Reifen-Historie, Teil 2 Rekorde und ein Blauer Engel

Kaum hatte sich der Autoreifen durchgesetzt, entwickelte sich eine riesige Industrie um dieses Produkt. Die Pneus wurden profiliert, sie wurden schlauchlos, und sie wurden immer spezieller. Inzwischen helfen sie sogar beim Spritsparen.


Paris-Bordeaux-Paris: André und Edouard Michelin unterwegs mit ihrem Peugeot "Eclair"
Michelin

Paris-Bordeaux-Paris: André und Edouard Michelin unterwegs mit ihrem Peugeot "Eclair"

Für die Gebrüder Michelin war die Rennfahrt Paris-Bordeaux-Paris im Jahr 1895 unvergesslich. 50 Reifenpannen mussten behoben und 22-mal musste ein Reifen komplett gewechselt werden, ehe sie in ihrem Peugeot "Eclair" über die Ziellinie in Paris knatterten. Aber, und das war das Entscheidende: Sie kamen an und das Prinzip Luftreifen hatte sich bewährt.

Luftgefüllte Gummireifen und Automobil gehörten immer enger zusammen. 1899 verkaufte Continental die ersten Autoreifen, deren Lebensdauer etwa 500 Kilometer betrug. Im gleichen Jahr fuhr der Belgier Camille Jenatzky erstmals schneller als 100 km/h, und zwar mit dem zäpfchenförmigen Elektromobil "La Jamais Contente" (Die nie Zufriedene), auf das vier speziell entwickelten Michelin-Reifen mit elastischem Wulst montiert waren.

Eine optische und funktionale Veränderung erfuhren die Reifen ab 1904, als die ersten Pneus mit Querrippenprofil aufkamen. Zudem wurde dem Gummi erstmals Ruß beigemengt, um die Festigkeit und Lebensdauer zu steigern. Damit veränderten die bis dahin weißlich bis gelblichen Reifen auch ihre Farbe und wurden schwarz. Das Verfahren setzte sich jedoch erst nach dem Ersten Weltkrieg weltweit durch. In der Folgezeit experimentieren Continental und Dunlop mit Gummireifen, die mit Metallnieten bestückt sind, was die Haftung auf der Fahrbahn verbessern soll. Während der IAA des Jahres 1922 präsentiert Dunlop erstmals Autoreifen mit Stahldraht im Wulst, eine Technik, mit der auch Michelin seit 1920 schon experimentierte. Bis heute gehört dieser Reifenaufbau zum Standard.

"La Jamais Contente": Der Belgier Camille Jenatzky überschritt 1899 erstmals Tempo hundert
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"La Jamais Contente": Der Belgier Camille Jenatzky überschritt 1899 erstmals Tempo hundert

In den dreißiger Jahren beginnen die Reifenhersteller, die Abstände der Profilblöcke zu variieren, wodurch das Abrollgeräusch gesenkt werden kann. Auch diese Technik gehört bis heute zum Produktionsverfahren von Autoreifen. 1943 erhält Continental das Patent für den schlauchlosen Reifen - auch dies inzwischen längst eine Selbstverständlichkeit. Die Reifenentwicklung macht in kurzen Abständen große Fortschritte: 1946 erhält Michelin das Patent für den Stahlgürtelreifen, den die Franzosen zugleich aus Radialreifen herstellen. Das bedeutet, dass die Stahlfäden im rechten Winkel zur Laufrichtung des Reifens angeordnet sind. 1950 kommen die ersten M+S-Reifen (Matsch und Schnee) auf den Markt. Sie sind zwar aufgrund ihrer groben Profilstollen sehr laut, bieten aber unter winterlichen Straßenbedingungen bessere Fahreigenschaften als herkömmliche Pneus.

Im Jahr beginnen bei Dunlop die ersten intensive Versuche zum Aquaplaning-Effekt, also dem so genannten Aufschwimmen des Reifens, wodurch das Auto unkontrollierbar wird. Seitdem schnitzen die Reifenentwickler markante Einschnitte ins Profil, die das Wasser von der Reifenaufstandsfläche verdrängen und ableiten sollen. In der Folge werden Pneus immer stärker auf spezielle Anforderungen hin entwickelt: Die ersten Regenreifen, Breitreifen, Winterreifen mit Lamellen, Ganzjahresreifen und Öko-Reifen kommen auf den Markt.

Nun auch sicher im Schnee: Der erste Winterreifen war der Semperit Goliath

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Dunlop zum Beispiel erhält 1999 als erster Hersteller das Umweltsignet "Blauer Engel" für einen Reifen, der besonders leise abrollt und mit dessen Hilfe zudem Kraftstoff gespart werden kann. Der Reifen-Weltmarkt wird heute von den drei Konzernen Goodyear, Michelin und Bridgestone dominiert. Es folgen Continental, Pirelli und Yokohama. Insgesamt ist die Branche auf Grund der zahlreichen Beteiligungen und einer nur schwer überblickbaren Zahl von Reifenmarken - Experten schätzen, dass allein in Deutschland rund 90 Reifenmarken im Angebot sind - vergleichsweise unübersichtlich.

Hier lesen Sie den ersten Teil der Reifen-Historie:



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