Neues Mercedes-Benz-Museum Wo Mythen tüten

Mercedes-Benz hat sich eine Garage für 150 Millionen Euro neben das Werksgelände in Stuttgart gestellt. Der verdreht-futuristische Bau soll als Museum den "Mythos" der Automarke zelebrieren. Kritik an dem Koloss perlt an der charmanten Selbstironie der Museumsgestaltung ab.

Von David Frogier de Ponlevoy


Wenn Architekten und PR-Agenturen fabulieren, klingt das so: Das Gebäude, in dem sich das neue Mercedes-Benz-Museum befindet, erinnere an eine "Doppelhelix", eine "Metapher für die Erbanlage der Marke". Von Dynamik ist die Rede, von unzähmbarer Bewegung. Außer Reklamedichtern denkt beim Anblick eines Automuseums allerdings wohl niemand an einen Begriff wie DNA. Betrachtern des Gebäudes zwischen Werkshalle und Gottlieb-Daimler-Stadion drängen sich ganz andere Bilder auf: Walfisch, Schiffsrumpf, Riesenbottich.

Kein Zweifel: Die Architektur irritiert. Ragt da ein Spoiler aus der Seite des Wals heraus? Der Entschluss, sich nicht von dem Rummel einfangen zu lassen, der seit Monaten um die Konstruktion gemacht wird, ist vergebens. Der erste Punkt geht an Mercedes-Benz: Für den Mut, solch ein Ding zum Museum zu machen, darf sich das Unternehmen auf die Schulter klopfen.

Das tut es freilich sowieso. Deshalb hier die Superlative im Schnelldurchlauf: Geschätzte 150 Millionen Euro betrugen die Baukosten. Eine Million Besucher werden im ersten Jahr erwartet. Keine der 1800 dreieckigen Außenscheiben gleicht der anderen. Der Besucher kann fünf Kilometer laufen, bis er alle Ebenen bewältigt hat. Klotzen statt Kleckern also. Am Freitag wird das größte Automuseum der Welt eröffnet.

"Mythenräume" nennt Mercedes-Benz seine Hallen, und in diesen Räumen stehen "Ikonen", womit bewiesen wäre: Mercedes ist eine Religion. Und zu jeder Religion gehören Wunder. Hier ist das erste: Die Kosten müssten sich nicht erst einspielen, sagt eine Unternehmensvertreterin. "Sie sind bereits amortisiert". Es handelt sich zweifelsfrei um die am schnellsten verdienten 150 Millionen Euro der Museumsgeschichte.

Zu einer Marke gehört Werbung, und das brachiale Geklapper um Mythen und Ikonen verhallt schnell in den großen Sälen. Zurück bleibt staunende Bewunderung für ein feinsinniges Feuerwerk an Ideen. Wer aus dem Aufzug steigt, stößt zunächst auf ein Pferd. Weiß, ausgestopft. Der Aufstieg des Autos ist der Abstieg des Pferdes. Oder auch der wörtliche Abstieg vom Pferd. Ein Augenzwinkern leitet den Rundgang ein.

Jeder bekommt, was ihn interessiert

"Zeitrampen" mit großen Bildern führen in die jeweiligen Säle: Oktoberrevolution, Fusion von Daimler und Benz, Josephine Baker. Willkommen in Raum drei, bei "Diesel und Kompressor". In der Mitte prangen die Autos, der SSK von 1929 oder der Mercedes 770 von 1937, ein Ungetüm von Luxuskarosse. Auf der anderen Seite steht eine "Werkbank", dort wird die Technik erklärt. Jeder bekommt, was ihn interessiert: Große Autos, technische Details oder Anekdoten. Sogar der Audioguide kennt mehrere Kanäle, darunter eine eigene Führung für Kinder.

"Die werden auch Erwachsene nutzen. Wir sind ja nicht immer so gescheit, wie wir denken", sagt HG Merz. Er ist der Kopf hinter der Konzeption. Merz trägt Brille, raucht Pfeife und sieht jünger aus als Jahrgang 1947. Vermutlich weil er gerne lächelt. Und er lächelt oft, wenn er erzählt. Beispielsweise von den ersten Gruppen von Test-Besuchern, die auf das Museum losgelassen wurden. Anstatt zu den Autos zu gehen (wo viel Platz wäre), klebten sie interessiert an den Scheiben der Zeitleiste. "Das war so nicht gedacht", sagt Merz seufzend, "der deutsche Bildungsbürger." Dann lächelt er, seine Augen blitzen.

Wer mit Merz spricht, versteht auf einmal, warum das Museum an einigen Stellen den Auto-Wahn auf die Schippe nimmt. Beispielsweise mit den "33 Extras", die über die Räume - sieben chronologische und fünf thematische - verstreut sind. 33 kleine Geschichten über die Straßenkarte oder den Werkzeugkasten. Die Geschichte des Tachometers klingt dann so: "Die Fahrer konnten mit dem Blick auf die Geschwindigkeit ihr Selbstwertgefühl steigern". Das Museum lockt mit dem Großen, Besonderen. Dem Mercedes-Simplex 40 PS, dem Uhlenhaut-Coupé, den Silberpfeilen. Aber es sind die Details, die verzaubern.

Kein Besucher kann alles sehen

Im Mercedes 300 TD von 1985 liegt ein alter Strandball, in einem Schaukasten ein Hummer-Messer aus der Mercedes-Kantine. Und warum trägt der olivgrüne Mercedes mit den Schaffellbezügen das Nummernschild VIE-EH? Merz schweigt und lächelt. Dann weist er auf den Fußboden. Der ist jeweils passend zum Thema bemalt, beispielsweise mit Notrufnummern: Deutschland 110, Amerika 911, Nepal 4247041. Kein Besucher wird jemals imstande sein, alle versteckten Hinweise in diesem Museum zu bemerken. "Manches macht man auch einfach für sich selbst", sagt Merz. Es klingt halb enttäuscht, halb schelmisch.

Der Ausstellungsraum "Gegenwart" wird umrahmt von 48 Monitoren, auf denen in 16 Ländern Mercedes-Autos fahren. Eine Video-Installation, die 24 Stunden in jeweils zwölf Minuten zusammenschnurren lässt. Während in Shanghai Nacht ist, tuckert ein alter Mercedes durch die grelle Sonne Syriens, inklusive Geräuschkulisse: Tüt-tüt, Brrrrumm. Allein vor diesem Kunstwerk, für das ein Kamerateam ein Dreivierteljahr quer über den Globus unterwegs war, könnte man eine Stunde verbringen.

Und an dieser Stelle, zwischen Brummen und Tüten, tief im Bauch des futuristischen Museums-Kolosses, lässt es sich nicht mehr leugnen: Ein bisschen Mythos steckt tatsächlich in diesen Mauern. Als bräuchte es noch einen Beweis, wird die Suche nach der Toilette von einer Assistentin entschuldigend kommentiert, jemand habe das Toilettenschild gestohlen. "Es war aber auch wirklich schön", fügt sie nach einer kurzen Pause hinzu.



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