Porsche 912: Zwei Zylinder weniger

Es gibt Menschen, die halten die Bezeichnung Porsche 912 für einen Druckfehler. Dabei gab es eine Zeit, da hatte die Sparversion im 911er Kleid dem Original den Rang abgelaufen. Zu dauerhaftem Ruhm hat er es dennoch nicht gebracht.

Porsche 912: Äußerlich vom großen Bruder 911 kaum zu unterscheiden
GMS

Porsche 912: Äußerlich vom großen Bruder 911 kaum zu unterscheiden

Die Mitte der sechziger Jahre war für die Sportwagenschmiede eine Zeit des Umbruchs. Der erfolgreiche Erstling 356 hatte seine beste Zeit hinter sich. Als Thronfolger erschien 1964 der neue 911. Während der Vorgänger aller motorischer Eingriffe in dem Vierzylinder Boxeraggregat zum Trotz klanglich seine VW-Käfer-Wurzeln nie verhehlen konnte, wurde der 911 ein echter Kraftsportler.

Sechs statt vier Zylinder im Heck sorgten mit mindestens 130 PS für entsprechende Fahrleistungen mit sportlicher Geräuschkulisse. So ganz nebenbei sorgte die Kraftkur bei manchem Interessenten aber auch für entsetzte Blicke auf das Preisschild - 21.900 Mark als absolutes Minimum, das war zu jener Zeit eine ganze Stange Geld.

Zwar wurden neben dem 911er anfangs noch ein paar 356er gebaut - doch alsbald musste man sich im Hause Porsche etwas anderes überlegen, um nicht die weniger betuchten Freunde zu verlieren. Die Idee, die entstand, war ebenso einfach wie nahe liegend: Man nehme einen 911 und reduziere ihn um zwei Zylinder. Sechszylinder raus, Vierzylinder rein.

An den Amaturen wurden für den geringeren Preis Abstriche gemacht
GMS

An den Amaturen wurden für den geringeren Preis Abstriche gemacht

Und so kam das schon fast ausgemusterte Aggregat aus dem alten 356 noch einmal zu neuen Ehren. Die Porsche-Ingenieure übernahmen den bewährten Motor allerdings nicht gänzlich unverändert. So entzog man dem 1,6-Liter in Hinblick auf die Lebensdauer fünf seiner zuvor 95 Pferdestärken. Damit gehörte der 912 zwar nicht zur ersten Garde der Straßensportler, ein lahmes Entlein war er aber beileibe nicht.

Immerhin 185 Stundenkilometer rannte das Coupé nun mit der Stimme des Volks (-wagens) aus dem Auspuff. Zu jener Zeit ein beachtlicher Wert. Schließlich brachte der kleinere Motor auch eine Gewichtsersparnis von 100 Kilogramm für die Sparversion.

Der Einstandspreis lag anfangs bei 16.250 Mark - eine angemessene Summe für echtes Porsche-Image. Denn rein äußerlich war der Unterschied fast nur am Typenschild auf der Motorhaube am Heck zu erkennen - ansonsten stand da für den Betrachter ein reinrassiger 911er. Auch die Sparmaßnahmen im Innenraum fielen wohl nur Kennern auf. So musste das Holzlenkrad einer Kunststoffversion weichen. Später konnte dafür aber ein Lederüberzug geordert werden. Gestrichen wurden auch Zeituhr und Ölvorratsanzeige, sie konnten aber ebenfalls gegen Aufpreis bestellt werden.

Im Startjahr 1965 war der 912er doppelt so erfolgreich wie das Original
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Im Startjahr 1965 war der 912er doppelt so erfolgreich wie das Original

Was dann in der Zeit vom Verkaufsstart im April 1965 bis zum Jahresende passierte, dürfte so manchen Manager in der Chefetage des Hauses Porsche arg überrascht haben. Die Billigkopie schlug das Original in dieser Zeit um Längen: 6401 Porsche 912 fanden im genannten Zeitraum einen Käufer - das Coupé mit dem Sechszylinder wurde gerade halb so oft geordert.

Und so debütierte auf der Internationalen Automobil-Ausstellung in Frankfurt in eben jenem Jahr auch gleich die zweite Version des 912. Wie den 911er sollte es den kleinen Porsche künftig auch als so genannten Targa geben, als Pseudo-Cabrio mit Überrollbügel - die Serienfertigung begann jedoch erst im Dezember 1966. Ohnehin wurden dem 912 fast alle Veränderungen zu teil, die am 911 durchgeführt wurden. Dazu gehörte auch die große Überarbeitung im Sommer 1967, die unter anderem einen um 57 Millimeter verlängerten Radstand und größere Radausschnitte mit sich brachte.

Der 912er-Motor mit zwei Zylindern weniger
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Der 912er-Motor mit zwei Zylindern weniger

Ebenso wie der günstige Preis den Erfolg begründete, war die Preisgestaltung auch der Auslöser für das Ende: Als Porsche für 19.000 Mark eine auf 110 PS gedrosselte Basisversion des Sechszylinders mit der Typbezeichnung 911 T auf den Markt brachte, war der Tod des 912ers im Grunde besiegelt. Außerdem stand mit dem so genannten VW-Porsche, dem Porsche 914, der designierte Nachfolger in den Startlöchern. Nach 30.300 Exemplaren - darunter 2562 Targa, die teilweise bei der Autobahnpolizei eingesetzt wurden - war im August 1969 Schluss.

Jedenfalls für einige Zeit. Denn die Idee wurde noch einmal wiederbelebt. 1975/76 nämlich erschien der 912 E - gebaut exklusiv für den US-Markt in Zeiten steigender Benzinpreise und rigider Tempobegrenzungen. Dort spielte er quasi eine Art Lückenbüßer: Der VW-Porsche 914 hatte seine Zeit nun gerade hinter sich, der neue (und später ungeliebte) nächste Volksporsche 924 ließ noch etwas auf sich warten.

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