Menschen Ich bin ein Rolli-Kind

Doro, 13, ist gelähmt. Sie lebt in einem Internat mit anderen körperbehinderten Kindern. Hier erzählt sie, wie sie ihr schwieriges Leben im Rollstuhl meistert.


Ich bin von Geburt an gelähmt. Mir gehorchen meine Beine nicht, von den Knien abwärts bis zu den großen Zehen. Wenn mich jemand fragt, was ich mir am meisten wünsche, dann muss ich nicht lange überlegen: Ich will hinter einem Ball her flitzen, mit dem Rad fahren oder inlineskaten. Eigentlich das Normalste von der Welt.

Mein Name ist Doro. Ich bin 13 Jahre alt, und ich sitze im Rollstuhl.

Gleich nachdem ich zur Welt kam, haben die Ärzte zu meiner Mama gesagt, dass ihr Kind niemals richtig laufen wird. Natürlich war das ein großer Schock.

Ich habe eine Behinderung, die heißt Spina bifida. Meine Wirbelsäule ist beschädigt. So etwas kommt bei 1000 Geburten nur etwa ein einziges Mal vor.

Aber eine Behinderung kann jeder bekommen. Wie schnell das geht, habe ich bei Samuel Koch gesehen. Er war Kandidat bei der TV-Show "Wetten, dass ..?" und wollte über ein Auto springen. Dabei ist er gestürzt und seither gelähmt. Als ich das sah, habe ich mich fürchterlich erschrocken.

Ich kann mir vorstellen, dass er sich in der Klinik gefragt hat: Will ich so überhaupt leben? Ich hätte ihn am liebsten angerufen und gesagt: "Was dir passiert ist, ist schlimm. Aber glücklich zu sein hängt nicht davon ab, ob man seine Beine bewegen kann." Ich habe schon früh gelernt, dass für mich nicht alles im Leben, aber trotzdem vieles möglich ist.

In meinem Rolli kann ich eine Menge anstellen

Seit zwei Monaten gehe ich auf ein Internat für körperbehinderte Schüler. In Wülferode, einem Stadtteil von Hannover, etwa 160 Kilometer von zu Hause entfernt. Als meine Mama mir sagte, dass es dort ein tolles Internat gibt, hatte ich gemischte Gefühle. Im Internat ist vieles einfacher, die Mitschüler machen keine blöden Sprüche, so wie das an meiner alten Schule war - aber ich bin eben auch von der Familie getrennt.

Anfangs hatte ich starkes Heimweh. Außerdem fand ich, dass ich plötzlich viel zu wenig Freizeit hatte, um mit meinen Freunden auf Facebook zu chatten - puh!

Nach der Schule mache ich meistens Krankengymnastik und übe ein bisschen zu laufen. Dafür habe ich extra Schienen bekommen, die meine Beine stabilisieren. Endlose Minuten brauche ich für die wenigen Meter die Treppen hoch bis in mein Zimmer. Dabei sehe ich aus wie ein Seiltänzer kurz vor dem Absturz. Und wenn ich oben ankomme, dann keuche ich, als ob ich einen Marathon gelaufen wäre. Aber ich habe es geschafft.

Am Nachmittag machen wir Ausflüge oder gehen zum Sport. In meinem Rolli kann ich nämlich eine Menge anstellen - fast so viel wie ein Fußgänger: Ich spiele Basketball, Tischtennis und bin eine leidenschaftliche Tänzerin. Gerade habe ich mich bei einer Rolli-Cheerleading-Gruppe angemeldet.

Meine neuen Mitbewohner haben mich sehr nett aufgenommen. Das Haus, in dem ich wohne, ist wunderschön. Unsere Zimmer sind in hellem Blau, Grün oder Orange gestrichen. Außerdem wohnen wir nur ein paar Kilometer von der Schule entfernt.

Wir sind hier zehn Kinder. Das jüngste ist 9 Jahre alt, das älteste 18. Fast alle sitzen im Rollstuhl. Wir leben ähnlich wie in einer großen Familie, nur ohne Eltern. Stattdessen haben wir sechs Betreuer, die sich ständig um uns kümmern. Behinderte Menschen brauchen nämlich viel Hilfe. Wenn wir zum Beispiel allein ins Kino oder in ein Musical gehen wollen, dann muss das Gebäude barrierefrei sein. Barrierefrei heißt, dass Menschen mit Rolli ohne fremde Hilfe hineinkommen. Viele solche Orte gibt es in Deutschland davon nicht. Deshalb muss mich fast immer ein Betreuer begleiten.

Im Internat brauche ich meine Behinderung vor niemandem zu verstecken

Als ich noch zu Hause lebte und auf eine ganz normale Schule ging, wurde ich von meinen Klassenkameraden oft gehänselt. Früher hat mir das weh getan, und ich habe oft geweint. Irgendwann habe ich mich nicht mehr getraut aufzustehen, um ein paar Meter zu gehen. Weil das etwas komisch aussieht und vielleicht jemand eine böse Bemerkung macht. Vielleicht wissen die Kinder gar nicht, wie sehr sie mich verletzt haben. Eigentlich finde ich, dass Rolli-Kids und Fußgänger auf dieselben Schulen gehen sollten - und in vielen Fällen klappt das auch. Aber als dann auch noch meine Noten schlechter wurden, hat meine Mama sich um das Internat gekümmert.

Hier brauche ich meine Behinderung vor niemandem zu verstecken. Wenn heute Leute auf der Straße gaffen und blöde Bemerkungen machen, dann macht es mir nichts mehr aus. Ich glaube, die Menschen sind einfach nur unsicher. Wenn jemand anders ist, dann macht ihnen das Angst.

Ein paar Jahre bleibe ich jetzt bestimmt hier wohnen. Was danach kommt? Das weiß ich noch nicht. Jetzt mache ich erst mal bei einem Filmprojekt für Rolli-Kinder mit. Was und wo wir drehen, das entscheiden wir selbst. Ich hoffe, es wird ein Liebesfilm - und ich spiele darin die Hauptrolle!

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