Soft- und Hardware im Auto Prozessoren empfinden keinen Stress

Träumen Autoingenieure von der Zukunft, träumen sie von Nullen und Einsen: Elektronik ist für die Hersteller und Fachleute längst zur Schlüsseltechnologie geworden, in ihr stecke das weitaus größte Potenzial für gewinnträchtige Neuerungen.


Audi-Studie Nuvolari quattro (Genf 2003) : Computergesteuerte LED-Scheinwerfer

Audi-Studie Nuvolari quattro (Genf 2003) : Computergesteuerte LED-Scheinwerfer

München/Limburg - Ohne Elektronik käme heute kaum ein Auto mehr vom Fleck. Ob Zündung oder Motorsteuerung, Sicherheitssysteme wie ABS und ESP oder Komfort-Extras wie Parkassistent und Satellitennavigation - elektronische Helfer steuern im modernen Fahrzeug nahezu alle wesentlichen Funktionen. Doch was Autofahrer heute unter "Hightech" verstehen, ist nur der Anfang einer rasanten Entwicklung: Immer mehr Hard- und Software-Komponenten werden Autos in Zukunft zu wahren rollenden Rechenzentralen machen.

"In der Elektronik steckt das weitaus größte Potenzial für gewinnträchtige Neuerungen", sagt der Branchenbeobachter Nick Margetts vom Marktforschungsinstitut Jato Dynamics in Limburg. Um Vorteile im Wettbewerb zu erzielen, fassen die Hersteller neben der Hardware zunehmend den Software-Bereich ins Auge: "Software im Zusammenspiel mit elektronischen Komponenten wird der Entwicklungsfaktor Nummer eins im Automobilbau sein", sagt Burkhard Göschel, Entwicklungsvorstand bei BMW in München.

Bei Audi in Ingolstadt teilt man diese Einschätzung. Elektronik sei längst zu einer "Schlüsseltechnologie" geworden - und ihre Bedeutung nehme weiter zu: "In den Fahrzeugen von morgen werden 90 Prozent aller Innovationen von Elektronik geprägt sein." Dieser Trend lässt sich auch an der Leistungsfähigkeit der Elektronik absehen. Sie verdeutlicht laut Audi auch die fortschreitende Software-Integration. So verfüge etwa der aktuelle A8 über 90 Megabyte Speicher, das Vorgängermodell habe nur drei Megabyte besessen. Die Rechenleistung in Autos sei seit 1990 sogar um das Zehnmillionenfache gestiegen.

Chips müssen zuverlässig sein

Verglichen mit dem klassischen IT-Bereich - etwa den Heim-PCs - hängt die Entwicklung bei den Autoherstellern zwar immer noch um Jahre zurück. Laut Nick Margetts müssen im Auto verbaute Prozessoren aber auch gar nicht die allerschnellsten sein. Vielmehr komme es auf ihre Zuverlässigkeit an: Die Onboard-Elektronik müsse über Jahre in einem "aggressiven Umfeld" aus Kälte, Hitze und Schmutz bestehen. "Ein zuverlässiger Chip darf auch länger im Auto eingebaut werden, wenn er in der PC-Welt schon ein Ladenhüter wäre", erklärt Margetts.

Ein Beispiel für die künftige Nutzung der Potenziale von Software im Auto sieht BMW-Vorstand Göschel in einem vollvariablen Dämpfungssystem. Per Programm wird es in Echtzeit an die jeweilige Fahrsituation angepasst. Auch ließen sich durch elektronische Vernetzung aktiver Sicherheitssysteme - etwa des Stabilitätssystems mit der Aktivlenkung - weitere Sicherheitspotenziale erschließen.

Audi-Sprecher Josef Schloßmacher nennt als Beispiel ebenfalls die Vernetzung von Fahrerassistenzsystemen: "Hier stehen wir erst am Anfang zahlreicher spannender Entwicklungen zu Gunsten von aktiver Sicherheit und Komfort." Auch Branchenexperte Margetts hält das Potenzial der Elektronik im Bereich Sicherheit noch lange nicht für erschöpft: "Der Mensch ist einfach nicht schnell oder genau genug, um bestimmte kritische Vorgänge physisch durchzuführen, wie ein Computer das kann. Prozessoren empfinden keinen Stress, sondern behalten einen kühlen, kalkulierenden Kopf auch in Notsituationen."

Software zum Nachrüsten

Margetts erwartet neue Entwicklungen vor allem auf dem Gebiet des Nahbereich-Radars. Dafür hat die EU erst jüngst einen Frequenzbereich freigegeben. Zudem würden die Fahrzeuge "kommunikativer": Die Autos der Zukunft meldeten sich nicht nur bei Unfällen bei einer Zentrale, sondern stellten auch technische Probleme fest und übermittelten sie an die Werkstatt. Audi-Sprecher Schloßmacher nennt als weiteres Beispiel die Steuerung neuer Lichttechnologien wie LED-Scheinwerfer.

Bei BMW hofft man zudem auf ein neues Geschäftsfeld. So könnte Software künftig auch als nachträgliche "Sonderausstattung" verkauft werden. Denkbar sei es zum Beispiel, per Software-Update das Motorsteuergerät oder die Fahrwerksabstimmung sportlicher auszulegen. Gebrauchtwagenkäufer könnten auf diese Weise außerdem ihren BMW auf einen technisch neueren Stand bringen. Bislang, so BMW-Sprecher Michael Blabst, sei diese Idee jedoch noch eine Vision.

Eine wichtigere Aufgabe sehen die Hersteller zunächst darin, die immer komplexer werdenden elektronischen Netzwerke im Fahrzeug zu vereinheitlichen und zuverlässig zu gestalten. "Standardisierung ist eine der vordringlichsten Aufgaben", bestätigt Audi-Sprecher Schloßmacher.

Ein Steuergerät für alle

Laut BMW-Vorstand Göschel arbeiten in einem Oberklasse-Fahrzeug heute rund 80 verschiedene Steuergeräte für Motor, Getriebe oder Bremsen, die in ein Gesamtsystem einzubetten sind. Denn immer öfter greifen unterschiedliche Steuergeräte auf die Daten eines einzelnen Sensors zu. Komplizierter wird die Sache dadurch, dass Steuergeräte oft von verschiedenen Zulieferern kommen, die zudem unterschiedliche Steuercodes und Schnittstellen verwenden.

Um diese Probleme anzugehen, haben beispielsweise BMW und Audi eigene IT-Fachabteilungen gegründet. Bei der BMW CAR IT und im Audi Elektronik Center tüfteln Spezialisten etwa an einer vereinfachten Elektronik-Infrastruktur, an standardisierten Schnittstellen und an einem modularen, offenen Aufbau von Software-Komponenten. In zwei bis drei Jahren will BMW laut Sprecher Blabst so weit sein, dass auf der gleichen Hardware - etwa einem einheitlichen Steuergerät, das in mehreren Baureihen verwendet wird - unterschiedliche Software läuft.

Wie sie mit einem grundlegenden Dilemma des Elektronik-Fortschritts umgehen, dafür haben die Autohersteller aber noch keinen Plan. Denn laut Marktforscher Margetts zahlen Kunden erst dann für technische Neuerungen, wenn sie sich vom Nutzen praktisch überzeugen können. Daher haben selbst brillante Entwicklungen manchmal einen schweren Start - schließlich sind sie unsichtbar und ihre Wirkung oft nur in absoluten Grenzsituationen zu bemerken.

Von Felix Rehwald, gms



© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.