Von Ansbert Kneip
Auf den ersten Blick sieht es hier aus wie beim Kindergeburtstag: Acht Kinder sitzen um einen Tisch, die Jungs auf der einen, die Mädchen auf der anderen Seite. Sie sind neun oder zehn Jahre alt, nur Emma, die jüngste, ist erst sieben. Auf dem Tisch stehen Säfte, es gibt Salzstangen, Kekse und Gummibärchen. Alle Erwachsenen sind ungeheuer freundlich und schleppen Süßigkeitennachschub herbei. Man merkt: Die Kinder sind heute die Hauptpersonen.
Doch das hier ist kein Geburtstagsfest. Die acht werden gleich ein brandneues Spiel für den Nintendo DS in die Hand gedrückt bekommen, und dann sollen sie mal drauflosspielen, darum geht es. Und die Erwachsenen passen sehr, sehr genau auf, wie viel Spaß die Kinder dabei wirklich haben. Denn wenn sie sich langweilen, meckern oder nicht zurechtkommen, dann ist etwas schiefgelaufen.
Jakob, Henry, Emil, Leo, Charlotte, Inga, Emma und Daiana sitzen in einem Testlabor bei "dtp Young entertainment" in Hamburg. Das ist eine Firma, die Spiele für Computer und den DS herstellt.
Ein Musik-Lernspiel? Das könnte klappen
Heute wird "Musik für Kids" getestet, darin kann man trommeln, Flöte und Klavier spielen und - wenn es gut läuft - nebenher etwas über Instrumente und Noten erfahren.
Aber erst mal läuft's nicht gut. Die Tester sollen ihren Namen eintippen. "Charlotte passt nicht rein. Ich müsste mich mit nur einem t schreiben", sagt Charlotte.
Das ist natürlich blöd: Das Spiel hat noch gar nicht richtig angefangen, und schon gibt es erste Kritik. "Kannst du nicht einen Spitznamen hinschreiben?", schlägt Alexandra Mika vor. Die ist 27 Jahre alt und arbeitet als "Junior Producer". Das heißt: Sie hat die Oberaufsicht über die gesamte Entwicklung des Spiels.
Etwa sechs Monate bevor die ersten Test-Kinder eingeladen werden, hat Mika mit den Planungen angefangen. "Bevor wir was Neues auf den Markt bringen, schauen wir uns erst einmal an, was es alles schon gibt", sagt sie, "Dann überlegen wir, wo eine Lücke ist."
Ein Spiel, in dem man Tiere streicheln muss? Davon gibt es schon jede Menge. Was mit Vampiren vielleicht? Hat Mikas Firma selbst im Angebot. Auch nicht neu. Aber ein Musik-Lernspiel? Das könnte klappen.
Kinder lesen nämlich nicht gern das Handbuch, sie wollen sofort losdaddeln
Dann hat Mika Aufträge verteilt, und ein paar Wochen später lag auf ihrem Schreibtisch ein Stapel Papier: der erste Entwurf. Darin stand, wie "Musik für Kids" gehen könnte: Man macht eine Weltreise, und in jedem Land kann man etwas über typische Instrumente erfahren und darauf herumspielen. Also Bongos schlagen in Brasilien, Panflöte spielen in Peru. Und ein süßes Schaf soll mitmachen, die Spielfigur begleiten und freche Kommentare abgeben.
Danach legten die Entwickler los. In einer dicken Mappe wurde ganz genau beschrieben, was an welcher Stelle des Spiels passiert, wenn man klickt oder eine Taste drückt, Figuren wurden gezeichnet, Töne ausgesucht. Eine Geige soll ja schließlich auch wie eine Geige klingen, selbst wenn sie aus dem winzigen DS kommt.
Und noch etwas, sagt Mika, sei ganz wichtig für ein Kinderspiel: "Jede Aufgabe, die der Spieler erledigen soll, muss einmal vorgeführt werden." Kinder lesen nämlich nicht gern das Handbuch, sie wollen sofort losdaddeln.
Der Entwurf für die Verpackung sieht zu wenig nach Spaß aus
Mittlerweile ist "Musik für Kids" also so weit, dass Mika ein paar Level zeigen kann. Die Kinder sitzen im Testlabor, drücken Tasten und klopfen auf dem Bildschirm herum. Mika und ihre Kollegen schauen ihnen über die Schulter. Sie wollen wissen, ob das Spiel an manchen Stellen zu schwer ist - und ob die Spieler sich überhaupt zurechtfinden. Wer nämlich ein anderes Instrument ausprobieren will und nicht weiß, wo er dafür klicken muss, würde schnell die Lust verlieren. Eine gute Stunde dauert der Versuch. Nur Emma, die Jüngste, hat schon etwas eher aufgegeben. Sie würde ohnehin lieber etwas haben, wo man sich um Tiere kümmert, sagt sie. Und die Gummibärchen sind auch schon alle.
Damit "Musik für Kids" überhaupt gekauft wird, wenn es Ende März auf den Markt kommt, muss es ein tolles Cover haben, sagt Mika. Und das ist schwierig: Damit Eltern ein Lernspiel kaufen, muss es ein bisschen nach Arbeit aussehen. Auf einem Mathe-Spiel müssen Zahlen stehen, auf einem Deutsch-Spiel Buchstaben und auf einem Musik-Spiel Instrumente und Noten. Und so sieht der Entwurf für die Verpackung auch aus: nach Arbeit.
Kinder wollen aber etwas, das Spaß verspricht. Deshalb malen Hersteller zum Beispiel einen schlauen Fuchs dazu oder einen lustigen Professor.
"Das Schaf muss aufs Cover", verlangen die Kinder für ihr Testspiel. Mika überlegt.
Ein paar Wochen später hat die Firma sich entschieden: Die Verpackung wird neu gestaltet. Mit Schaf.
Dieser Text ist ein Beitrag aus "Dein SPIEGEL - einfach mehr wissen", dem Nachrichtenmagazin für neugierige Kinder. Dein SPIEGEL berichtet über Politik und Kultur, über Themen aus Natur und Technik, über Sport und Spannendes aus aller Welt - immer unterhaltsam für junge Leser erzählt und erklärt. Das Inhaltsverzeichnis gibt es hier, bekommen kann man das Heft hier- und überall im Zeitschriftenhandel.
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