Wenn ich meine Kindheit mit einem Satz beschreiben sollte, dann würde er so lauten: "Ich war ein anderer unter Gleichen." Das heißt: Mein Alltag war anders als der von anderen Kindern. Nicht immer und nicht in allen Dingen, aber oft genug. Mein Vater war ein berühmter Politiker: Helmut Kohl, Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz, CDU-Parteivorsitzender und später sogar Bundeskanzler. Andere Kinder sahen oft in mir nicht den Walter, ihren Mitschüler, sondern zumeist "den Sohn vom Kohl".
An meinem ersten Schultag spürte ich zum ersten Mal, dass ich anders war. Oder besser gesagt, dass die Mitschüler mich für etwas anderes hielten. Schon in der ersten Pause fingen die Kinder an, meinen Vater zu beschimpfen. Ihre Eltern mochten wohl die Politik von Helmut Kohl nicht. Aber ich verstand nicht, was ich damit zu tun haben sollte.
Heute würde man so etwas Mobbing nennen, damals gab es dieses Wort noch nicht. Aber das Verhalten war das Gleiche: Heute kommt vielleicht jemand aus einem anderen Land in eine Klasse, oder jemand sieht anders aus - und diese Kinder werden gehänselt und in die Ecke gestellt. Bei mir war das eben so, weil ich aus einer Politikerfamilie kam.
Die Eltern halfen nicht, die Lehrerin schlug zu
Kinder, die gemobbt werden, müssen sich wehren. Man darf sich nicht zu einem Opfer machen lassen. Ein muslimisches Kind zum Beispiel ist nicht verantwortlich für all das, was Muslime irgendwo auf der Welt machen. Es darf sich das auch nicht einreden lassen. Und ich, Walter Kohl, damals sechs Jahre alt, hatte nun wirklich nichts zu tun mit der Politik von Helmut Kohl, dem Ministerpräsidenten.
Aber das kann ich heute sagen, damals war mir das nicht so klar. Heute weiß ich auch, dass man sich einem Erwachsenen anvertrauen soll.
Damals hätte ich nicht gewusst, zu wem ich hätte gehen können. Meine Eltern konnten mir nicht helfen. Es gab in der Schule keine Vertrauenslehrer. Und die Klassenlehrerin? Die war streng: Am ersten Schultag hatte es in der Pause sogar eine Schlägerei gegeben, weil die anderen Kinder so über meinen Vater gelästert hatten. Die Lehrerin gab mir die Schuld daran, ohne viel zu fragen. Sie schlug mir sogar mit der Stahlkante des Lineals auf die Fingerkuppen. Damals kamen Schläge in der Schule noch oft vor, besonders bei dieser Lehrerin. Die war keine große Hilfe für mich.
In meiner Klasse saßen mehr als 40 Schüler. Damit so viele Kinder ruhig blieben, ging es immer sehr streng zu. Wir Kinder sollten funktionieren - und nicht Probleme machen.
Als ich den ersten Schultag hinter mir hatte, war ich sehr unglücklich. Warum bin ich anders als die anderen Kinder? Was ist falsch an mir? Ich grübelte, aber erkannte nicht, dass es gar nicht um mich persönlich ging. Es ging um meinen Familiennamen. Mit den Jahren wurde dieses Problem immer schlimmer.
Leben in einer Wohnfestung
Schließlich bastelte ich mir sogar eine Art Waffe: einen Morgenstern aus Holz, den ich aus Ritterbüchern kannte. Benutzt habe ich ihn nie, aber es gab mir Sicherheit und das Gefühl, dass ich nicht mehr leicht angreifbar war. Das muss ich wohl ausgestrahlt haben: Meine Mitschüler ließen mich von da an in Ruhe. Heute weiß ich, dass man solche Situationen mit eigener innerer Stärke meistern kann.
Anfang der siebziger Jahre tauchte ein neues Problem auf: Eine Gruppe von Leuten gründete die Rote Armee Fraktion (RAF). Das waren linksextremistische Terroristen, die der deutschen Regierung den Krieg erklärten. Sie entführten Politiker und schossen auf wichtige Menschen im Staat.
Viele Leute in Deutschland hatten deswegen Angst vor Terrorismus. Aber meine Familie war wirklich bedroht, wir erhielten viele Morddrohungen. Bewaffnete Polizisten fuhren mich zur Schule. Erst am Schultor machten sie kehrt. Mir war das alles sehr peinlich.
Auf unserem Grundstück standen Kameras, Nachtsichtgeräte und Bewegungsmelder. Im Garten wurde eine fünf Meter hohe Mauer gebaut. Darauf kamen Panzerglasscheiben, um uns vor Angriffen mit Gewehren und vielleicht sogar Raketen zu schützen. Auch die Fenster meines Zimmers wurden schusssicher gemacht. Ich lebte in einer Wohnfestung.
Meine Mutter versuchte mich aufzumuntern und sagte: "Jetzt habe ich keine Angst mehr vor Einbrechern." Aber witzig fand ich das nicht. Irgendwie war es genauso wie ein paar Jahre zuvor mit den ersten Klassenkameraden: Was hatten die Terroristen gegen mich? Für sie war ich doch nur der Politikersohn.
Lange mussten mein Bruder und ich allein spielen. Doch dann durften wir auf dem Nachbargrundstück einen tollen Turm aus alten Möbeln und Sperrholz bauen, ein echter Abenteuerspielplatz. Dort war ich Walter, das Kind.
Bei mir hat es lange gedauert, bis ich gelernt habe, dass man sich von den anderen und den Umständen nicht fertigmachen lassen darf. Einfach nur sauer auf sein Schicksal zu sein hilft nicht weiter, es macht einsam und unglücklich. Heute weiß ich, dass jeder Mensch eine eigenständige Person ist und dass man jedem mit Respekt begegnen muss. Heute weiß ich, dass niemand nur das ist, was die anderen in einem sehen.
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