Schneeketten Stählerne Rutschversicherung

Wer im Winter mit dem Auto in die Berge fährt, sollte das nicht ohne passende Ausrüstung tun: Schneeketten sind der beste Schutz vor durchdrehenden Reifen und ungewollten Rutschpartien.


So mancher Fluch wurde ungehört ins Tal geweht: Das Kettenaufziehen sollte man zu Hause üben
GMS

So mancher Fluch wurde ungehört ins Tal geweht: Das Kettenaufziehen sollte man zu Hause üben

Welcher Skiurlauber kennt das nicht: Blech-Karawanen, die sich nervtötend langsam ("Heute kommen wir nicht mehr auf die Piste") die Serpentinen zum Wintersportort hinaufquälen. Schneegestöber am Anreisetag ("Das gibt morgen besten Pulverschnee!"). Und immer wieder stehen gebliebende Autos mit durchdrehenden Rädern (und Flachland-Kennzeichen, die mit B, HH oder K beginnen), die offenbar keine Schneeketten im Gepäck haben.

Wer ohne Ketten ins Gebirge fährt, handelt mitunter grob fahrlässig. Selbst dann, wenn man jahreszeitengemäß Winterreifen aufgezogen hat. "Winterreifen sind kein Ersatz für Schneeketten", sagt Steffan Kerbl vom ÖAMTC, der für den österreichischen Automobilclub regelmäßig umfangreiche Schneeketten-Tests durchführt. "Auch mit den besten Reifen kann man schnell in Situationen kommen, wo nichts mehr geht." Solche Situationen ergeben sich vor allem in Gebirgsregionen. Dort sind Schneeketten auf vielen Strecken sogar Pflicht, ein blaues Verkehrsschild mit einem Ketten-Reifen weist darauf hin. Wer hier ohne unterwegs ist, riskiert, neben allen Gefahren, empfindliche Strafen.

Doch auch auf Straßen ohne blaue Schilder kann die Weiterfahrt ohne Schneeketten halsbrecherisch sein - oder einfach unmöglich. Zum Beispiel, wenn man bei einem Berganstieg in ein plötzlich auftauchendes Schneefeld auf der Straße fährt und wegen eines Hindernisses oder eines Stau-Endes bremsen und stehen bleiben muss. Dann kommen auch Autos mit Winterreifen an ihre Grenzen, weil selbst die besten Profile und Gummimischungen auf glattem Untergrund am Hang ein schweres Auto nicht mehr nach vorne bringen können.

In solchen Momenten lohnt es sich, wenn der Fahrer vor Reisebeginn seine "Trockenübungen" gemacht und bereits zu Hause auf der Garagenauffahrt probeweise die Schneeketten angelegt hat. Schon so mancher Fluch wurde ungehört ins Tal geweht, wenn Fahrer versuchten, im Schneegestöber, bei Wind und eisigen Temperaturen mit klammen Fingern die Gebrauchsanleitung zu entziffern und die Kette auf schneeverklebte Reifen zu spannen. Allerdings ist das Anbringen der stählernen Ketten heute längst nicht mehr so ein Fummelkram wie früher. Die meisten Ketten werden mit wenigen Handgriffen über den Reifen gestülpt und festgezurrt.

Beim Aufziehen sind einige Punkte zu beachten: Zunächst sollte man die richtige Größe dabei haben. Wer sich zum Beispiel vom Nachbarn Ketten geliehen hat, weil der auch einen Wagen der Marke XY fährt, kann eine böse Überraschung erleben, wenn er erst einmal auf Knien im Schnee vor dem Radkasten sitzt. Die exakte Reifenbezeichnung, die auf der Seite eines jeden Pneus steht (zum Beispiel 195/65-R15), ist ausschlaggebend für die Wahl der richtigen Schneekette.

