Miroslav Klose: "Ich habe bei null angefangen"

Miroslav Klose, 32, wanderte als Kind von Polen nach Deutschland aus. Der Fußball half ihm, neue Freunde zu finden. Heute ist er Profi und die Nummer eins im Sturm der deutschen Nationalmannschaft. In "Dein SPIEGEL", dem Nachrichtenmagazin für Kinder, erzählt er über seinen langen Weg.

Miroslav Klose: "Ich habe bei Null angefangen" Fotos

Mein erstes Zuhause habe ich mit acht Jahren verlassen. Meine Freunde, meine Tanten und Onkel, meine Cousins und Cousinen. Damals wanderten meine Eltern mit mir und meiner Schwester von Polen nach Deutschland aus. Für mich war hier alles neu und fremd. Aber zu Hause gefühlt habe ich mich trotzdem - immer dann, wenn ich draußen auf dem Bolzplatz stand.

Aus Polen wollten meine Eltern weg, weil sie glaubten, dass es hier in Deutschland eine bessere Zukunft für uns geben würde. Mein Vater war Fußballer, er spielte sogar sowohl in der polnischen als auch in der französischen ersten Liga. Aber die Spieler verdienten nicht gut, auch meine Mutter als Handball-Nationalspielerin nicht. Ich weiß noch, dass unsere Wohnung sehr, sehr klein war. Mit meiner älteren Schwester habe ich mir das Zimmer geteilt. Das andere Zimmer war tagsüber zum Wohnen da, und nachts schliefen meine Eltern darin.

In dem Haus lebten viele Familien. Unsere Wohnung war in der siebten Etage, also ganz schön weit oben. Wenn ich aus dem Fenster schaute, dann habe ich die Wiese gesehen, auf der manchmal eine Kirmes mit lauter kleinen Ständchen aufgebaut war. Da bin ich - das werde ich nie vergessen! - das erste Mal in meinem Leben Kettenkarussell gefahren. Das war für mich das Allergrößte damals.

Ein Bolzplatz? Dann kann es ja hier so schlecht nicht sein

Wenn keine Kirmes auf der Wiese war, dann haben meine Freunde aus der Nachbarschaft und ich dort Fußball gespielt. Mir hat das schon immer Spaß gemacht, aber ich habe das Bolzen bis dahin nie als ernste Sache gesehen. In einen Verein einzutreten wäre mir überhaupt nicht in den Sinn gekommen. Das kam erst später.

Als meine Eltern mir sagten, dass wir nach Deutschland gehen würden, hatte ich natürlich ein wenig Angst. Aber meine Neugier war viel größer. Wir packten die wichtigsten Sachen in unser Auto und sind über die Grenze in ein Flüchtlingslager in Niedersachsen gefahren. Das kann man sich gar nicht vorstellen: Dort wohnten vier, fünf Familien in einem Raum, und es gab für alle bloß eine Gemeinschaftstoilette. Ich wusste nur, dass wir hier unbedingt unsere deutschen Pässe bekommen mussten, damit wir weiterfahren konnten.

Zum Glück haben wir das in nur neun Tagen geschafft. Es war ein ganz tolles Gefühl, als wir anschließend wieder in unserem Auto saßen und unser Leben in Deutschland richtig begann.

Unsere neue Heimat sollte das kleine Dorf Kusel bei Kaiserslautern werden, weil eine Tante von mir dort schon seit ein paar Jahren wohnte. Überhaupt lebten viele Ausländer dort: Polen, Russen, Albaner, sogar zwei Familien aus Nigeria. Die meisten wohnten mit uns in einem Wohnblock oben auf dem Berg. Als wir ankamen, habe ich gleich den Bolzplatz entdeckt. So schlecht kann's ja hier nicht sein, habe ich da gedacht.

Die Karriere begann bei Blaubach-Diebelkopf

Fußball ist international, da muss man nicht dieselbe Sprache sprechen, um sich zu verstehen. Als ich nach Deutschland kam, konnte ich nur "ja" und "danke" sagen. In der Schule war das natürlich ein Problem. An meinem ersten Tag sollte ich ein Diktat schreiben, aber ich habe ja nichts verstanden. So musste ich ein leeres Blatt abgeben, und die Lehrerin war sauer auf mich. Sie fing an zu schimpfen, was ich zum Glück ebenso wenig verstehen konnte. Nach der zweiten Stunde bin ich weinend nach Hause gelaufen.

Deutsch habe ich aber sehr schnell durch meine neuen Freunde gelernt. Durch Fußball kann man sich wahnsinnig gut integrieren. Als die anderen Jungs gemerkt haben, dass ich ganz gut spiele, war ich immer als Erster in der Mannschaft. Wir haben stundenlang gekickt und sind abends oft noch in den Wald gegangen und haben am Lagerfeuer gesessen. Und die Geschichten, die wir uns erzählt haben, waren natürlich alle auf Deutsch.

In der Schule lief es dadurch bald besser. Zuerst war es komisch, dass ich mit den Jüngeren in der zweiten Klasse saß, aber ich musste ja viel aufholen. Als ich älter war, spielte ich bei einem Fußballturnier gegen das Gymnasium in unserem Ort mit. Dort fiel ich dem Vater eines Mitschülers auf, der Trainer bei der SG Blaubach-Diedelkopf war. Dort ging dann ganz allmählich meine Fußballkarriere los.

Gewohnt habe ich aber noch lange bei meinen Eltern mit dem Bolzplatz vor dem Haus. Sogar, als ich schon bei Kaiserslautern gespielt habe. Auch wenn mein Leben heute ganz anders aussieht, denke ich immer daran, wo ich herkomme. Meine Eltern und ich haben hier komplett bei null angefangen. Dieses Gefühl prägt mich bis heute.

Protokoll: Katharina Fuhrin

Dieser Text ist ein Beitrag aus "Dein SPIEGEL - einfach mehr wissen", dem Nachrichtenmagazin für neugierige Kinder. Dein SPIEGEL berichtet über Politik und Kultur, über Themen aus Natur und Technik, über Sport und Spannendes aus aller Welt - immer unterhaltsam für junge Leser erzählt und erklärt. Das Inhaltsverzeichnisgibt es hier , bekommen kann man das Heft im SPIEGEL-Shop - und überall im Zeitschriftenhandel.

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