Leben mit Hartz IV Ein Kind verklagt die Regierung

Etwa zwei Millionen Kinder gelten in Deutschland als arm und leben von sogenannten Hartz-IV-Leistungen, zum Beispiel Sharon aus Dortmund. Jetzt prüft das Bundesverfassungsgericht, ob der Staat ihnen künftig mehr Geld geben muss - ein Beitrag aus dem Kinder-Nachrichtenmagazin Dein SPIEGEL.

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Hartz IV: Ein Kinderleben voller Verzicht
Sharons Zimmer ist ein richtiges Mädchenzimmer. Die Bettwäsche ist pinkfarben, an den Wänden hängen Poster von Miley Cyrus und vom "Wilden Kerl" Jimmy Blue Ochsenknecht, in den sich die Zwölfjährige ein bisschen verliebt hat. Auf dem Schreibtisch liegt ein Diddel-Maus-Ordner, in dem Sharon ihre selbstgemalten Bilder von Pferden und Gebirgslandschaften sammelt.

Auf den ersten Blick scheint alles ganz normal zu sein bei Sharon aus Dortmund. Aber das ist es nicht. Denn das Mädchen, das die sechste Klasse einer Hauptschule besucht, muss auf vieles verzichten, was für die meisten anderen Kinder ganz normal ist. Sharon würde beispielsweise gern Reitunterricht nehmen - aber das geht nicht. Sie wünscht sich, einmal mit ihren Eltern und den beiden Brüdern Toby und Jeremy in den Urlaub nach Bayern zu fahren - doch das ist unmöglich. Selbst der Besuch im Spaßbad ist nicht drin. "Meine Eltern sagen, das ist zu teuer", so Sharon.

Das Problem ist, dass ihre Eltern nicht genügend Geld haben. Sharons Mutter Katrin Kerber-Schiel ist arbeitslos, ihr Vater Joachim schleppt schwere Möbel im Lager eines Ikea-Marktes, verdient aber trotzdem zu wenig, um die Familie ohne zusätzliche Hilfe versorgen zu können. Die Kerber-Schiels haben daher Anspruch auf Geld vom Staat, sogenannte Hartz-IV-Leistungen. Für jedes Familienmitglied fließt monatlich eine bestimmte Summe aufs Konto, für Sharon etwa 251 Euro. Die Bundesregierung findet, dass das genug ist. Aber viele Hartz-IV-Empfänger sind da ganz anderer Meinung - so auch Sharons Eltern.

Deswegen sind sie jetzt vors Bundesverfassungsgericht gezogen, das ist das mächtigste Gericht Deutschlands. Voraussichtlich am Dienstag wird es sein Urteil bekannt geben, ob die Bundesregierung die Hartz-IV-Gelder für Kinder richtig berechnet hat. Es wird darüber entscheiden, ob 251 Euro pro Monat für Kinder wie Sharon ausreichen. Es ist eine sehr wichtige Entscheidung, denn es gibt in Deutschland etwa zwei Millionen Mädchen und Jungen, die von Hartz IV leben.

Diese Kinder müssen keinen Hunger leiden wie viele ihrer Altersgenossen in Afrika. Sie müssen auch nicht mit kaputten Klamotten in die Schule gehen. Das Geld, das ihre Eltern bekommen, reicht für das Nötigste. Mutter und Vater Kerber-Schiel zwacken sogar ein bisschen Taschengeld für Sharon ab. Von dem kauft sie sich zum Beispiel Stifte oder Pferdebücher. Aber wenn sie nun Nachhilfe in Mathe brauchte, dann hätten ihre Eltern kein Geld dafür. "Da ist es gut, dass ich fast nur Zweien und Dreien habe!", sagt Sharon.

Es sind aber nicht alle armen Kinder so gute Schüler wie Sharon. Und deswegen kritisieren viele Experten ganz besonders, dass die Bundesregierung beispielsweise für Nachhilfe kein Geld eingeplant hat. Die Experten sagen, dass viele arme Kinder deshalb vielleicht später selbst arbeitslos werden. Denn wer schlecht in der Schule sei, der finde auch irgendwann schwerer einen Job.

Politiker behaupten immer wieder, dass Hartz-IV-Empfänger nicht richtig mit Geld umgehen könnten. Sie müssten einfach besser sparen, dann reiche das Geld zum Beispiel auch für Nachhilfe. Aber das ist leicht gesagt.

Kürzlich ist bei Sharons Eltern der Wäschetrockner kaputtgegangen, da musste dann ein neuer her. Um das Gerät bezahlen zu können, sammelte die Familie sogar Flaschen, wegen des Pfandgelds.

Sharon verzichtete einige Wochen lang freiwillig auf ihr Taschengeld - und sagte ihrer Mutter, dass es okay sei, wenn der lange geplante Familienausflug ins Spaßbad erst einmal nicht stattfinde. Jetzt hofft sie, dass das Bundesverfassungsgericht in ihrem Sinne entscheiden wird. Das ist sehr wahrscheinlich, glauben Experten. Denn die Richter haben bei einem ersten Verhandlungstermin schon ein bisschen Kritik an den Rechenkünsten der Bundesregierung geäußert. Es ist eben nicht jeder so gut in Mathe wie Sharon.

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