Schicksal "Warum ich?"

Vergangenen Sommer ereignete sich ein schreckliches Unglück: Vor den Komoren-Inseln stürzte ein großes Verkehrsflugzeug ab. Überlebt hat nur die 13-jährige Bahia. In DeinSPIEGEL, dem Nachrichtenmagazin für Kinder, erzählt sie, wie es ihr heute geht.

DDP

Mein Name ist Bahia Bakari. Ich bin 13 Jahre alt und wohne in einer kleinen Stadt südlich von Paris. Eigentlich bin ich ein ganz normales französisches Mädchen. Aber letzten Sommer ist mir etwas ganz und gar Außergewöhnliches passiert: Ich habe einen Flugzeugabsturz überlebt. Bei dem Unglück starben 152 Menschen, auch meine Mutter. Ich bin die einzige Überlebende. Aber das habe ich erst sehr viel später begriffen.

Wir waren auf der Reise zu den Komoren. Das sind Inseln im Indischen Ozean, nicht weit von der ostafrikanischen Küste. Meine Eltern kommen von den Komoren. Vergangenen Sommer bin ich mit Mama dorthin geflogen, zur Hochzeit meines Onkels. Papa hatte sehr lange gespart, um uns den Flug zu bezahlen. Die Reise sollte eine Belohnung für mich sein, weil ich in der Schule so gut bin. Außerdem hatte ich seit Jahren keine Ferien gemacht.

Unser Hinflug ging am 30. Juni von Paris über Marseille und Sanaa, der Hauptstadt des Jemen, bis auf die Komoren. Ich saß neben Mama und war froh, einen Fensterplatz zu haben. Schon die ganze Reise über hatte ich meine Nase am Fenster plattgedrückt, mir das Meer angesehen und die Berge.

Ich wollte zurück zu meiner Mutter

Von den letzten Sekunden des Fluges weiß ich fast nichts mehr. Das Einzige, woran ich mich erinnere, ist der Schmerz in den Ohren. Ein Gefühl, als würde mir jemand mit Messern das Trommelfell durchstechen. Es gab eine riesige Explosion, Schreie, und dann bin ich vom Himmel gefallen.

Als ich das erste Mal die Augen aufmachte, schwamm ich allein im Meer und klammerte mich an irgendetwas fest. Es war stockfinster, eine Nacht ohne Mond, aber ich sah Flugzeugtrümmer nicht weit von mir. Meine Kleider wogen zentnerschwer und zogen mich runter. Aber irgendwie gelang es mir, zu einem größeren Wrackteil zu schwimmen.

Ich klammerte mich mit aller Kraft daran fest, aber ich konnte mich nicht raufziehen. Meine Beine schmerzten wahnsinnig, sie hingen im eiskalten Wasser. Ich hatte den Geschmack von Salz und Benzin im Mund. Das war das Kerosin, der Flugzeugtreibstoff, den ich verschluckt hatte. Trotzdem habe ich in dem Moment gar nicht begriffen, dass unsere Maschine abgestürzt war. Ich dachte, dass nur ich allein aus dem Flugzeug gefallen sei, weil ich mich so stark gegen das Fenster gelehnt hatte. Ich wollte zurück zu meiner Mutter.

Als man mich endlich fand, hatte ich neun Stunden im eiskalten Wasser verbracht. Ein Mann von einem Rettungsschiff, Libouna Selemani Matrafi, hat mich gerettet. Ich werde seinen Namen niemals vergessen.

Ich war aus dem Flugzeug gefallen, das wusste ich

Im Krankenhaus auf den Komoren kam eine Psychologin zu mir. Erst verstand ich nicht, was sie erzählte. Ich war aus dem Flugzeug gefallen, das wusste ich. Ich ärgerte mich wahnsinnig über mich selbst, dass ich mich so sehr gegen das Fenster gelehnt hatte. Dann fragte ich die Psychologin, warum meine Mutter nicht da sei. Sie sagte: "Weißt du, ich glaube nicht, dass man deine Mutter gefunden hat. Man hat nur dich gerettet." Diese Worte haben mich zerschmettert.

Die Ärzte in Paris versorgten dann die Brüche an meiner Hüfte und meinem Schlüsselbein. Sie haben die Wunde unter meinem linken Auge genäht, haben Haut transplantiert und dort eingesetzt, wo meine Füße und Knie verbrannt waren. Die Chefärztin erklärte mir, dass ich sehr tapfer sei. Mir tat es gut, das zu hören.

Aber bis heute verstehe ich nicht, warum ich überlebt habe. Warum ich? Warum nicht meine Mama? Warum nicht der kleine Junge, der auf dem Sitz hinter mir mit seinem Gameboy spielte?

Inzwischen habe ich mich von allen Knochenbrüchen erholt. Mir geht es wieder gut. Nur meine Lungen muss ich regelmäßig kontrollieren lassen, wegen des Flugzeugbenzins, das ich verschluckt habe.

Später will ich selbst Ärztin werden, aber das wollte ich schon vor dem Unglück.


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