Warnsystem Mercedes macht müde Fahrer munter

Jeden vierten tödlichen Autobahnunfall verursacht ein übermüdeter Autofahrer. Nach ESP und ABS widmen sich daher die Forscher Warnsystemen, die Schläfrigkeit erkennen. Mercedes versucht sich an einem System, das möglichst günstig sein soll.


Haigerloch - Mercedes will müde Autofahrer aufrütteln. Der Stuttgarter Autobauer entwickelt ein System, das die Aufmerksamkeit und Konzentration des Fahrers überwachen und ihn zur Pause auffordern soll, bevor ihm die Augen zufallen. Das teilte das Unternehmen bei einer Veranstaltung in Haigerloch in Baden-Württemberg mit. Wann das Warnsystem eingeführt wird, in welchen Modellen es zum Einsatz kommt und was es kosten soll, steht noch nicht fest. Allerdings machten die Entwickler deutlich, dass sie noch mindestens zwei bis drei Jahre bis zur Fertigstellung brauchen.

Warnsystem in der Testphase: Mercedes' Forscher analysieren Elektroenzephalogramme und Fahrdynamikdaten

Warnsystem in der Testphase: Mercedes' Forscher analysieren Elektroenzephalogramme und Fahrdynamikdaten

Mit dem System reagiert Mercedes laut Thomas Breitling, der die Entwicklung der aktiven Sicherheit verantwortet, auf Erkenntnisse aus der Unfallforschung. Danach gehen zwischen 10 und 20 Prozent aller schweren Unfälle auf Übermüdung zurück. In Deutschland sind das zwischen 33.000 und 67.000 Unfälle pro Jahr. Laut den Versicherungen ist Müdigkeit die Ursache für jeden vierten tödlichen Autobahnunfall.

Während bisherige Forschungsansätze als Indikator für die Müdigkeit vor allem die Frequenz der Lidschläge nutzen, will Mercedes weitere Faktoren zur Bewertung der Leistungsfähigkeit heranziehen. So sollen aus Verkehrssituation, Fahrtdauer und Tageszeit Rückschlüsse auf die Müdigkeit gezogen werden, insbesondere sollen Fahrdynamikdaten analysiert werden. Dabei wird zum Beispiel das Lenk- und Bremsverhalten beobachtet: Ein Alarm könnte ausgelöst werden, wenn der Fahrer längere Zeit die Lenkung nicht bewegt. Dafür wollen die Entwickler Sensoren nutzen, die ohnehin im Fahrzeug vorhanden sind.

Bei Übermüdung hilft nur Schlafen

Bei ersten Testfahrten mit Probanden im Simulator und auf der Autobahn habe sich das System bereits bewährt, sagte Breitling. Er hoffe, dass es auch ohne die bei Brillenträgern erschwerte und wegen der Kamera teuren Lidschlagkontrolle auskommt. "Dann gelingt es uns vielleicht, die Kosten so weit zu drücken, dass so ein System schnell sogar serienmäßig angeboten werden kann", sagte der Forscher.

Erkennt das System eine zunehmende Müdigkeit, soll es den Fahrer laut Breitling zur Pause auffordern. Von Ansätzen, ihn mit frischer Luft, lauter Musik, einer tieferen Temperatur in der Klimaanlage oder einer speziellen Beleuchtung wach zu halten, hält er nichts: "Wer übermüdet ist, dem hilft nur eines: eine Pause machen und schlafen."

Auf der Nutzfahrzeuge-Messe IAA in Frankfurt hat der Zulieferer Siemens VDO in diesem Jahr bereits einen elektronischen Einschlafwarner, das "Driver Attention System", vorgestellt. Dabei wird der Lkw-Fahrer mittels einer Infrarot-Digitalkamera ständig überwacht: Lidschlag, Kopfhaltung und Blickrichtung geben Aufschluss, ob Übermüdung droht. Gegebenenfalls wird der Fahrer per Vibration und Alarmsignal gewarnt. Das System sei auch in jedem Pkw einsetzbar, teilte das Unternehmen mit.

abl/gms



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