Wer im Baummarkt ein besonders günstiges Angebot sieht, sollte darauf achten, keine so genannte Leiter-Kette zu kaufen. Diese Billigketten, die auf dem Reifen wie eine rundum gebundene Strickleiter aussehen, erfüllen zum Beispiel nicht die strenge Ö-Norm für das Fahren auf Österreichs Straßen. Aus gutem Grund: "Solche Ketten geben dem Auto in Kurven keinen Halt, vermitteln keine Seitenführungskräfte", sagt ÖAMTC-Experte Steffan Kerbl. Daher sind die meisten Markenprodukte "Spurkreuzketten", bei denen die Kette im Zickzack-Muster über den Reifen läuft. Kaufen ist mitunter gar nicht sinnvoll: Wer nur ein-, zweimal im Jahr in die Berge fährt, sollte sich Ketten leihen. Das ist wesentlich günstiger.

Sind die richtigen Schneeketten an Bord, sollte man beim Montieren darauf achten, die Ketten keinesfalls zu fest anzuziehen. Schneeketten müssen am Reifen noch etwas Spielraum haben und beweglich sein. Sonst besteht die Gefahr, dass immer das gleiche Kettenglied auf denselben Profilblock drückt und somit Reifen und Schneekette Schaden nehmen. Ganz falsch ist daher auch das Vorgehen, das Auto mit dem Wagenheber aufzubocken, etwas Luft aus den Reifen zu lassen, die Ketten ultrafest zu ziehen und später an der Tankstelle den Luftdruck wieder zu erhöhen. Pneus im Ketten-Korsett - da kann man die Reifen hinterher fast wegwerfen.

Ein entscheidender Hinweis: Die Ketten immer auf die angetriebenen Räder aufziehen. Bei Wagen mit Allradantrieb hilft ein Blick in die Betriebsanleitung. Als Faustregel für klassische Geländewagen allerdings gilt: Ketten immer auf die Hinterachse, um größtmögliche Stabilität zu gewähren. Bei Allradfahrzeugen, die primär Frontantrieb haben (zum Beispiel Audi Quattro), müssen die Ketten entsprechend auf die Vorderreifen gezogen werden. Denn auch für Allradfahrzeuge gilt Kettenpflicht.

Sind die Schneeketten korrekt montiert, empfiehlt sich bei den meisten Modellen ein Nachziehen nach wenigen Kilometern - spätestens auch dann, wenn die Kette an den Radkasten schlagen sollte. Es gibt allerdings auch Ausführungen, die sich beim Anfahren selbst spannen. Die Ketten bleiben am besten solange drauf, bis wieder Asphalt erreicht ist. Die zulässige Höchstgeschwindigkeit beträgt für Autos mit Schneeketten laut Straßenverkehrsordnung auch unter günstigen Umständen 50 km/h.

Ist die Straße schließlich wieder frei, sollten die Ketten sofort wieder abmontiert werden - auch wenn es bis zum nächsten verschneiten Anstieg nur ein paar Kilometer sind. Wer mit Ketten über den harten Straßenbelag rasselt, schadet Reifen, Ketten und Auto. In den Bergen sollten selbst sehr vorsichtige Autofahrer erst dann Ketten anbringen, wenn eine entsprechende Situation gegeben ist. Experten raten dringend davon ab, einfach mal vorsichtshalber Schneeketten aufziehen, wenn etwa die ersten Flocken die Straße weiß färben.

"Bei Schneematsch und Glatteis zum Beispiel helfen Schneeketten kaum", sagt ÖAMTC-Sprecher Steffan Kerbl. Zweck der Fahrhilfen sei ja, sich mit den Kettengliedern in den Schnee zu krallen und ein Wegrutschen des Reifens zu unterbinden. Im nassen Schneematsch hingegen gibt's nichts zum Krallen, und hartes Eis wiederum leistet zu viel Gegenwehr, als dass Schneeketten signifikante Vorteile beim Fahren bieten könnten.



© SPIEGEL ONLINE 2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.