Als ich ein Kind war "Ich hatte total Bock auf den Westen"

1989 fiel in Berlin die Mauer und mit ihr die Grenze, die Ost- und Westdeutschland in zwei Länder geteilt hatte. Sängerin Annett Louisan, 32, erzählt, wie sie als Zwölfjährige den Mauerfall erlebt hat.

Popstar Annett Louisan vor den Überresten der Berliner Mauer
Jaenicke

Popstar Annett Louisan vor den Überresten der Berliner Mauer


Es war der 9. November und schon ziemlich spät. Ich saß wie gebannt vor dem Fernseher: Tausende Menschen weinten da, fielen sich in die Arme und tanzten auf der Berliner Mauer. Mein Großvater saß neben mir und hatte Freudentränen in den Augen. Er konnte es einfach nicht glauben.

Aber er hatte auch ein wenig Angst: dass die Panzer des DDR-Staates oder der Russen kommen würden oder dass Polizisten die Menschen ins Gefängnis werfen. Denn bis dahin wurde jeder, der in den Westen fliehen wollte, eingesperrt - oder musste den Fluchtversuch sogar mit dem Leben bezahlen. Solche Geschichten hörte ich immer mal wieder.

Die Lehrer waren sehr streng. In der ersten Stunde hieß es immer: "Für Frieden und Sozialismus: Seid bereit!" Und die Klasse antwortete: "Immer bereit!" Was das bedeutete, wusste eigentlich niemand. Überhaupt haben wir sehr viel auswendig lernen müssen, ohne viel über die Bedeutung zu sprechen. Mickey-Mouse-T-Shirts durften wir bei Feiern und anderen offiziellen Festen nicht anziehen. Denn die kamen aus dem Westen, dem bösen Amerika. Auch manche Lehrer rümpften die Nase, wenn ich meins in der Schule trug.

Für meine Mutter war sofort klar: Wir ziehen in den Westen, von unserem Dorf Schönhausen in Sachsen-Anhalt in die Großstadt Hamburg. Und auch ich hatte total Bock auf den Westen. Schließlich hatten wir oft über die Teilung der beiden Staaten gesprochen, und wie schön es doch wäre, selbst entscheiden zu können, wo man lebt.

So viel kann man sich doch gar nicht kaufen!

Ich hatte zwar nie das Gefühl, dass mir was wirklich Wichtiges fehlen würde. Aber wir durften nicht einfach zu unseren Verwandten in den Westen reisen. Oder nach Mallorca fliegen. Das war eben nicht erlaubt. Und es gab bei uns viel weniger zu kaufen. Darum freute ich mich immer auf die Pakete von meiner Tante aus Hamburg: mit Milka-Schokolade, Wrigley's Spearmint, Coca-Cola und Nimm-2-Bonbons. In unserem Supermarkt, dem "Konsum", gab's nur alle drei Monate Bananen und nur eine Schokoladensorte.

Als ich dann zum ersten Mal in Hamburg war, traute ich meinen Augen nicht: So viel konnte man sich doch gar nicht kaufen! Ich war abends völlig fertig. Wie neulich, als ich eine Woche in New York war; da hatte ich dieses Gefühl wieder: so viele Farben und Gerüche, alles so riesig und von allem so viel.

In Hamburg habe ich mich schnell eingelebt. Die Kinos und die vielen Theater. Und Schallplatten an jeder Ecke zu kaufen. Ob ich in der DDR auch Sängerin geworden wäre? Schwer vorzustellen. Denn ich konnte im Westen so viel Erfahrung sammeln, auf Englisch singen, viele Leute treffen, die mit Musik zu tun haben. In der DDR hätte ich nicht so viele Möglichkeiten gehabt.

"Dein SPIEGEL - die Welt verstehen" ist das neue Nachrichtenmagazin für neugierige Kinder und soeben erschienen. Darin geht es um die Bundestagswahl, um Unterhaltsames, aber auch um Themen aus Natur und Technik sowie Reportagen aus aller Welt. Das Inhaltsverzeichnis gibt es hier, bekommen kann man das Heft hier - und überall im Zeitschriftenhandel.



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Seite 1
knickwitz 01.09.2009
1.
Nett, aber ich hätte es gut und richtig gefunden, dass den Kindern gesagt wird, dass - etwa beim sehr gelungenen Steinbrück-Interview - noch jemand anders anwesend war. Wer gehört denn zu der Hand, der nur halbherzig in der Hausmitteilung abgeschnitten ist? Ansonsten geht die Müllermilch-Werbung in einem Kinderheft gar nicht, denn sie ist wie ein redaktioneller Teil aufgemacht. Bei erwachsenen Heften ist das ja okay, aber die Kinder so zu verarschen finde ich nicht richtig. Eh, die Werbung. Es ist bestimmt nicht richtig, den Kindern schon Boss- und Mercedes-Werbung vorzusetzen.
aqualung 03.09.2009
2.
Zitat von sysop"Dein Spiegel", so heißt das neue Nachrichtenmagazin für Kinder. Wie gefällt Ihnen diese neue Zeitschrift?
Wow, wenn die Resonanz hier die Verkaufszahlen wiederspiegelt - dann hat der SPIEGEL wohl einen echten Mega-Flop gebaut Hoffentlich kommt jetzt demnächst nicht noch das "BILDchen"...
aqualung 04.09.2009
3.
Zitat von aqualungWow, wenn die Resonanz hier die Verkaufszahlen wiederspiegelt - dann hat der SPIEGEL wohl einen echten Mega-Flop gebaut Hoffentlich kommt jetzt demnächst nicht noch das "BILDchen"...
Wahrscheinlich sind die Verkaufszahlen noch schlechter als ich gestern abendgedacht habe...
Mirrorminder 06.09.2009
4. Einführungsheft zum satten Vollpreis!
Meinem 7,5-jährigen Sohn habe ich DEIN SPIEGEL gekauft. Sicherlich war das der Verkaufsförderung halber so geplant, hat ja auch funktioniert, hehe^^, obwohl es nicht gerade das ist, was man veritablen Service nennen möchte: 1.) Es fehlt jeglicher Hinweis auf einen Erscheinungsintervall. 2.) Wenn es sich also eher um einen Einführungsversuch handelt ist der Preis von 3,40 Euro zu weit, aber auch so schon weit überzogen. Schade, daß Sie da in dieselbe Kerbe schlagen wie Verblödungsschrottpapiere, wie Schwammkopf- und Pokemon-Mag. Ich bin Grafikdesigner und habe lange Zeit sowohl Gestaltung als auch Druckvorstufenoffensive gemacht und weiß, was die Produktion eines solchen Magazins kostet, mit dermaßen viel Werbung! 3.) es gibt keinerlei Altersempfehlung.
TheWalrus 08.09.2009
5.
Och, ich finde, selbst manche Erwachsene würden aus der Lektüre von Dein Spiegel viel lernen...
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