstellung von einem Fahrzeug, das Rundumservice bietet, sieht so aus: Der Nutzer bestellt es per Fernbedienung, das Auto fährt selbständig vor. Es begrüßt den Fahrgast und fährt den Sitz heraus. Der Senior setzt sich darauf, beim Einfahren wird das Gewicht überprüft, der sich automatisch anlegende Sicherheitsgurt checkt die Körperfunktionen durch das Messen von Gehirnströmen. Beim Berühren des Lenkrades wird durch Laserimpulse der Blutzucker getestet, über einen Sensor die Atemluft gemessen und der Besitzer wird vom Auto gefragt, wo er denn hin möchte.

Gesteuerter Toilettengang

"Bevor es losgeht, wird die Fahrt noch bei einem Gesundheits- und einem Technik-Begleitzentrum angemeldet", erläutert Claussen. Sobald sich das Gefährt dann in Bewegung gesetzt hat, treten die automatische Spurhaltung, Satellitennavigation und Distanzmesser in Aktion. Bei längeren Fahrten fragt das Auto den Fahrgast sogar, ob er auf die Toilette muss und hält dann selbständig an einer Raststätte.

Das klingt nach Science-Fiction, aber der Wissenschaftler, der zwischen 1972 und 1974 bei der US-Weltraumbehörde Nasa sogenannte Mensch-Maschinen-Systeme entwickelt hat, glaubt an die Verwirklichung. "Vieles davon gibt es technisch schon, wir brauchen es nur zusammenzuführen", erklärt er voller Überzeugung. Dass all das Datenschützer auf die Palme bringt, ficht ihn nicht an: "Wenn die Gesetze das nicht zulassen, müssen sie eben geändert werden." So ein Gefährt könne für maximal 35.000 Euro zu kaufen sein und werde auch der deutschen Autoindustrie einen Riesenschub geben, ist er überzeugt.

Damit es nicht bei Gedankenspielen bleibt, machen sich Experten aus verschiedenen Wissenschaftsbereichen am 2. und 3. Mai bei einem Symposium in Bad Kissingen Gedanken über eine mögliche Umsetzung.

Ziel ist laut Claussen ein "Bad Kissinger Leitfaden für die Mobilität in der dritten Lebensphase". In der Kurstadt soll auch das Gesundheits-Begleitzentrum entstehen, bei dem dann die Fahrten mit dem "Auto-Cyberno-Mobil" angemeldet werden. Claussen ist "fast besessen" von seiner Idee und sicher, dass sie in nicht all zu ferner Zukunft auf unseren Straßen zu finden sein wird: "Die Alten wollen es - und die lassen sich heutzutage nicht mehr so einfach abschieben."

Von Ralph Bauer, ddp

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