Motorrad-ABS Mit voller Kraft in die Eisen

Um eventuell lebensrettende Meter verkürzt sich der Bremsweg, wenn ein Motorrad über ein Anti-Blockier-System verfügt. Im Test schneidet das ABS gut ab, allerdings gerät ausgerechnet ABS-Pionier BMW durch fortwährende Probleme mit seiner Eigenentwicklung ins Gerede.


Vollbremsung: Das ABS verhindert das Blockieren der Räder
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Vollbremsung: Das ABS verhindert das Blockieren der Räder

München/Rüsselsheim - Das ABS im Motorrad setzt sich langsam durch - wie wichtig die Antiblockier-Bremse am Zweirad ist, das zeigt jetzt ein aktueller Test des ADAC. Dort hat man beim Vergleich mehrerer Motorräder festgestellt, dass die Bremswege mit dem ABS im Notfall lebensrettend kürzer ausfallen können. Allerdings nützt ein ABS allein wenig. Der Fahrer selbst muss den Umgang mit dem System zuerst einmal üben.

"Unser Test hat ergeben, dass alle geprüften ASB-Systeme sehr empfehlenswert sind", sagt Ruprecht Müller, Motorrad-Experte des ADAC-Technikzentrums in Landsberg (Bayern). "Das ABS steht unangefochten über allen anderen Bremssystemen." Insgesamt hat man sieben Maschinen verschiedener Leistungsklassen getestet und dabei zum Teil erstaunliche Ergebnisse erzielt. So wurde im Test mit den ABS-Anlagen auf nasser Strecke aus Tempo 100 ein durchschnittlicher Bremsweg von 44,5 Metern gemessen. Ohne ABS kamen die Bremstester erst nach durchschnittlich 57 Metern zum Stehen. Auf der Straße bedeutet der Unterschied von 12,5 Metern, dass ein Motorrad noch mit 50 Stundenkilometern an dem Punkt unterwegs ist, an dem das ABS-Fahrzeug bereits steht.

ABS steigert Motorrad-Wert

Doch der kürzere Bremsweg ist nicht das einzige Argument für das Fahren mit dem Blockierverhinderer. "Blockierende Räder führen sofort zum Verlust der Fahrstabilität", erklärt Alfred Onegin aus Rüsselsheim, Motorradsachverständiger im Auftrag der Gesellschaft für Technische Überwachung (GTÜ) in Stuttgart. "Ein überbremstes Vorderrad ist nicht mehr lenkfähig." Hinzu kommt auch noch ein weiteres Problem: "Ein Motorrad mit blockierenden Rädern fällt nach irgendeiner Seite um."

Trotz der Vorzüge der Systeme ist ein Großteil der Zweiräder immer noch ohne ABS unterwegs. Das steigende Interesse der Fahrer könnte nach ADAC-Angaben aber dazu führen, dass in den kommenden Jahren weitere Modelle mit entsprechend aufgerüsteten Bremsen auf den Markt kommen. Mittlerweile wird der Wert der Zusatzausstattung demnach auch schon auf dem Gebrauchtmarkt erkannt: Der ADAC vermutet, dass Motorräder ohne ABS bald stärkerem Wertverlust unterliegen.

Allerdings nützt es wenig, sich ein Motorrad mit ABS zu kaufen, und dann genauso zu bremsen, wie es bei den ABS-freien Modellen immer schon gemacht wurde. "Ein ABS zu haben, heißt noch lange nicht, dass man auch damit umgehen kann", warnt Thomas Karsten vom Institut für Zweiradsicherheit (ifz) in Essen. So muss mancher Fahrer sich erst einmal angewöhnen, mit voller Kraft zu bremsen - ohne dabei Angst vor blockierenden Rädern zu haben. Zudem wird das ABS bei Probebremsungen auf sommerlich trockenen Straßen laut Karsten wegen der Qualität moderner Reifen meist gar nicht erst einsetzen.

Zwei Unfälle bei BMW-Maschinen-Test

Die Experten raten daher, den Umgang mit dem ABS im Rahmen eines der vielen angebotenen Fahrsicherheitstrainings zu üben. Dort können die Bremsen dann auch auf einem mit Sand oder Wasser rutschig gemachten Untergrund getestet werden. "Zu beachten ist auch, dass die ABS-Systeme an sich sehr unterschiedlich sind", erklärt Hubert Koch, Geschäftsführer der vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) initiierten Aktion "Besser bremsen" in Raesfeld (Nordrhein-Westfalen).

Laut Koch gibt es Systeme, bei denen jedes Rad ein einzelnes ABS hat, andere Maschinen verfügen über so genannte Integralsysteme, bei denen mit einem Hebel beide Räder gebremst werden können. Wenn ein Fahrer also bei zwei unabhängig voneinander gebremsten Rädern aus alter Gewohnheit nur das Hinterrad bremst, hilft ihm das ABS vorne wenig. "Da muss man schon den Reflex üben, immer mit beiden Händen zu ziehen", so Koch.

BMW K 1200 S: Bei Testfahrten zeigte das BMW-ABS Auffälligkeiten
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BMW K 1200 S: Bei Testfahrten zeigte das BMW-ABS Auffälligkeiten

Während die Vorzüge des ABS einerseits unumstritten sind, muss sich der Hersteller BMW mit Hinweisen auf Probleme bei dem hauseigenen Integral-ABS-System auseinander setzen. So hat es auf einer ADAC-Teststrecke zwei Unfälle mit BMW-Maschinen vom Typ K 1200 S gegeben, bei denen technische Probleme an der hochkomplexen Bremsanlage vermutet werden. Vor allem in Internet-Foren wird außerdem über ähnliche Fälle mit BMW-Motorrädern diskutiert.

BMW hat die Vorfälle mittlerweile untersucht: "Ursache ist die Spezialsituation des Brems-Trainings", erklärt BMW-Sprecher Jürgen Stoffregen in München. "Durch vielfache unmittelbar hintereinander folgende Extrem-Bremsungen kann es zu einem Spannungsabfall im Bordnetz kommen. In Kombination mit weiteren extremen Bremsungen kann das ABS dann an seine Systemgrenzen gelangen, und die ABS-Regelung setzt dann aus." Schlicht gesagt, greift das System in einem solchen Fall auf die rein hydraulische Restbremsfunktion zurück. Die erfüllt zwar gesetzliche Grenzwerte, ist aber weit weniger wirkungsvoll als das normal arbeitende System. Instruktoren der Trainings will man nun ebenso wie die Kunden darüber aufklären.

"Im Straßenverkehr kann dieses Problem nicht auftreten", ergänzt Stoffregen. Die vor allem im Internet kursierenden Gerüchte über grundsätzliche Probleme der ABS-Anlagen weist der BMW-Sprecher zurück: "Es hat in einigen Fällen Störungen gegeben - aber die bewegen sich im normalen Rahmen. Das Kraftfahrtbundesamt hat den Sachstand geprüft und ist zu dem Ergebnis gekommen, dass kein Sicherheitsproblem vorliegt." Laut Stoffregen sieht BMW daher auch keinen Grund für eine Rückrufaktion.

Von Heiko Haupt, gms



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