SPD-Politiker Sigmar Gabriel "Es lohnt, sich einzumischen"

Für etwas zu kämpfen, tut gut, sagte SPD-Chef Sigmar Gabriel im Gespräch mit den Kinderreportern Nicolas, 10, und Dorothée, 11. Für Dein SPIEGEL, das Nachrichtenmagazin für neugierige Kinder, fragten sie den Politiker, warum er Frau Merkel beschimpft und wie es dem Eisbären Knut heute geht.

dpa

Dein SPIEGEL: Herr Gabriel, sind Sie Politiker geworden, weil Sie reich werden wollten?

Sigmar Gabriel: Nein, dann müsste ich etwas anderes machen. Politiker verdienen viel weniger als die meisten Firmenchefs. Eigentlich bin ich Lehrer. Aber ich bin dann doch Politiker geworden, weil ich früh gemerkt habe, dass es lohnt, sich einzumischen. Es war so: Als ich jung war, haben wir uns bei schlechtem Wetter an der Bushaltestelle treffen müssen, weil unsere Eltern nur kleine Wohnungen hatten. Einen Jugendraum wollte uns die Stadt aber nicht geben. Dann haben wir protestiert und am Ende den Jugendraum doch gekriegt. Da habe ich angefangen, mich für Politik zu interessieren. Ich habe gemerkt, dass es sich lohnt, für etwas zu kämpfen.

Dein SPIEGEL: Bei der letzten Bundestagswahl im September hat Ihre Partei, die SPD, verloren. Waren Sie da so enttäuscht, dass Sie daran gedacht haben, zu kündigen?

Gabriel: Ja, das war Mist. Aufgeben wollte ich trotzdem nicht, weil ich in meinem Wahlkreis ein sehr gutes Ergebnis bekommen habe. Das heißt, die meisten Menschen bei mir zu Hause wollen, dass ich für sie in Berlin Politik mache. Und wenn die Leute dich wählen, dann darfst du als Politiker nicht einfach hinschmeißen, nur weil deine Partei nicht regieren kann.

Dein SPIEGEL: Aber lohnt es sich dann überhaupt, zu den Abstimmungen im Bundestag hinzugehen - Sie verlieren doch sowieso, oder?

Gabriel: Ja, das lohnt sich trotzdem, weil ich ja zeigen muss, welcher Meinung ich bin. Die Leute sollen wissen, wie ich zu den Fragen stehe, über die abgestimmt wird. Und manchmal machen wir von der SPD ja auch etwas mit der Regierungsmehrheit zusammen. Wenn wir der Meinung sind, dass das richtig ist, was die Regierung macht, dann stimmen wir im Bundestag auch zu.

Dein SPIEGEL: Aber meistens stimmen Sie dagegen, oder? Finden Sie, dass die Regierung viele Fehler macht?

Gabriel: Die machen ganz viel falsch. Die Regierungsparteien regieren gar nicht richtig, weil sie sich untereinander so viel streiten. Da streitet sich die CDU mit der CSU und die CSU mit der FDP. Das ist schlimm. Denn in der Zeit, in der die Regierung streitet, entscheidet sie nichts. Das ist das Problem. Aber das ist ja klar, dass ich das sage. Schließlich bin ich in der Opposition.

Dein SPIEGEL: Wieso beschimpfen Sie jetzt Frau Merkel ständig? Vor der Wahl hatten Sie noch zusammen regiert, da sind Sie doch gut miteinander ausgekommen.

Gabriel: Ich finde immer noch, dass Frau Merkel eine nette Frau ist. Und ich finde, dass die SPD früher zusammen mit ihr gute Politik gemacht hat. Aber was sie jetzt macht, ist falsch. Und deswegen kritisiere ich sie. So ist das eben: Wir von der SPD sagen, die CDU ist schlecht. Und wenn ihr mit denen von der CDU redet, sagen die: Die von der SPD sind blöd. Im Grunde müsst ihr euch euer eigenes Bild machen. Jeder muss selbst überlegen, was er richtig und was er falsch findet.

Dein SPIEGEL: Was ist denn an der SPD besser als an den anderen Parteien?

Gabriel: Eine ganze Menge. Ich finde, dass die SPD, anders als andere Parteien, immer zwei Sachen zusammenbringen will: Wir wollen, dass jeder Einzelne aus seinem Leben etwas machen kann. Und wir finden, dass man gleichzeitig gucken muss: Wie geht es eigentlich anderen Menschen? Die SPD möchte, dass man nicht nur an sich selbst denkt, sondern auch an die anderen. Mein Eindruck ist, dass es in der jetzigen Regierung viele gibt, die etwas für diejenigen machen, denen es sowieso schon ganz gutgeht. Und dabei vergessen sie die anderen, denen es nicht so gutgeht. Das macht die SPD, glaube ich, besser.

Dein SPIEGEL: Halten Sie immer das, was Sie versprechen?

Gabriel: Ich versuche das. Aber es kommt vor, dass ich etwas sage und später merke, dass ich mich geirrt habe, weil ich nicht genug wusste. Das passiert Politikern ebenso wie allen anderen Menschen. Aber ein Politiker darf nie bewusst die Unwahrheit sagen oder lügen. Und ich glaube, das mache ich auch nicht.

Dein SPIEGEL: Warum dürfen Kinder eigentlich nicht wählen?

Gabriel: Einige Leute wollen ja ein Kinder-Wahlrecht einführen. In meiner Partei sagen das auch manche. Aber die Mehrheit meint, man muss für eine Wahl etwas Lebenserfahrung haben, also erwachsen sein. Ob das stimmt, ist eine interessante Frage. Ich treffe manchmal Kinder und Jugendliche, die wissen mehr über Politik als ihre Eltern.

Dein SPIEGEL: Sie sind ja der Patenonkel vom Eisbären Knut. Kümmern Sie sich noch um den?

Gabriel: Ich war jetzt länger nicht mehr im Zoo. Aber als ich ihn das letzte Mal besucht habe, hatte der Knut ganz viel Moos im Fell. Er war gar nicht weiß, sondern sah ein bisschen gelblich aus. Aber der Zoodirektor hat mir gesagt, es gehe ihm gut. Als ich die Patenschaft für Knut übernommen habe, war ich ja noch Umweltminister. Knut haben wir damals als Maskottchen für eine große Umweltkonferenz ausgewählt. Als Dankeschön hat das Ministerium dann ein Jahr sein Futter bezahlt. Das war, als Knut sehr klein war. Wenn ich das heute noch machen würde, würde ich arm dabei, so viel frisst der.

Dieser Text ist ein Beitrag aus "Dein SPIEGEL - einfach mehr wissen", dem Nachrichtenmagazin für neugierige Kinder. Dein SPIEGEL berichtet über Politik und Kultur, über Themen aus Natur und Technik, über Sport und Spannendes aus aller Welt - immer unterhaltsam für junge Leser erzählt und erklärt. Das Inhaltsverzeichnis gibt es hier, bekommen kann man das Heft hier- und überall im Zeitschriftenhandel.

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