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15.06.2010
 

Politik

Flucht nach Deutschland

Von Boris Breyer

In einem Heim in Bayern lebt Roknudin zusammen mit vielen jungen Flüchtlingen aus der ganzen Welt. Er hat Glück: Er darf im Land bleibenZur Großansicht
SLAVICA

In einem Heim in Bayern lebt Roknudin zusammen mit vielen jungen Flüchtlingen aus der ganzen Welt. Er hat Glück: Er darf im Land bleiben

Der 13-jährige Roknudin schlug sich allein von Afghanistan nach Deutschland durch. Seine Eltern schickten ihn. Sie hoffen, dass er hier eine bessere Zukunft hat.

Das neue Zuhause von Roknudin ist klein und nicht sehr gemütlich: drei schmale Betten, ein Schrank, ein kleiner Tisch. Keine Spielzeuge, keine Kuscheltiere, keine Bettwäsche von Bayern München und auch keine Poster an den Wänden. Mit zwei Jungs teilt er sich das Zimmer. Und doch ist Roknudin froh, hier zu sein, in einem Haus für Kinderflüchtlinge in Bayern.

Roknudin ist 13 Jahre alt und hat ein schmales Gesicht mit großen, dunklen Augen. Er stammt aus Afghanistan, er kam allein ohne seine Eltern nach Deutschland, und natürlich hat er oft Heimweh. Aber gleichzeitig will er auf keinen Fall zurück: In seinem Land herrscht Krieg. Und weil Roknudin krank ist, benötigt er besondere Medikamente. Aber die gibt es in Afghanistan nicht.

"Geh nach Europa, und komm nicht zurück", hatte seine Mutter beim Abschied gesagt. Sie umarmten sich, beide weinten. Man spürt, dass Roknudin nicht gern davon erzählt. Er muss sich dann immer sehr zusammenreißen, um nicht zu weinen.

Bis zum letzten Sommer lebte der Junge in Baghlan, einer Gegend im Norden Afghanistans. Er spielte mit den anderen Jungen aus dem Dorf, sie ließen gemeinsam Drachen steigen, rote und grüne, mit langem Schwanz. Aber wenn die anderen Fußball spielen wollten, musste Roknudin am Rand stehen: Er geht auf Krücken, das linke Bein ist verkrüppelt und steif.

Roknudin leidet an einer seltenen Blutkrankheit, Hämophilie. Wenn er sich verletzt, fließt das Blut immer weiter aus der Wunde, es bildet sich von allein keine Kruste. Stößt er sich - und das passiert ihm, wie allen anderen Kindern, oft - sammelt sich Blut in seinen Gelenken. Deshalb kann er das linke Bein nicht mehr richtig bewegen. Wenn er nicht regelmäßig eine Spritze bekommt, schwebt er in Lebensgefahr. In Afghanistan wäre Roknudin wahrscheinlich bald gestorben. Es gibt zu wenige Ärzte, Medikamente, Krankenhäuser. Besonders das für Roknudin lebensnotwendige Medikament ist sehr teuer.

Roknudins Vater war Taxifahrer, er verdiente nicht viel. Die Familie verkaufte zuerst das Taxi, dann ihr Haus. Von dem Geld konnten sie eine Weile die Medikamente bezahlen. Aber irgendwann war das Geld aufgebraucht. "Wenn ich in Afghanistan geblieben wäre, dann hätten die Ärzte mir mein Bein abnehmen müssen", erzählt Roknudin.

Allerdings ist es für einen Jungen aus Afghanistan gar nicht einfach, nach Europa zu kommen. Die Staaten in Europa, auch Deutschland, verlangen eine Einreiseerlaubnis. Sie wollen verhindern, dass zu viele Flüchtlinge in ihr Land kommen. Wer ohne gültige Papiere reist, der wird wieder zurückgeschickt.

"Ich hatte keine Erlaubnis", erzählt Roknudin. Seine Familie sah sich deshalb nach anderen Wegen um: Manchmal fliegen Hilfsorganisationen kranke Kinder in europäische Kliniken, das wäre eine Möglichkeit. Die andere: Für viel Geld können Schmuggler einen über die Grenzen bringen, manchmal auch mit gefälschten Ausweisen.

Wie Roknudin es schaffte, möchte er nicht erzählen. Er hat Angst, dass er etwas Falsches sagt und die Deutschen ihn dann zurückschicken. Fest steht, dass Roknudin mit einem Auto ins Nachbarland Pakistan gebracht wurde. Von dort kam er mit dem Flugzeug nach Ungarn. Das liegt immerhin schon einmal in Europa.

Als er dort ankam, hatte Roknudin Angst, alles war fremd, er konnte die Sprache nicht. "In Europa können sie mich heilen", sagte er sich tapfer. Die Grenzbeamten brachten ihn in ein Krankenhaus, er wurde versorgt, aber nach ein paar Tagen kam ein Dolmetscher und sagte ihm, er müsse Ungarn wieder verlassen: "Wir können für deine Medikamente nicht bezahlen. Geh zurück nach Afghanistan."

Da beschloss Roknudin, noch einmal zu flüchten. In der Hosentasche trug er einen Zettel mit der Adresse eines Onkels in München, also verließ er mit seinen Krücken das Krankenhaus, humpelte zum Bahnhof, stieg in einen Zug nach München und versteckte sich vor den Schaffnern.

Erst in Deutschland, kurz vor München, fiel auf, dass der Junge keinen Fahrschein und keine Einreiseerlaubnis hatte. Die Polizei nahm ihn fest und brachte ihn in ein Heim für Kinderflüchtlinge. Das ist jetzt sein neues Zuhause.

Eigentlich müsste Roknudin zurück nach Afghanistan. Doch er hat Glück: Weil er so krank ist, bekam er vor ein paar Wochen eine Ausnahmegenehmigung. Für ein Jahr darf er bleiben, vielleicht sogar für länger. Und seine Krankheit wird auch behandelt.

Wie alle Flüchtlingskinder muss er einen Deutschkurs machen. "Darüber freue ich mich sehr", sagt er. Mittlerweile ist er sogar schon der Beste in seiner Klasse, die Betreuer loben ihn für seinen Fleiß. "Ich will hier etwas lernen, dann kann ich arbeiten und meiner Familie Geld schicken", sagt er.

Roknudin sagt ganz oft "danke". Zu seinen Lehrern, zu den Betreuern und sogar auch, wenn man ihn interviewt. Er weiß, dass er großes Glück gehabt hat. Obwohl seine Krankheit nie ganz geheilt werden kann. Und obwohl sein Heimweh nie aufhören wird.

Dieser Text ist ein Beitrag aus "Dein SPIEGEL - einfach mehr wissen", dem Nachrichtenmagazin für neugierige Kinder. Dein SPIEGEL berichtet über Politik und Kultur, über Themen aus Natur und Technik, über Sport und Spannendes aus aller Welt - immer unterhaltsam für junge Leser erzählt und erklärt. Das Inhaltsverzeichnis gibt es hier , bekommen kann man das Heft im SPIEGEL-Shop - und überall im Zeitschriftenhandel.

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