Reifen Michelin "Tweel" Die neue Luftlosigkeit

Die Entwickler feilen meist nur noch an Details. Seit der Erfindung des Radialreifens in den vierziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts gelten Pneus als perfektioniert. Jetzt bahnt sich ein großer Schritt an. Fahren wir künftig auf Reifen ohne Luft?


Michelin Tweel: Ein Kranz aus Speichen übernimmt die Funktion der Luft im Reifen

Michelin Tweel: Ein Kranz aus Speichen übernimmt die Funktion der Luft im Reifen

Der Mann scheut keine großen Worte: "Bahnbrechende Revolutionen in der Fortbewegung kommen alle einhundert Jahre einmal vor", sagt Terry Gettys, Direktor des Michelin-Forschungszentrums in Greenville im US-Staat South Carolina. Jetzt sei es wieder so weit, glaubt der Reifenentwickler. Die Erfindung trägt den Namen "Tweel" und setzt sich aus den englischen Begriffen für Reifen (tyre) und für Rad (wheel) zusammen. Ein Tweel ist eine Kombination aus Rad und Reifen und kommt völlig ohne Luftdruck aus.

Beim Tweel sitzt ein Kranz aus flexiblen Speichen auf einem festen Radkern, der wie üblich an die Achse des Autos montiert wird. Auf dem Kranz ist eine Lauffläche aus Gummi mit einem normalen Profil befestigt. Michelin erklärte kürzlich, in etwa zehn Jahren sei das Tweel serienreif für den Einsatz im Straßenverkehr. Die Vorteile des neuen Systems seien sein deutlich geringeres Gewicht gegenüber einer herkömmlichen Rad-Reifen-Kombination, die höhere Fahrstabilität und die damit verbundene Möglichkeit, das Fahrwerk des Autos noch präziser abzustimmen. Zudem sei ein Tweel absolut pannensicher, denn es gibt ja gar keine Luft, die entweichen kann. Und schließlich: Ein Tweel ist praktisch unverwüstlich, lediglich die Lauffläche aus Gummi muss von Zeit zu Zeit erneuert werden.

Ein unverwüstlicher Reifen? Kein Wunder, dass sich das US-Militär bereits danach erkundigt hat. Und tatsächlich soll es bereits erste Versuche mit dem Tweel auf Minenräumfahrzeugen gegeben haben. Michelin sammelt derzeit auf speziellen Rollstühlen und einem kleinen Radlader Erfahrungen mit der Erfindung. Derzeit befinde man sich noch "im Versuchsstadium, um die Festigkeit und nötige Flexibilität der eingesetzten Materialien zu testen", sagt Michelin-Sprecher Jan Hennen. "Interessant wird es dann, wenn man mit dem Tweel auch mit 200 Sachen um die Ecke fährt." Bis dahin wird es aber wohl noch etwas dauern.

Derzeit wird an der Zusammensetzung der Speichen getüftelt. Erst hieß es, man arbeite mit einem Verbundstoff, kürzlich jedoch sickerte durch, die Speichen würden aus Polyurethan bestehen. "Offenbar handelt es sich um einen Werkstoff, der zwar einfedert, aber nicht länger werden kann", sagt Hennen.

Der französische Hersteller werkelt noch an einem zweiten Reifenmodell, das ohne Luft auskommt. Michelin Airless heißt die Entwicklung, die zunächst aussieht wie ein normales Rad mit normalem Reifen. Allerdings herrscht im Innern des Pneus kein Überdruck. Der Reifen selbst, also der Karkasse genannte Unterbau des Rundlings, ist stark und fest genug, um das Fahrzeuggewicht zu tragen. Möglich macht dies eine neue Gewebestruktur. "Wenn man unter die Lauffläche schaut, dann sieht das aus wie ein Geflecht aus Bandnudeln", sagt Hennen.



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