Der SPIEGEL

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12. Mai 2011, 08:43 Uhr

Menschen

Ein Dorf zieht um

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Das Dorf Pier in Nordrhein-Westfalen hatte mal 1400 Einwohner, heute sind nur noch ganz wenige übrig. Weil in der Erde unter dem Dorf Braunkohle liegt, wird es jetzt abgerissen und woanders wieder aufgebaut.

Julias Zuhause ist nicht mehr da. Das Haus, der Garten und die Garage sind verschwunden. Ein paar alte Bierflaschen liegen herum, überall wuchert Unkraut.

"Ich weiß noch genau, wie mein Zimmer aussah", sagt die Zehnjährige. "Und hinter dem Haus hatten wir Bäume zum Klettern." Manchmal hat sie abends im Bett Autos gehört, die auf der Straße vor dem Haus vorbeigefahren sind. Die Straße gibt es noch, aber sie führt nirgendwo mehr hin.

Die Häuser von Julias Familie und ihren Nachbarn wurden abgerissen, eines nach dem anderen. Nur ein paar Straßenlaternen stehen noch. Auch die kommen bald weg.

Julia, ihre Familie und die anderen aus dem Dorf sind nicht freiwillig gegangen. Sie mussten umziehen, das haben Politiker so beschlossen. Denn in der Erde unter ihrem Dorf in Nordrhein-Westfalen liegt Braunkohle.

Braunkohle ist wichtig, damit es genügend Strom in Deutschland gibt. Neben Atomkraft, Solarzellen und Windrädern bekommen die Deutschen ihren Strom im Moment vor allem aus Kraftwerken, die mit dieser Kohle gefüttert werden: Im vergangenen Jahr war das ein Viertel des gesamten Stroms. Vor Millionen Jahren hatte sich aus verrotteten Sträuchern und Bäumen unter der Erdoberfläche das bräunliche Gestein gebildet. Mit gigantischen Baggern - manche sind so groß wie zwei Fußballfelder - schaufeln die Menschen die Kohle aus dem Boden.

Früher wusste man nicht, dass ausgerechnet unter Julias Dorf Kohle liegt. In der gesamten Gegend entstanden Dörfer, wurden Häuser, Schulen und Spielplätze gebaut. Pier, so heißt Julias altes Dorf, ist nun im Weg. Die Energiekonzerne wollen auch hier nach Kohle buddeln. Deshalb wird das Dorf jetzt abgerissen und an einer anderen Stelle wieder aufgebaut.

Ganz schön gruselig, wie eine Geisterstadt

Viele Wohnhäuser sind schon weg, als Nächstes ist der Kindergarten dran. Julia möchte ihn noch einmal besuchen, ein letztes Mal. Früher ist sie hier mit anderen Kindern durch den Sandkasten getobt. Jetzt haben Arbeiter dicke Holzbretter vor die Fenster des kleinen Häuschens genagelt. "Ganz schön gruselig", findet Julia das verlassene Pier, "wie eine Geisterstadt." Kann man Menschen einfach so zum Umziehen zwingen, auch wenn sie nicht wollen? Ja, kann man - allerdings nur in Notfällen. So steht es im Gesetz. Die Braunkohle ist so ein Notfall. Es ist wichtig, dass alle Menschen genug Strom zum Leben haben, auch wenn einige dabei ihr Zuhause verlieren.

"Das ist natürlich traurig", sagt Julias Mutter Astrid. Sie hat schon ihr ganzes Leben lang in Pier gewohnt und sieht nun, wie es Stück für Stück verschwindet. "Aber es hat auch gute Seiten." Die Umsiedler - so nennt man Menschen wie Julias Familie - bekommen ein schönes neues Haus und können sich sogar ihre Nachbarn aussuchen. Den Neubau bezahlen die Energie-Unternehmen, die mit der Kohle sehr viel Geld verdienen.

Doch nicht nur die Bewohner von Pier müssen umziehen, auch die Grundschule, der Bolzplatz und die Sporthalle. Besonders unheimlich: Der Friedhof muss ebenfalls weg. Man kann seine toten Verwandten ja nicht einfach dem Braunkohle-Bagger überlassen. Sie werden auf einen anderen Friedhof in der Nähe gebracht.

Noch sind nicht alle Umzugskisten ausgepackt, aber für Julia fühlt sich das neue Zuhause trotzdem gut an. "Mein neues Zimmer ist viel größer als das alte", schwärmt sie. Ihr Bruder Nils jagt mit einem Freund einen Fußball durch den Garten. Die beiden Jungs wohnen jetzt ganz nah beieinander, viel näher als im alten Dorf. Das Beste am neuen Haus - und da sind sich die Geschwister einig - ist aber der Pool: Der Sommer kann kommen.

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