Neue BMW-Fahrerassistenzsysteme Elektronik denkt, Mensch lenkt

BMW sieht die Freude am Fahren in Gefahr. Weil der Verkehr immer dichter und die Staugefahr immer größer wird, fürchten die Münchner um das stets beschworene Spaßpotenzial ihrer Autos. Als Gegenmaßnahme werden jetzt einer Reihe neuer Assistenzsysteme angeboten.


Der ewige Wettlauf zwischen BMW und Mercedes geht in die nächste Runde. Diesmal allerdings ringen die beiden Konkurrenten im automobilen Oberhaus nicht um die stärksten Motoren oder die schönsten Karosserien, sondern um die intelligentesten Assistenzsysteme. Nachdem die Schwaben mit der neuen S-Klasse einige Meilensteine in Sachen Sicherheit gesetzt haben, ziehen nun die Bayern nach. Auf einem Innovationstag in München wurden eine Reihe neuer elektronischer Helfer präsentiert, die das Fahren auch auf vollen Straßen entspannt, sicher und freudvoll machen sollen.

Kurz vor der Serienreife steht beispielsweise eine Weiterentwicklung der aktiven Geschwindigkeitsregelung mit Radarsensoren. So wie heute die Mercedes S-Klasse könnte mit diesem System auch der BMW 7er im Stau automatisch bis zum Stillstand abbremsen und danach auch selbständig wieder beschleunigen – der Fahrer muss dazu nur das Gaspedal berühren oder einen Knopf drücken. Ebenfalls eine "Me too"-Lösung ist der "abstandsgeregelte Bremsassistent", dessen Radarsensoren den Fahrer vor einem drohenden Auffahrunfall warnt und den idealen Bremsdruck aufbaut, wenn der Fahrer in die Eisen steigt. Und auch die Spurführung mit Kamera im Innenspiegel und einem Vibrationsalarm im Lenkrad beim Verlassen der Ideallinie ist nicht mehr ganz neu.

Doch begnügen sich die Bayern nicht damit, die Konkurrenz nur einzuholen. BMW stellte auch Systeme vor, die neu sind im Autobau. Ein Beispiel dafür ist der "Road Preview"-Assistent, der dem Fahrer zu elektronischem Weitblick verhelfen soll: "Wer jederzeit sicher und entspannt unterwegs sein will, muss nicht nur sein Fahrzeug souverän beherrschen, sondern auch die vor ihm liegende Strecke möglichst genau einschätzen können", sagt Jan Löwenau, der das Projekt bei BMW initiiert hat. Deshalb leiten die Bayern künftig aus dem Navigationssystem mehr Informationen ab als nur den besten Weg zum Ziel. Etwa eine Art elektronischen Röntgenblick, mit dem der Fahrer erkennt, was ihn hinter der nächsten Kurve oder Kuppe erwartet.

In einem ersten Schritt wird BMW das System wohl zur Kurvenwarnung nutzen und auf dem Head-up-Display direkt im Blickfeld des Fahrer die Richtung und den Radius der nächsten Kurve einblenden. In weiteren Ausbaustufen ist auch eine Warnung vor Glatteis oder nassen Straßen denkbar, wenn zum Beispiel eine funktionierende Kommunikation mit vorausfahrenden Autos etabliert ist.

Horizonterweiterung mit Hilfe der Navigationsdaten

Ebenfalls vom elektronischen Horizont profitieren Fahrer bei der "dynamischen Streckeninformation", die ungeduldigen Menschen das Leben leichter macht. Zwar kann die Elektronik keinen Gegenverkehr erkennen und spricht deshalb keine direkte Überholempfehlung aus. Doch zumindest kennzeichnet das System Streckenabschnitte, die eine erhöhte Aufmerksamkeit erfordern und deshalb zum Überholen nicht geeignet sind. So bleibt man vor unliebsamen Überraschungen wie engen Kurven oder Einmündungen verschont.

Auch gegen Strafzettel für notorische Schnellfahrer hat BMW ein Mittel gefunden: Mit Hilfe einer kameragestützten Verkehrszeichenerkennung und den Kartendaten aus dem Navigationssystem blenden die Bayern demnächst die jeweils gültige Höchstgeschwindigkeit im Kombiinstrument oder im Head-up-Display ein. Raser wird das natürlich nicht stoppen, doch zumindest unaufmerksame Autofahrer sind so gegen unfreiwillige Verkehrssünden gefeit. "Diese Funktion hilft dem Fahrer vor allem auf längeren Strecken, in unbekannter Umgebung und bei mangelnder Beschilderung Tempoüberschreitungen zu vermeiden", sagt Löwenau.

Selbständig in die Garage und auch wieder heraus

Doch nicht nur die Freude am Fahren wollen die Bayern mit Hilfe der Elektronik länger erhalten. Auch beim Rangieren und Parken sollen Bits und Bytes für weitere Entspannung sorgen. Deshalb arbeitet BMW an einer Rundum-Überwachung mit Sensoren und Kameras, die Fahrzeug und Umgebung auf dem Display aus der Vogelperspektive zeigt. So können potenzielle Hindernisse beim Rangieren, Einparken oder Durchfahren von Engstellen erkannt und Schäden im Lack vermieden werden.

Noch leichter wird das Parken, wenn das jüngste Forschungsprojekt Erfolg hat: Dann verschwindet das Auto ganz ohne Fahrer in der Garage. "So tragen wir der Entwicklung Rechnung, dass Autos in der Regel bei jedem Modellwechsel größer werden und daher der Platz zum Ein- und Aussteigen immer knapper wird", sagt Raymond Freymann, der bei BMW die Forschung und Technik GmbH leitet. Damit man sich nicht mehr zwischen Auto und Garagenwand entlang zwängen muss und die Türen kratzerfrei bleiben, haben die Bayern einen 7er zum Parkroboter aufgerüstet, der mit Hilfe von Kameras und den Sensoren der Einparkhilfe von allein den Weg auf seinen Stellplatz findet. Der Fahrer stellt den Wagen nur noch vorwärts vor der Garage ab, steigt aus und aktiviert das System mit der Fernbedienung für die Zentralverriegelung. Danach rollt der Wagen selbständig auf seinen Platz. Und natürlich parkt er auf Knopfdruck auch wieder aus.



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