Reifen-Recycling Von Schaukeln und Sandalen

Wer sich einen Satz neue Reifen zulegt, lässt die alten für gewöhnlich gegen eine geringe Gebühr beim Händler. Einige der alten Pneus haben Pech und werden gleich verheizt. Andere können sich ins europäische Ausland retten. Und manch einem gelingt sogar ein Neustart im fernen Afrika.

Von Kati Borngräber


Altreifen-Halde: Ein neues Leben als Sandale in Burkina Faso
DDP

Altreifen-Halde: Ein neues Leben als Sandale in Burkina Faso

In Deutschland werden jährlich rund 600.000 Tonnen Altreifen ausrangiert. Seit 2003 ist in der Bundesrepublik infolge einer EU-Richtlinie die Deponierung von gebrauchten Pneus gesetzlich verboten - deswegen gibt es viele Möglichkeiten, mit den ausrangierten Reifen umzugehen. "Ein Großteil der Altreifen wird weiter verwertet", sagt Eckhard Willing vom Umweltbundesamt. "Zum Beispiel als Brennstoff in der Zementindustrie." Landet die ausgediente Bereifung jedoch in der stofflichen Verwertung und wird als Gummimehl oder Granulat etwa zum Bestandteil von Dach-, Straßen- oder Sportplatzbelägen, ist die erfolgreiche Wiedereingliederung in die Gesellschaft geschafft - wenn auch in neuer Dimension. Es ist also denkbar, dass jemand unter einem Dach wohnt, das mit seinen alten Autoreifen isoliert ist. Oder dass der Nachwuchs auf Vaters recycelten Pneus Fußball spielt.

Vom Reifen zur Achsmanschette

Das Recycling der Pneus wird in Zukunft immer wichtiger - Altreifen sollen künftig vermehrt zur Herstellung von Kunststoffprodukten verwendet werden. Eine Forschungsgruppe der Technischen Universität Chemnitz stellte bereits 2001 ein Verfahren vor, mit dem auf der Basis von Gummimehl ein neuer Kunststoff, ein so genanntes Thermoplastisches Elastomer (TPE), hergestellt werden kann. Der Vorteil: Der Hightech-Stoff ist sehr stabil, kostengünstig, und kann im Gegensatz zu Gummi beliebig oft wieder eingeschmolzen werden.

Unter Federführung der Dresdner Forschungsstelle für Analytik, Recycling und Umwelttechnologie (FARU) wurde die Rezeptur nun weiterentwickelt. Jetzt sollen aus dem Kunststoff Bauteile für die Automobilherstellung, wie etwa Achsmanschetten, produziert werden. "Derzeit arbeiten wir mit internationalen Unternehmen an der Erprobung dieses Materials", sagt Geschäftsführer Armin Dittmar. Er ist zuversichtlich: "Wir stehen kurz vor der Markteinführung."

Doch längst nicht alle alten Reifen werden recycelt. Was für hiesige Maßstäbe schon zum "alten Gummi" gehört, gilt in vielen Ländern als durchaus noch fahrbar. Wegen geringerer Anforderungen an die Profilstärke sind vor allem im osteuropäischen Raum viele Autos mit abgelegten Reifen aus Deutschland unterwegs. Ein Teil der Altreifen findet aber auch hier zu Lande den Weg zurück auf die Straße. Bei der so genannten Runderneuerung wird die Lauffläche des Reifens abgeschält und dann eine neue Gummischicht mit Profil auf die Karkasse - den hochwertigen Grundaufbau des Reifens - aufvulkanisiert. Allerdings vertrauen die meisten Autofahrer doch lieber Neureifen. Laut Eckhard Willing vom Umweltbundesamt werden runderneuerte Reifen heute "hauptsächlich am Lkw" eingesetzt, weil sie nur eine Garantie bis 180 km/h haben".

Biotop auf Autoreifen

Doch auch abseits der Straße kommen Altreifen in den unterschiedlichsten Bereichen zum Einsatz: Sie decken Silos in der Landwirtschaft ab, puffern Barkassen, Boote und Anleger oder sorgen als Kletterburgen und "Affenschaukeln" auf Kinderspielplätzen für Stimmung. Unklar ist bislang allerdings, ob sich dabei schädliche Substanzen aus dem Gummi lösen und zur Gefahr für die Umwelt oder die Gesundheit werden können. Als Reaktion auf viele besorgte Eltern rät das Umweltbundesamt nun zur Vorsicht, da ein Gesundheitsgefährdung nicht auszuschließen sei.

Aus ähnlichen Gründen ist auch die Nutzung von Altreifen im technischen Wasserbau, zum Beispiel für Kanalböden oder Deiche, bislang noch in der Planungsphase. "Wer solch ein Produkt in Deutschland einsetzen will, muss den Nachweis erbringen, dass es der Umwelt keinen Schaden zufügt. Das steht bislang noch aus", sagt Umweltexperte Eckhard Willing. In den USA hat man weniger Bedenken. Im Bundesstaat Arizona etwa bauten Ingenieure in einem Flussbett einen Staudamm aus alten Autoreifen. Inzwischen sind daraus regelrechte Biotope geworden, die über und über mit Pflanzen bewachsenen Reifen haben eine vielfältige Tierwelt angezogen.

Die mit Abstand originellste Verarbeitung ausrangierter Pneus wird aber in Afrika - wie auch in Südamerika - praktiziert. Dort schustern Handwerker aus Altreifen Sandalen. Aus dem Profil entstehen die Sohlen, und aus der Reifenwand die Riemen. "Für etwa 50 Cent ist ein solches Paar zu haben, besonders beliebt ist das robuste Schuhwerk bei den Bauern", berichtet Hans Peter Hahn, Ethnologe an der Universität Bayreuth. "Die Kasena im Süden Burkina Fasos nennen die Gummischuhe ironisch 'kar-kobi', was so viel bedeutet wie 'was das Auto zurückgelassen hat'." Auf dieser Entwicklungsstufe im Reifenleben ist es dann auch unerheblich, ob auf diesem Gummi früher einmal einen Porsche oder einen Panda über die Autobahn rollte. Und auch die Frage nach der Reifenmarke oder der Wintertauglichkeit ist dann nicht mehr wichtig.



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